Keiner davon ist witzig (2015-05)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihnen überhaupt gut tut, hier in dieser Liste ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Es ist ein Experiment.

Dies ist die fünfte Ausgabe von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem Mai 2015.

Mit ein paar Künstlern zusammen sah ich mal die Sonne hinter den Palmen von Marrakesch untergehen: »So kitschig darf nur die Natur sein.«

Es ist nicht möglich, sich über ein Gefühl zu irren. Oder?

Vielleicht liegt darin der Grund, warum wir nach immer neuen Formulierungen, neuen Darstellungsweisen suchen müssen – um etwas von der Unmittelbarkeit, dem jähen Erstaunen, der Totalität der ursprünglichen Erfahrung in die Darstellung zu retten. So wie dieser Tweet mit dem merkwürdigen Wort deep, das für meine Begriffe ein bißchen bemüht-cool klingt, aber anderswo vielleicht gerade dieses Durchbrechen einer unmittelbaren Erfahrung sichtbar zu machen imstande ist.

Es ist tatsächlich so, dass ich über die richtig guten Sachen selten ein Wort verliere, auch nicht auf Fav oder Like drücke. Angesichts einer hervorragenden Arbeit kommt mir jede mögliche eigene Reaktion oft zu platt vor. Andererseits habe ich das Gefühl: Wer etwas so gutes schreibt, muss alleine schon deswegen über die Stufe hinaus sein, in der es auf Anerkennung ankommt.

Jetzt, wo Autoren durch Echtzeit-Zugriffszahlen weit besser Bescheid wissen darüber, wie oft sie gelesen werden, ist es immer noch eine offene Frage, ob es nicht besser wäre, sie wüssten gar nichts davon, und würden einfach unbeirrt ihre Arