Housewarming

Nachdem Posterous in den nächsten Stunden abgeschaltet wird — eine Plattform, die ich nie besonders mochte, aber die mir vor ein paar Jahren immerhin über die Schwelle geholfen hat, mit dem Bloggen anzufangen — bin ich nun in die eigenen vier Wände umgezogen. Herzlich willkommen bei drmirror.net. Es ist alles noch etwas unordentlich hier, so als würden noch ein paar Umzugskisten herumstehen, aber die Texte der vergangenen Jahre sind alle da, und das wichtigste: Ihr seid hier.

Ein Glas Sekt müssen wir virtuell aufmachen (sic), aber was ich Euch anbieten kann, sind die Einträge aus diesem Blog, die mir bislang als die wichtigsten erscheinen, und die der eine oder andere vielleicht zum ersten Mal oder wiederlesen möchte. Meine Top 3:

Mein offener Brief an Michael Krüger vom letzten Sommer war der bislang weitreichendste Eintrag in diesem Blog, aber das war ein Brief und der war einer besonderen Situation geschuldet, darum gehört er nicht in die Liste dieser Top 3.

Ich gelobe außerdem, dass ich nicht lange in dieser Retrozität schwelgen werde. Es sind schon einige neue Sachen in Vorbereitung. Bitte justiert Eure Links und RSS-Empfangsgeräte.

Wie Nordkorea bei Nacht

Die Seite tweetping.net, die seit ein paar Tagen begeistert im Netz herumgereicht wird, bringt es an den Tag: Im Twitterlicht sieht Deutschland aus wie Nordkorea bei Nacht.

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Tweetping zeigt, weltweit und in Echtzeit, eine Stichprobe aller Tweets an, die einen Geotag, also eine geografische Absendeadresse haben. Das haben Tweets nicht automatisch, man muß es ausdrücklich in den eigenen Twittereinstellungen aktivieren. Nur etwa ein Prozent aller weltweit versandten Tweets haben so einen Geotag.

Das Ganze ist grafisch wunderbar umgesetzt, und so macht das Zuschauen regelrecht süchtig. Man kann der Ostküste der USA beim Aufwachen zusehen, ein paar Stunden später die ersten, vereinzelten Tweets aus Alaska beobachten, die europäischen Großstädte der Lage nach erraten, und in Australien leuchten Brisbane, Sydney und Melbourne als kleine Funzeln am Rand eines großen, dunklen Kontinents.

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Und Deutschland? Hm. Wer nach Mitteleuropa schaut, hat unweigerlich das Gefühl, dass hier irgendetwas komisch ist. Man muß schon ziemlich lange und sehr genau hingucken, um gelegentlich einen Tweet in Berlin, Hamburg oder Frankfurt aufblitzen zu sehen, während nebenan Großbritannien oder die Beneluxstaaten glühen, dass es fast die Pixel aus dem Bildschirm brennt. Das ganze erinnert frappierend an die Satellitenaufnahmen von Nordkorea bei Nacht, die einen dunkel ausgeschnittenen Fleck gleich über den gleißenden Lichtern von Seoul und unterhalb der chinesischen Provinzstädte im Norden zeigen. Eine politische Realität in optische Wellenlängen übersetzt.

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(Es sei mir ferne, mich hier über Nordkorea lustig zu machen; ich empfehle stattdessen sehr das erschütternde, aber auch wunderbare Buch von Barbara Demick, Nothing to Envy: Ordinary Lives in North Korea.)

Was sagt das Twitterlicht über Deutschland? Dass die drittgrößte viertgrößte Volkswirtschaft der Welt auf der Twitter-Landkarte so auffällig fehlt, muß systematische Gründe haben. Irgendetwas spezifisch Deutsches ist hier am Werk. Die allgemeine Twitterskepsis in Deutschland kann es alleine nicht sein; zwar ist es richtig, dass in Großbritannien etwa dreimal mehr aktive Twitternutzer sind als in Deutschland, aber der Intensitätsunterschied auf der Landkarte ist überproportional größer.

Nein, die Deutschen mögen offensichtlich das Geotagging nicht. Gehtniemandwasanvonwoichtwittere.

Das Argument, die Funktion sei zu tief in den Twittereinstellungen versteckt, so dass niemand darauf komme, zieht nicht. Denn das gilt für alle anderen Länder genauso. Die Karte von Tweetping zeigt nur den sehr kleinen Anteil (etwa 1%)  von Twitternutzern, die diese Einstellung ausfindig gemacht und bewußt aktiviert haben. Und solche Leute fehlen in Deutschland fast völlig, anders als zum Beispiel in Indonesien, wo Twittern mit Geotag fast schon zum guten Ton zu gehören scheint.

Ja, es ist wohl die international beispiellose Angst um die Privatsphäre, die in Deutschland offenbar so tief im Bewußtsein verankert ist, dass sie selbst in der technikaffinen Bevölkerungsgruppe der Twitternutzer offen zutage tritt.

Warum sind die Deutschen so? Ist es noch immer Hitler und der Zweite Weltkrieg, den wir da auf dem Bildschirm sehen? Es bedürfte mehr als dieses Blogartikels, um dieser Frage nachzugehen. Eins aber scheint sicher: Das wird sich so schnell auch nicht ändern. Ich will darum auch an niemanden appellieren oder zu irgendetwas aufrufen, sondern lediglich vier Gründe nennen, warum ich Geotagging für eine gute Sache halte.

  1. Der Ort, von wo eine Nachricht gesendet wird, ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Nachricht, seine Angabe eine Art Unterton, der die Nachricht verortet und zur physischen Welt in Beziehung setzt. Briefeschreiber ahnten das noch, wenn sie schrieben: »Berlin, den 14.1.1962«.
  2. Twitter ist immer auch Menschheitsarchiv. Wer in den öffentlichen Raum, den Twitter darstellt, hineinspricht, macht eine öffentliche Äußerung, die unter verschiedensten Gesichtspunkten interessant sein und ausgewertet werden kann, von Epidemologie zu Linguistik zu Soziologie; Kriterien also, die der Absender beim Vor-Sich-Hintwittern aller Wahrscheinlichkeit nach überhaupt nicht im Blick hat. Geotagging ist eine entscheidende Information für solche Analysen; wer nicht geotaggt, beraubt die Wissenschaft einer wesentlichen Information.
  3. Das Argument »Aber es steht doch in meinem Profil« ist geschenkt. Ich seh’ schon, du hast keine Lust.
  4. Es sieht auf Tweetping schöner aus.

Und um Deutschland vielleicht noch einen winzigen Vorteil zu verschaffen gegenüber anderen Ländern, die sowas nicht haben, hier noch eine Anleitung, wie man das Geotagging aktiviert.

  1. Auf der Twitter-Hauptseite auf das Zahnrad oben rechts klicken, »Settings« auswählen (heißt bei deutschem Browser vermutlich »Einstellungen«).
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  2. Auf der Einstellungsseite findet sich im unteren Drittel die Option »Add a location to my tweets«.
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  3. Damit ist das Geotagging erst einmal grundsätzlich verfügbar. Es kann/muß aber für jeden einzelnen Tweet ausdrücklich eingeschaltet werden. In der Browser-Oberfläche gibt es dafür eine Schaltfläche mit einem Location-Symbol unter dem Tweeteingabefeld.
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  4. Damit in der Liste unter dem Tweeteingabefeld überhaupt Orte angezeigt werden können, kann es nötig sein, dem eigenen Browser zu erlauben, dem Twitter-Server den eigenen Standort mitzuteilen. Dazu erscheint beim ersten Auswählen der Funktion wahrscheinlich ein entsprechender Hinweis des Browsers, mit der Bitte, es zu bestätigen.
  5. Mobile Twitterclients für’s Smartphone haben in der Regel auch irgendein Location-Symbol im Tweeteingabefenster. Dieses Symbol muß man aktivieren. Ein mobiler Client wird dann in der Regel die genaueste, ihm verfügbare Position als Absendeort des Tweets angeben, während in der Web-Oberfläche nur eine städte-genaue Position ermittelt und dem Tweet mitgegeben wird.
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  6. In der Web-Oberfläche wird bei einem empfangenen Tweet normalerweise nur dann ein Location-Symbol eingeblendet, wenn der Tweet per Smartphone eine genaue Koordinate erhalten hat. Falls der Tweet per Browser grob verortet wurde, sieht man diese Angabe nur dann, wenn man den Tweet »aufklappt«.

Welcome back, Sebastian,

willkommen zurück auf Twitter, im richtigen Leben. Hast uns also eine Woche auf stumm geschaltet, aber selber weitergetwittert, ein effektvolles Selbstexperiment mit vielleicht einem ganz kleinen Bisschen Selbstinszenierung.

Experiment (ab sofort): Lese eine Woche meine TL, Replies und Favs nicht mehr und beobachte, ob und wie sich meine Tweets dadurch verändern.
— Sebastian Baumer (@infinsternis) January 24, 2013

Der Abwesende gewinnt an Bedeutung, gerade natürlich dann, wenn uns aus der Abwesenheit ein gelegentliches Kommuniqué erreicht. Ich hätte gern auf manche Deiner Tweets diese Woche geantwortet, kann das nun nicht, und lasse mich also auf Dein Experiment ein, indem ich diesen anderen Weg hier wähle, nicht minder öffentlich, aber doch gewissermaßen im Spiegelbild zu Deiner semipermeablen Klausur.

“Fast möchte man ihm glauben, dass er diese Dinge auch ohne Publikum getan hätte.”
— Sebastian Baumer (@infinsternis) January 25, 2013

Aber eben nur fast.

Faszinierend, das Experiment “die TL nicht mehr lesen” ausgerechnet an dem Abend gestartet zu haben, an dem irgendetwas Heftiges passierte.
— Sebastian Baumer (@infinsternis) January 25, 2013

Als ich das las, war ich mir nicht sicher, ob ich dieses »irgendwas Heftige« selber mitgekriegt hatte. Du meinst doch nicht etwa…? (Und woher weißt Du?) Ich glaube, es hörte sich aus der Distanz (ähnlich der Distanz der klassischen Medien, die dann darüber berichteten) größer an, als es für uns drinnen war. Für mich jedenfalls. Heftig ist anders.

Blindes Debattenstatement: Frauen denken viel komplexer als Männer. Ich mag das sehr. Brüste mag ich auch sehr. Aber Aufdringlichkeit nicht.
— Sebastian Baumer (@infinsternis) January 25, 2013

Für diesen Tweet hätte sich Dein Experiment bereits gelohnt: Kompliment. Der ließ sich wohl nur aus der Distanz so formulieren, und für mich war damit bereits alles gesagt, was es über das Thema zu sagen gab. Auf wunderbare Weise.

Tag 2 ohne TL: Abgeschnittenheit; Erfahre Fragmente über Medien; Phantasiere hunderte Unfollower; Widerstehe, nachzusehen. #experimentstille
— Sebastian Baumer (@infinsternis) January 26, 2013

Schon okay, Apollo 13, wir haben Sie auf dem Schirm.

Twitter wird mir zunehmend fremder. Aber ich schreibe langsam wieder selbst, nicht in irgendeinem seltsamen Normenkollektiv.
— Sebastian Baumer (@infinsternis) January 26, 2013

Und damit stößt Du natürlich in den Kern Deines Experiments. Das seltsame Normenkollektiv — die Favs und die Fans, vor allem aber doch wohl der Ton, der auf Twitter herrscht, variabel zwar, vielschichtig, der aber doch so leicht umschlägt in einen Mehrheitston, der dann bestimmt, was möglich ist, was man sagen kann auf Twitter, und was nicht.

Dein Experiment in Ehren, aber ich wünsche mir Leute, die auf Twitter, also in echtem Ausgesetztsein, ihre eigene Sprache, ihren eigenen Ton und ihre eigene Welt behaupten. Da wird’s spannend.

(Und ich erinnere mich wieder an die gute @stattkatze, die mal sagte, man müsse Twitter so benutzen, als gäbe es nur einen selbst da. Und die richtigen.)

Lerne gerade eine Menge über mich und die Medien. Kann blindes Twittern dringend weiterempfehlen (bis am Ende alle nur noch Sender sind).
— Sebastian Baumer (@infinsternis) January 27, 2013

Da hast Du’s. Wobei mir die Anmerkung erlaubt sei, dass sich für uns, die wir uns schon über ein paar hundert Follower freuen, und die wir vielleicht einmal pro Woche einen Fav oder eine Antwort auf einen Tweet bekommen, Twitter über weite Strecken ganz genauso anfühlt: Man spricht in einen großen leeren Raum hinein, und die einzige Stimme, die einem sagt, ob es was taugt, was man da macht, ist die eigene. Wenn sie nur nicht so leise wäre, und so leicht irritierbar.

Will heißen, Du arbeitest Dich hier auch an Deiner eigenen Popularität ab, einer Popularität, die interessanterweise nicht zuletzt in genau diesem Abarbeiten begründet liegen dürfte. Au Backe.

Gestehe: Ihr fehlt mir heute Abend ein bisschen. Außer, ihr shitstormt gerade irgendwen oder über irgendwas. Dann nicht.
— Sebastian Baumer (@infinsternis) January 29, 2013

Das Fehlen ist ganz auf unserer Seite.

Aktuelles Twitterentzugsstadium: Treffe Leute aus der TL und frage sie, was dort passiert; Schreibe mir die dummen Witze bereits selbst.
— Sebastian Baumer (@infinsternis) January 29, 2013

Da scheint sich ein leichtes Delirium anzubahnen. Nur so ist dann wohl auch die Tweetlawine zu erklären, die Du später an diesem Abend losgetreten hast. Dieses 90er-Jahre-Privatmem, mäßig komisch und ohne Erkenntniswert, und wenn schon nichts sonst, dann doch die Regel verletztend, über die wir uns gerade vor Deinem Hiatus noch unterhalten hatten: Dass ab einer bestimmten Menge von Tweets nur noch Mist kommen kann. Und dann der hier:

Glaube, das war gerade das erste Mal, dass ich etwas sehr Persönliches ungefiltert getwittert habe. Hat auch nur drei Jahre gedauert.
— Sebastian Baumer (@infinsternis) January 29, 2013

Schade eigentlich. Können wir in den nächsten drei Jahren mehr Mut erwarten?

Ich habe echt Angst wieder Twitter zu lesen und dadurch wieder Zyniker zu werden.
— Sebastian Baumer (@infinsternis) January 31, 2013

Und da wird dann doch, pardon, der Hund in der Pfanne verrückt. Als würdest Du vorsätzlich ignorieren, dass man sich Twitter einstellen kann, dass der Follow-Button sich, immer wenn man draufdrückt, in einen Unfollow-Button verwandelt. Von jemand, der zum Führen eines Twitter-Accounts berechtigt ist, sollte man erwarten können, dass er sich die Timeline korrekt einteilt, dass er das »Folge wild und gefährlich« zu balancieren weiß gegen die Notwendigkeit, den eigenen Kompass nicht aus den Augen zu verlieren.

Es sei denn, es sei denn,… Es sei denn, er sucht sich die Leute, über die er sich aufregen kann, selber aus. Weil das Aufregen so effektvoll ist. Woll’n wir nicht hoffen.

Endlich Timeline wieder an. Lese Talkshowtweets. Lese Hasstweets gegen Aktphotographie. Timeline sofort wieder aus.
— Sebastian Baumer (@infinsternis) January 31, 2013

Und ich sag noch…

Die mich einiges über mein Medium lehrende Geschichte eines einwöchigen Twitterentzugs. http://lampiongarten.wordpress.com/2013/01/31/die-mich-einiges-uber-mein-medium-lehrende-geschichte-eines-einwochigen-twitterentzugs/
— Sebastian Baumer (@infinsternis) January 31, 2013

Okay, das war zu erwarten. Du betreibst selbst auch einige Aufarbeitung. Ich habe Deinen Text über Deine Entzugswoche noch nicht gelesen und werde das erst tun, wenn ich diesen hier ordentlich formatiert und online gestellt habe.

Man liest sich. Take care. Welcome back.

Kunst und die Mehrheit

Kurze, aber für die Kommentarfunktion doch wohl zu lange Antwort auf Sebastian Baumers “Lose Gedanken zum Zusammenhang von Popularität und Qualität”.

Ich finde den Text und den Ansatz interessant, fürchte aber, dass er die Realität doch so stark vereinfacht, dass im günstigsten Fall nicht mehr als eine brauchbare Faustregel herauskommt, im ungünstigsten eine wohlfeile Verachtung der Masse, die den Blick auf manches wesentliche verstellt.

Ein typisches Beispiel ist ja immer Kafka: Sicher einer der größten Autoren des 20. Jahrhunderts, hochkomplex, aber gleichzeitig durchaus massenkompatibel und populär.

Das erste Problem (und es ist größer als man denkt) besteht darin, dass wir tatsächlich nicht wissen, was Qualität in der Kunst ist. Wenn wir wüßten, was gute Kunst ist, bräuchten wir keine Kunst mehr. (Und das Universum würde sich augenblicklich auflösen und durch etwas noch Bizarreres ersetzt werden.)

Etwas ist nicht automatisch dadurch gut, dass es kompliziert ist, und Einfachheit ist nicht notwendig ein Indikator für Kitsch.

Das zweite Problem ist, dass die Beziehung der Masse zur Qualität nicht so einfach und eindimensional ist. Die Popularität ist nicht so direkt mit der Qualität korreliert, und nicht einmal mit der einfacher zu bestimmenden Komplexität.

Ein Bild, das mir einfiel, ist Teamschach, das per Mehrheitsentscheid gespielt wird. Dabei kommen grundsätzlich nur durchschnittliche Züge heraus, und ein einigermaßen fähiger Schachspieler kann so ein Mehrheits-Team in aller Regel problemlos schlagen. Das heißt aber nicht, dass die Züge der Mehrheit alle besonders schlecht sind. Viele werden grundsolide sein, über jeden Zweifel erhaben, und ein Einzelspieler würde an der Stelle des Teams diese Züge ganz genauso machen. Der Einzelspieler wird aber an einigen entscheidenden Stellen von der Meinung der Mehrheit abweichen und bessere, schwierigere, oder auch nur unvorhersehbarere oder seinem persönlichen Stil gemäßere Züge spielen. Und darum ist Einzelschach auch besser als Mehrheitsschach, selbst in der leicht meßbaren Größe der Spielstärke.

Es ist aber nicht grundsätzlich so, dass man gefahrlos alles ignorieren kann, was einen gewissen Mehrheitskonsens erreicht hat. Das gilt sowohl im Schach wie auch in der Kunst.

Ich finde, dass Kunst eine der mysteriösesten Erscheinungen überhaupt ist — so mysteriös wie die Welt, zu der sie sich zu verhalten versucht. Und diese Mysteriosität erstreckt sich ganz genauso auf das Verhältnis von Masse, Bekanntheit und Popularität zur Kunst. Es ist Teil desselben Problems.

Womit ich nichts gegen Faustregeln gesagt haben will.

Mraksh

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Soeben ist es als elektronisches Buch erschienen: Mraksh, mein literarisches Protokoll einer Reise nach Marrakesch. Hier ein paar Auszüge.

Der Himmel ist eine einzige blaue Sonne. Zwar mag es eine Pupille geben, gleißend wahrscheinlich, aber nie würde man es wagen, sich da hinzuwenden, dieser Ort des Himmels ist tabu; eine einzige blaue Sonne, das genügt — dieses Leuchten an der Kante der blassroten Mauer auf der Dachterasse.

Liste der möglichen, Liste der unmöglichen Dinge.

Möglich: bloßes Gehen, gerades Gehen in der Mitte der Gasse, keinen Blick länger als eine halbe Sekunde, stetig wandernder Blick, auch wenn einer der Verkäufer eine einladende Handbewegung macht — nicht schauen, vorbeischauen, ihn nur aus dem Augenwinkel wahrnehmen, nicht auf Anrufe reagieren: möglich, aber das kann nicht sein. Zählt nicht. Zuwenig. Unanwesenheit. Würgend. So trägt dich der Boden nicht.

Unmöglich: irgendwas anschauen, irgendjemanden anschauen, unmöglich sofern du nichts kaufen willst; schon einen Ort zu finden, den du unvermindert anschauen könntest, wo du deinen Blick nicht nach spätestens einer halben Sekunde wieder wegnehmen musst, einzig und allein eine Blickstelle zu finden, ist fast unmöglich, fast.

Einen dastehenden Esel anzuschauen; der Versuch, diesen müde stierenden Esel zu betrachten, das Geschirr mit offenbar Reifenteilen, die Stofflumpen, zehn Sekunden kriege ich für den Esel, dann tritt der Eigentümer von hinten heran, voulez-vous l’acheter?, spöttisch gesagt, ich lächle verlegen, schüttele den Kopf und bin schon im Abwenden, gehe weiter, zehn Sekunden, mehr nicht.

Auf der Auslage am Stand eines Jungen stehen schwarze Skorpione, vielleicht fünf Zentimeter lang, auf weißem Stoff, ich beuge mich herunter, um zu sehen ob es echte Skorpione sind; sind es nicht, sondern aus Metall, etwas stilisiert, schaue keine halbe Sekunde sondern eine Dreiviertelsekunde, auch mein Herunterbeugen ist zuviel, der Junge kommt mir nach zehn Metern mit einem Skorpion auf der Hand hinterher, combien? will er wissen, ich gehe weiter, nicht stehenbleiben, nicht schauen, Non sage ich zur Seite, noch einmal Non, dann sehe ich ihn scharf an und rufe Non!, beleidigt wiederholt er es, Non?, fragend, höhnend, bleibt zurück hinter mir, fällt zurück: unmöglich.

Die Suche nach Möglichkeiten demnach, nicht einfach aus dem Haus treten kannst du hier, sondern die Möglichkeit dazu musst du noch zusätzlich finden; erfinde Möglichkeiten, sonst bist du verloren, gib acht: Der Boden trägt dich nicht lang.

Dreißig Lichtjahre und das eine Gedicht

Die Diskussion um das Self-Publishing scheint zur Zeit immer nur darauf hinauszulaufen, ob Autoren damit nun leichter Millionäre werden können als mit einem klassischen Verlag oder nicht. Ich würde eigentlich lieber wissen, ob wir dadurch mehr und bessere Literatur bekommen, und wenn ja, wie.

Immerhin könnte man argumentieren, dass die klassischen Verlage eine entscheidende Gatekeeper-Funktion erfüllen: Durch ihre Qualitätskontrolle sorgen sie dafür, dass der Buchmarkt nicht mit minderwertiger Ware überschwemmt wird, in der kein Mensch mehr die wirklich guten, die öffentlichkeits-würdigen Sachen findet. Wie jeder weiß, der sich mit Literatur beschäftigt, ist der weitaus größte Teil dessen, was Leute schreiben und gern veröffentlicht sehen wollen, tatsächlich unterirdisch.

Und dank des Self-Publishing bricht das alles jetzt über uns herein, ungefiltert?

Immerhin entpuppt sich die Frage Wer soll das denn alles lesen? als irrelevant. In seinem Buch Too Big To Know beschreibt David Weinberger sehr anschaulich, dass die Dimensionen des Überangebotes von Information längst so wahrhaft astronomisch sind (Bücherstapel, die bis zum Pluto wachsen und wieder zurück), dass von einer auch nur überblicks-artigen Kenntnisnahme alles dessen beim besten Willen nicht mehr die Rede sein kann. Macht es da einen Unterschied, ob das Wasser, in dem man ertrinkt, nun drei Meter tief ist oder dreißig Lichtjahre?

Man könnte viel eher umgekehrt argumentieren: Dass die Verlage die Aufgabe hätten, eine Art kanonisierten Diskurs auf einem bestimmten Qualitätsniveau zu etablieren, ist der eigentliche Irrtum. Wie auch immer die Kriterien sind: Was die Verlage aus dem Meer der Information auswählen und abschöpfen, kann auch bei bester Absicht und höchsten Qualitätsansprüchen nur ein willkürlicher, zufälliger und vor allem winziger Ausschnitt sein.

Und da ist noch ein anderer Gedanke in Weinbergers Buch, der schlagartig die Perspektive verändert: dass nämlich Filter in der digitalen Welt anders funktionieren als in der analogen. Wenn ein klassischer Verlag ein Manuskript ablehnt, dann ist dieses Manuskript — solange sich kein anderer Verlag findet — der Öffentlichkeit tatsächlich und vollständig entzogen. Wenn ein Text dagegen von einem digitalen Filter blockiert wird (zu wenig Sterne, zu schlechtes Suchmaschinen-Ranking), dann ist dieser Text gleichwohl immer noch in der Öffentlichkeit. Er ist vielleicht nur einen Klick oder eine etwas anders formulierte Suchanfrage weiter entfernt. Er kann unter anderen Filterkriterien sofort seinerseits hervortreten. Analoge Filter haben demnach eine sperrende, ausschließende Funktion, während digitale Filter nach vorne filtern; sie heben Inhalte hervor.

Es ist offensichtlich, was das für die Bewertung von Literatur, für die Wichtigkeit der Kritik bedeutet. Es führt auch ganz unmittelbar zur Frage nach der Verantwortung des Lesers. Im Netz wird der Leser ganz selbstverständlich zum Hinweiser, dessen Bedeutung in genau demselben Maße steigt, wie die Bedeutung der Verlage abnimmt.

Und der Autor? Dessen Aufgabe ist es, wie immer, das beste zu liefern, wozu er imstande ist. Für den einen mag das bedeuten, seinen stream of consciousness möglichst ungefiltert und real-time ins Netz zu stellen. Der andere mag dreißig Jahre auf das eine Gedicht warten. Die Frage, wo die Qualität liegt, was der jeweilige Autor investieren und wie er vorgehen muss, um zu dem zu gelangen, was nur er zu sagen imstande ist, kann ihm niemand abnehmen. Was dagegen jetzt wegfällt, ist die Notwendigkeit, einen Lektor, einen Verlag von der eigenen Arbeit zu überzeugen — und sie letztlich dazu zu bringen, darauf eine finanzielle Wette einzugehen.

Das macht es zum Teil erfreulich leichter, aber auch nur zum Teil. Schreiben ist immer ein Ringen mit der Öffentlichkeit, und Literatur bedeutet, etwas zu sagen, für das es bisher keine Sprache, und damit keinen Platz in der Öffentlichkeit gab. Der Autor wird sich durch Beharrlichkeit diese Sprache erarbeiten müssen, und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass dieser Kampf jetzt nicht mehr in erster Linie mit Verlagen und Lektoren ausgefochten wird.

Er findet jetzt direkt in der Öffentlichkeit statt — und das klingt eigentlich vielversprechend.

Sehr geehrter Michael Krüger,

eigentlich kommt es mir nicht zu, auf Ihre Rede zu den Buchtagen 2012 eine Antwort, eine »Replik« zu schreiben, denn ich habe keinen Namen, weder auf dem Papier noch auf dem Bildschirm. Aber Ihre Rede hat mich erschüttert. Erschüttert, weil ich einen Heidenrespekt vor Ihnen habe als einem großen Verleger und Geistesmenschen, einem homme de lettres. Die Bücher aus Ihrem Verlag haben meine geistige Entwicklung beeinflusst wie kaum etwas sonst auf der Welt. Seit über fünfzehn Jahren lese ich Ihre Literaturzeitschrift, die »Akzente«, durch die ich auf Autoren aufmerksam geworden bin, die ich sonst nie kennengelernt hätte, und ohne die meine geistige Existenz um so vieles ärmer wäre.

Ich bin erschüttert, dass Sie in der Digitalisierung nichts anderes zu sehen vermögen als den Untergang der Kultur.

Wenn eine 25jährige Göre kräht, Kunst sei Scheiße, dann nehmen Sie das als Rechtfertigung, sich in Ihrer Ablehnung des Internet, und der Gegenwart überhaupt, zu verbarrikadieren. Wenn die Utopisten kühne Entwürfe der Datenexistenz an den Himmel zeichnen, dann jammern Sie über den Verlust von Individualität und Kontingenz, als wäre es nicht schon immer die Aufgabe der Kunst gewesen, das Leben in seiner Einzigartigkeit und Störrigkeit aufzuspüren und zu verteidigen, möge sich die Welt auch noch so radikal ändern.

Veränderungen, besonders wenn sie radikal sind, haben es an sich, dass die überkommenen Antworten und Rezepte nicht mehr so recht auf die Realität passen wollen. Also wird überlegt, entworfen, diskutiert. Ihr Beitrag zur Debatte besteht freilich nur darin, dass Sie die Anders-Denkenden, die Neu-Denkenden zu Witzfiguren verzerren, die sich Semmel und Wurst aus gutdotierten Autorenverträgen bezahlen lassen, um weiter kostenlose Musik hören zu können. Und dann erklären Sie, dass leider alles so bleiben müsse, wie es ist: Verleger und Buchhändler müssen schaufelweise Schund unters Volk streuen, um ein paar wenigen Auserwählten die Miete querfinanzieren zu können. Nur so ist Kunst möglich.

Aber da halten Sie inne. Sagen, dass Sie diese reaktionäre Polemik schon vor Monaten geschrieben haben, und dann zerknüllt und in den Papierkorb geworfen. Man atmet auf. Jetzt kommt’s, denkt man.

Stattdessen erwägen Sie, einfach zu schweigen. Fünfzehn Minuten; wenn’s sein muss, fünfundvierzig Minuten lang.

Wow. Der Effekt wäre sicher nicht schlecht gewesen. Leider warten wir auf etwas anderes. Auf Worte nämlich. Ideen. Konzepte. Die Leute, falls Sie es nicht bemerkt haben, hängen an Ihren Lippen und wollen hören, wie unsere Gesellschaft mit der größten technischen Umwälzung seit Erfindung des Buchdrucks umgehen kann. Ohne sich dabei zu verlieren, ohne von Null anfangen zu müssen. Wie wir damit umgehen, dass sich die Musik, der Film, das geschriebene Wort von ihren physischen Trägern lösen und für jedermann überall auf der Welt problemlos und augenblicklich verfügbar werden. Womit wir uns leider, aber unabdingbar, sämtliche Probleme der Lizenzierung, des Kopierschutzes und so weiter einhandeln, mit anderen Worten: wie man mit Dingen umgeht, die man nicht anfassen kann.

Sie, Herr Krüger, müßten uns, die wir vielleicht noch etwas mehr Zukunft haben als Sie, dabei helfen, diese Antworten zu finden. Wir haben sie nämlich nicht.

Aber Sie haben ja auch nicht geschwiegen. Sie haben zum dritten Mal angesetzt und uns erzählt, wie Sie Verleger geworden sind. Wie Sie mit Druckerschwärze an den Fingern in die Freie Universität gegangen sind. Als müßten Sie eine untergegangene Welt beschwören, zählen Sie die Namen derjenigen auf, die Sie verlegt haben und mit denen Sie zusammengearbeitet haben.

Es sind lauter Namen, von denen man bestenfalls Spurenelemente im Internet findet. Wer heute Ilse Aichinger oder Oswald Wiener, Peter Rühmkorf oder Paul Celan, Ingeborg Bachmann oder den großen Elias Canetti auf einem elektronischen Display lesen möchte, fühlt sich ungefähr so, wie sich Wolfgang Hilbig beim Abschreiben der Gedichte im Buchmessen-Kabuff gefühlt haben muss.

Sie schließen Ihren Vortrag, indem Sie uns mit Durs Grünbein daran erinnern, was Poesie ist, die, wenn es ihr gelingt, »hin und wieder das schlagende Bild findet, das auf der inneren Retina bleibt und einen lebenslang schützt und begleitet.«

Pardon, sehr verehrter Michael Krüger, aber das haben wir gewußt. Wir leben davon. Und wir sind, wie alle Menschen vor uns, auf der Suche danach, wissend um seine Kostbarkeit und seine Zerbrechlichkeit. Aber wir suchen danach in einer Welt, die uns, anders als Ihnen, als ein unendlicher Möglichkeitsraum erscheint, und vor der wir uns, anders als Sie, nicht verstecken wollen.

Und genau da läge, möchte ich meinen, Ihre Verantwortung. Ich habe im Internet nur selten etwas gefunden, das es im Niveau mit Ihrer Zeitschrift »Akzente« aufnehmen könnte.

Aber das liegt nicht am Internet.

Es liegt an Ihnen.

Hochachtungsvoll,
André Spiegel

Wie ich Catharina Bredehöft fand

Seine ehemaligen Mitschüler auf Facebook zu treffen, ist eine Sache. Aber die eigene Ur-Ur-Ur-Großmutter im Internet aufzuspüren, ist etwas ganz anderes.

Das älteste Dokument, das ich im Nachlaß meiner Oma gefunden habe, ist die Geburtsurkunde meiner Ur-Ur-Großmutter, Adelheid Wedekind. Sie wurde 1855 in Deinste, einem kleinen Flecken südlich von Stade, geboren.

Es gibt Fotos von ihr. Eins zeigt sie als junge Frau, vielleicht fünfundzwanzig. Das muß also um das Jahr 1880 gewesen sein. Ein schmales, schönes Gesicht, das aus einem hochgeschlossenen Tüllkragen emporragt. Offener Blick, die leicht hochgewölbte, linke Augenbraue: eine Spur keck vielleicht, mutig.

Adelheid

Auf einem anderen Bild, da ist sie schon über sechzig, steht meine Oma als Dreikäsehoch neben ihr: Schleife im Haar, ein Körbchen mit Feldblumen in der Hand. Meine Ur-Ur-Großmutter sitzt daneben und schaut direkt in die Kamera. Ihr Kopf ist größer geworden, die Stirn breiter im Verhältnis zum Kinn, die hohen Wangen treten noch deutlicher hervor. Es ist derselbe Blick wie auf dem früheren Bild, nur wie durch vierzig Jahre gefiltert. Sie ist 1943 gestorben, ein paar Wochen nach dem verheerenden Luftangriff auf das nahegelegene Hamburg.

Ihre Eltern waren, so steht es in Handschrift auf der Geburtsurkunde,

der Häusling Georg Christian Wedekind und dessen Ehefrau Catharina Christine Margaretha, geborene Bredehöft.

Urkunde

Ich habe im Netz nach allen möglichen Varianten dieser Namen gesucht. In genealogischen Datenbanken wie RootsWeb wurde ich auch tatsächlich fündig. Die Bredehöfts, so stellte sich heraus, sind ein weitverzweigter Familienclan, der seit einigen hundert Jahren in der Gegend südlich von Stade ansässig ist. Leider war Catharina im 19. Jahrhundert einer der häufigsten Mädchennamen, und so fand ich nicht weniger als vier oder fünf Catharina Bredehöfts, die in der fraglichen Zeit und Gegend als meine Ur-Ur-Ur-Großmutter in Frage kamen.

Ich brauchte noch irgendeine zusätzliche Information. Die fand ich, etliche Google-Suchen später, im Verzeichnis der Heiraten im Kirchenbuch der Stadt Harsefeld. Ein gewisser Heino Buckstöver hat dieses und noch viele andere Kirchenbücher in mühevoller Kleinarbeit transkribiert und ins Netz gestellt. Dort, zwischen hunderten anderen Einträgen, stand es:

19.10.1845 Georg Chr. Wedekind + Catharina Chrst. M. Hastedt * Bredeh.

Sie war also vorher schon einmal verheiratet gewesen, und aus dieser ersten Ehe trug sie den Namen Hastedt. Mit dieser Information konnte ich sie in einem völlig anderen Dokument wiederfinden, der Chronik der Bredehöfts. Das ist eine große Textdatei, in der die Abstammung von einigen hundert Personen verzeichnet ist, und die unter der Adresse www.bredehoefts.de im Netz gestanden hatte. Hatte, weil man sie zu dem Zeitpunkt, als ich nachschaute, aus datenschutzrechtlichen Bedenken wieder entfernt hatte.

Ich fand noch eine Kopie im Google-Cache.

Und dort war sie: Catharina Christina Bredehöft, geboren am 23.3.1813 in Ahrensmoor, Heirat am 2.12.1836 mit Claus Hastedt, der am 17.12.1844 starb. In der Datei war ihre, und damit meine Abstammung bis in das Jahr 1608 zurückverfolgt.

Dieses Erlebnis war der erste »Treffer«, mit dem ich die mir physisch, in Form greifbarer Dokumente vorliegende Familiengeschichte an den umfassenderen Kenntnisstand anderer Datenbanken anschließen konnte. Es war auch der bisher weitreichendste: über zweihundert Jahre und sieben Generationen zurück. Inzwischen gab es weitere »Treffer«, die hier oder da den Baum um einige Personen ergänzt haben.

Ich finde es, abgesehen von dieser persönlichen Entdeckerfreude, bemerkenswert, wie sich hier im Bereich der Genealogie eine Entwicklung wiederholt, die heute in allen Bereichen zu beobachten ist, in die das Internet Einzug hält.

Da ist zunächst die Demokratisierung des Zugangs. Dadurch, dass Privathaushalte seit den neunziger Jahren an einem weltweiten Datennetz angeschlossen sind, explodieren die Möglichkeiten des Informationsaustauschs. Zunächst sind es individuell gestaltete Webseiten, die über gewöhnliche Suchmaschinen auffindbar sind, durch die jeder Interessierte Zugang zu Datensätzen bekommt, die man früher einzeln, mit Taschenlampe und zwischen Spinnweben, aus den Archiven zutage fördern musste. Kurze Zeit später entstehen, meist wieder aus dem Enthusiasmus einzelner geboren, freie Dienste, die das neu erschlossene Terrain systematisieren. Dazu gehören Datenbanken wie das deutsche GedBas oder das internationale RootsWeb, die jedem Nutzer ermöglichen, seine Stammbaum-Daten öffentlich sichtbar einzustellen und per Suche mit den Daten anderer zu verknüpfen. Durch die Leichtigkeit des Zugangs steigt das Interesse auch an einem eher esoterischen Gebiet wie der Genealogie, so dass die dritte Stufe einsetzt: die Kommerzialisierung. Marktführer ist hier das amerikanische ancestry.com, wo man mit einer schicken App für Android und iPhone seine Familiengeschichte eingeben kann, die dann auch für andere auffindbar und durchsuchbar ist. Aber, und hier setzt die Kommerzialisierung ein: Das Recht, in den Daten anderer Nutzer suchen zu dürfen, kostet Geld, und zwar den recht hohen Monatsbeitrag von über dreißig US-Dollar für einen weltweiten Zugang.

Nun ist gegen das Geldverdienen im Internet nichts einzuwenden; ich wünschte mitunter nichts sehnlicher, als dass sich die Dienste, die ich nutze, nur endlich direkt von mir bezahlen ließen, statt unter der Hand meine Daten weiterzuverkaufen oder mich mit Werbung zu bombardieren, um ihr Fortbestehen zu ermöglichen. Trotzdem erscheint es merkwürdig, dass ancestry.com ausgerechnet damit Geld verdient, dass es den Zugang zu Informationen einschränkt, die von anderen Nutzern unentgeltlich eingestellt wurden.

Immerhin kann man bei ancestry.com die eigenen Daten nach wie vor importieren und exportieren, wobei das Standard-Format GEDCOM verwendet wird, das alle namhaften Genealogie-Programme und Datenbanken verstehen. Ich will hoffen, dass es so bleibt. Ich will auch gerne den einen oder anderen monatlichen Beitrag bei ancestry.com bezahlen, schon alleine, um das wirklich gut gemachte Web-Interface und die Android-App nutzen zu können.

Aber vor allem will ich hoffen, dass meine Vorfahren nicht eines Tages in einem Datensilo verschwinden.

Das arme Radio: NPR im Praxistest

Wer das National Public Radio verstünde, hätte Amerika verstanden.

Nach einem guten Jahr NPR bin ich, als alter Deutschlandfunk-Hörer, bei diesem Erkenntnisstand angekommen. In diesem Jahr hat mich das National Public Radio — genauer: sein New Yorker Ableger WNYC — beinahe täglich auf dem Weg zur Arbeit von Manhattan nach New Jersey und zurück begleitet, oder mir am Wochenende in der Küche unseres Apartments in der Lower East Side Gesellschaft geleistet. Ich habe sie jetzt im Ohr, die Namen und Jingles, von All Things Considered und der Brian Lehrer Show, der Morning Edition und On Point. Ich freue mich, wenn es heißt, gleich kämen zur vollen Stunde die Nachrichten, weil ich weiß, sie beginnen mit einem kernigen: From NPR News in Washington, I’m Jack Spear, wobei Jack Spear keinen Zweifel daran läßt, dass seine Eltern bei der Namenswahl dieses kernige I’m Jack Spear bereits im Ohr gehabt haben müssen.

Mit der unvermeidlichen europäischen Blasiertheit würde ich das Niveau des Programms bei etwa 8 von 10 Punkten verorten, verglichen mit dem selbstverständlich unerreichten Qualitätsstandard des Deutschlandfunks. Auf NPR wird mehr gelacht. Und die Hörer spielen eine größere Rolle: Die Institution des Call-In, wenn Hörer in der laufenden Sendung anrufen und ins Gespräch einbezogen werden, hat einen deutlich prominenteren Stellenwert als in Deutschland. Die Amerikaner sind auch souveräner und irgendwie leichtfüßiger, wenn es darum geht, mit langatmigen oder sonstwie merkwürdigen Anrufern umzugehen — auch die Anrufer sind in der Summe irgendwie »besser«, man möchte sagen: geradezu professioneller, weil der Call-In so fest in der Rundfunkwelt etabliert ist.

Wer Amerika verstünde, würde erklären können, warum die immer noch größte Volkswirtschaft der Welt sich nur diesen einzigen öffentlichen Rundfunkkanal leistet, und auch diesen nicht wirklich: Anders als noch in den siebziger Jahren ist NPR nur noch zu etwa zehn Prozent aus Steuern finanziert. Und selbst diese zehn Prozent werden von den Republikanern erbittert bekämpft, weil sie dem Sendernetzwerk vorwerfen, liberal zu sein, also un-konservativ und mithin un-amerikanisch. Und so stammen neunzig Prozent der Einnahmen inzwischen aus Hörerspenden und von Sponsoren aus der Wirtschaft. Was natürlich Konsequenzen hat, denn anders als früher gibt es jetzt Werbung. Nicht wirkliche Werbung zwar, denn damit wäre ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal des Programms dahin, sondern eine Art dankender Erwähnung der Sponsoren, die alle paar Minuten das Programm unterbricht und nur dadurch etwas von ihrer Penetranz verliert, dass sie von der Stimme einer sehr jungen Frau verlesen wird, die nur nachlässig verbirgt, dass gleichzeitig ein feuchtes Stück Vanille-Eis auf ihren Lippen zerschmilzt.

Wer Amerika verstünde… Natürlich kennt man die Furcht, wenn nicht Abscheu vor dem starken Staat und dem vermeintlichen Sozialismus, die auch dazu führt, dass es keine öffentliche Krankenversicherung gibt und die Straßen mitunter in schlechterem Zustand sind als in der DDR. Trotzdem wüßte ich gern, und ich muss meine amerikanischen Freunde mal danach fragen, ob sie angesichts des fortwährenden Bettelns um Geld wirklich glauben, dass dieses das überlegene System sei. Denn gebettelt — Pardon, Geld aufgetrieben, fundraising gemacht — wird regelmässig und professionell. Da gibt es den jährlichen großen Fundraiser, wenn sich das Radio über mehrere Tage in eine reine Klingelbüchse verwandelt, nicht ohne den schon Wochen vorher ausgestrahlten Hinweis, dass jeder, der schon jetzt spendet, den eigentlichen Fundraiser um einige Minuten verkürzen kann.

Immerhin könnte man sagen, dass sie so auch zum Mond gekommen sind. Jedenfalls hielt Kennedy zu Beginn des Apollo-Programms seine Landsleute bei der Stange, indem er vorrechnete, die Sache koste jeden Amerikaner zur Zeit 40 Cent pro Woche, und bald werde man auf 50 Cent pro Woche hochgehen müssen.

Das National Public Radio wäre günstiger zu haben. Bei einem Jahresetat von 180 Millionen Dollar wäre es weniger als ein Dollar im Jahr von jedem Amerikaner, und man könnte sich das ganze fundraising sparen. Ginge man hoch auf einen ganzen Dollar pro Jahr, kriegte man wohl sogar ein richtig tolles National Public Radio, mit einem schönen Proporz-Apparat oben drüber, um die Republikaner zu besänftigen, und einem Netz von Auslandskorrespondenten zum Beispiel. In Ermangelung eines solchen Netzes kauft NPR derzeit pro Tag eine Stunde Programm von der BBC ein, nämlich die in Sachen Auslandskorrespondenz tadellose News Hour. Und wieder wüßte ich gern, ob das nicht manchem Amerikaner die Schamesröte ins Gesicht treibt — wie kommt es, dass Grossbritannien, jenes kleine Grossbritannien, von dem wir uns damals unter Schmerzen und mit viel Stolz abwandten, eine BBC hat, und wir nicht?

Übrigens kommt — das sollte nicht unerwähnt bleiben — das richtig große Geld wohl von Nicht-Mehr-Hörern. Es gibt eine eigene Abteilung, die sich damit beschäftigt, reichen Amerikanern zu helfen, das National Public Radio in ihrem Testament zu bedenken. Dazu gehört ein regelmäßig ausgestrahlter Spot, in dem ein älteres Ehepaar erklärt, der Sender sei für sie nach so vielen Jahrzehnten fast wie ein zusätzliches Kind, dem man natürlich auch etwas hinterlassen wolle. So tat es auch Joan B. Kroc, die Witwe des Gründers von McDonald’s, deren testamentarische Spende von 225 Millionen Dollar das National Public Radio womöglich vor dem frühzeitigen Aus bewahrte.

Die Bekanntschaft mit NPR lehrt mich zweierlei: erstens eine deutliche Skepsis gegenüber jeglicher Art von voluntary payment — sei das nun Flattr, oder Wikipedia, oder überhaupt jede Art von Dienst, der sich durch Spenden finanziert. Nicht, dass solche Dienste nicht funktionieren könnten — viele wie zum Beispiel Wikipedia tun es — sondern man muss sich auch klar sein, welchen Preis man dafür bezahlt. Den Preis nämlich, auf Schritt und Tritt von der Aufforderung und dem schlechten Gewissen verfolgt zu werden: »Hast du schon gezahlt?« Offenbar sind wir so gestrickt, dass wir nur nach endlos häufiger Ermahnung Geld für die gute Sache geben. Es mag weniger Freiheit bedeuten, aber deutlich effizienter sein, wenn uns die Entscheidung, ob wir nun zahlen sollen oder nicht, aus der Hand genommen wird.

Und das ist die zweite Lektion, die ich aus NPR ziehe: dass ich dem Herrn mit der Aktentasche von der GEZ bei der nächsten Gelegenheit vielleicht — einfach mal um den Hals falle.

Put an orange hat on

Wer hätte gedacht, dass der Spaziergang über die Felder am Donnerstag — Thanksgiving — der einzige ausgedehnte und unschuldige bleiben würde? Das ausgewaschene Grün der Wiese, die klare Bläue des Himmels drüber, die graue Schraffur der blattlosen Bäume. Stehendes Wasser in einer Mulde. Bachlauf zwischen verdorrten Hochgräsern, glitzernde Lichtreflexe. Verstörend die Abwesenheit aller Insekten.

Ich kannte die Hochsitze natürlich, war auch auf einen mal raufgeklettert. Und in der letzten Woche, nachdem ich abends eine ganze Weile auf dem freien Feld herumgelaufen war, mir über die Landschaft den Kopf zerbrechend, hatte ich schließlich einen kleinen Geländescooter neben dem größten der Hochsitze entdeckt, und dass da wohl auch jemand drin war. Ich war etwas peinlich berührt weitergegangen, das Feld auf dem schnellstmöglichen Weg verlassend, und auf einem anderen Weg, der nicht mehr in Reichweite der Hochsitze lag, ins Dorf und zum Haus zurück. Nicht nur, dass der in dem Hochsitz vermutlich eine halbe Stunde lang die Hände gerungen hatte. Es war ja wohl auch davon auszugehen, dass ich mindestens eine Weile lang im Fadenkreuz eines schussbereiten Gewehrs gewesen war. Die Eingeweide krampften sich etwas zusammen bei dem Gedanken.

Kenntnisse eines Stadtmenschen. Ich nahm an, dass die Jäger wenn, dann nur in der Dämmerung auf der Lauer lägen. Was sich am Freitag mittag als falsch erwies. Ich war gerade so ungefähr bis zur Mitte des Feldes gekommen — wieder diese gewölbte Horizontlinie, dieses merkwürdige, wie soll ich sagen, Kraftfeld zwischen Himmel und Erde — als ich fast gleichzeitig aus dem Augenwinkel den Scooter neben dem großen Hochsitz sah, und wie aus dem anderen Hochsitz gleich vor mir jemand in einer signalroten Weste herunterkletterte und auf mich zukam, eine Gewehrtasche über der Schulter.

Wir hoben beide die Hand, als Zeichen, dass es zu reden gab.

Freundliche Vorstellung, Nennung des Namens, Handschlag. Täte mir leid, wenn ich störe; wohl gerade keine gute Idee, hier langzulaufen? I wouldn’t do it without an orange vest on, und wies auf seine. Sei die Jagdsaison, bis zum zweiten Sonntag im Dezember, nur am Wochenende wären sie hier. Letzte Woche, hätte man ihm erzählt, sei auch schon jemand hier lang gelaufen, er vermute…? Kurze Klärung der Eigentumsverhältnisse — ihm gehöre der hintere Teil des Feldes, auf dem wir standen, und zu mir, und dem vorderen Teil des Feldes: Do you own it?No, just renting.Put an orange hat on, sagte er noch, undefinierbar, nicht unfreundlich, als wir uns abwandten.

Das nächste Mal ging ich bei Nacht. Es war sternklar, und ich hatte den Feldstecher dabei. Auf dem Fußweg die Anhöhe hinauf reicht es schon, das Display vom Smartphone einzuschalten und damit zu leuchten. Die nächsten ein, zwei Meter des Weges sind dann so gerade erkennbar, mehr ein Gradient in der Helligkeit, der aber ausreicht, dass man nicht abkommt vom Weg. Auf dem freien Feld kann man ja gehen, wohin man will. Und ja, die Sterne sind, wo sie sein sollen: Orion im Osten schon aufgegangen, gekippter als aus Mitteleuropa gewohnt. Das Sommerdreieck mit Deneb, Vega und Altair niedrig im Westen. Merkwürdig, die paar wenigen, bekannten Orte mit dem Feldstecher abzuschwenken: Pleiaden natürlich, und weiter. Die Hyaden, ja. Andromeda senkrecht über mir, mit dem bloßen Auge ein vager Nebelfleck, mit dem Feldstecher ein etwas weniger vager Nebelfleck. Für die Jupitermonde reicht’s nicht, der Feldstecher in der Hand ist zu unruhig.

Und dann, von irgendwoher aus der Dunkelheit, das Schnauben von Damwild (ein Ausdruck, der kenntnisreicher klingt, als ich bin). Muss ziemlich nah sein. Nochmal. Ein flatterndes Geräusch, man glaubt förmlich, den kondensierenden Atem zu sehen. Aber sieht natürlich nichts. Muss sehr nahe sein. Was also tut ein Hirsch in der Dunkelheit, der mich vermutlich sehen kann, mit einem frei auf dem Feld stehenden Menschen? Vom Überranntwerden bis zur mystischen, streichelnden Kommunion zwischen Mensch und Tier scheint einiges möglich. Entschließe mich, das Flashlight am Smartphone einzuschalten, die gleißend helle LED, die den Akku mit einem Prozent pro Minute leersaugt. Das Licht erhellt einen Sektor von vielleicht zehn, zwanzig Metern Tiefe und wird dann von der Dunkelheit einfach verschluckt. Nur Gras, es sieht aus wie ein Glasfasergewebe in dem Licht. Kein Geräusch.

Auf dem Rückweg die Anhöhe hinunter, wieder nur mit Displaylicht, halte ich einmal kurz inne. Als hätte ich, hinter mir den Weg runterkommend, Hufgetrappel gehört. Nein. Einbildung. Wenn gegenüber, auf der anderen Seite des Tals, ein Auto mit Fernlicht über die Kuppe kommt, werfe ich kurz einen deutlichen Schatten. Als würde mich jemand aus nächster Nähe mit einer Taschenlampe anstrahlen. Auch das ist nicht so.

Am nächsten Tag — das war gestern — ging ich noch bei Tageslicht, eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang. Schließlich hatte auf der Webseite gestanden, dass Jagen im Staate New York nur zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang erlaubt sei, und ein bißchen was wollte ich schließlich auch noch haben von der Landschaft. — Und du würdest ernsthaft dein Leben darauf verwetten, dass »Sonnenuntergang« wirklich den astronomischen Sonnenuntergang bedeutet, und sich die Jäger an die Bestimmungen halten?— Es ist ja nicht Krieg. Die zielen ja nicht absichtlich auf Menschen. Sie müßten erstens wider Erwarten noch da sein, mich zweitens in der fast-schon-Dunkelheit sehen, mich drittens fälschlicherweise für ein Reh halten, viertens, obwohl sie nicht genau sehen, was es ist, abdrücken. Und fünftens treffen. Pah.

Ich nehme sicherheitshalber den Feldstecher mit. Auf der Anhöhe angekommen, wo noch ein einzelner niedriger, inzwischen kahler Baum zwischen mir und dem freien Feld steht, halte ich. Spähe durch das Astwerk des Baums hindurch auf die andere Seite des Feldes, wo der eine der beiden Hochsitze ist. Nehme den Feldstecher. Ist das der Hochsitz? In der Dämmerung ist es kaum auszumachen. Ich gehe noch ein paar Schritte weiter, neben den Baum, knie mich hin, so dass die Wölbung des Feldes mir immer noch gegen die andere Seite Deckung gibt. Schaue mit dem Feldstecher dicht über die Kuppe hin, und tatsächlich, da ist der Hochsitz. Mehr ein Bretterverschlag in dem Baum. Und es scheint niemand drin zu sein. Natürlich. Die Luft ist rein.

Bin ich denn wahnsinnig?

Ich beschließe, dass der Weg die Anhöhe hinauf, dieser Korridor, der im Sommer wie eine Schneise durch den Urwald war, vor Insekten nur so summend, und wo jetzt die Gräser verdorrt und geknickt in den Matsch neben dem Weg gedrückt liegen, für heute genug Landschaft ist und gehe ins Dorf zurück, sehr sorgsam darauf achtend, mich nicht zu früh wieder aufzurichten. Nicht, bevor ich ganz in der Deckung bin.

Als ich das Haus fast wieder erreicht habe, raschelt es neben dem Weg im verdorrten Gras. Ich bleibe stehen. Wieder. Drehe mich um. Kaninchen, Fuchs vielleicht. Klatsche versuchsweise in die Hände. Nichts. Kein fluchtartiges Gewuschel im Gras. Einfach nichts. Gehe weiter aufs Haus zu. Und da raschelt es wieder.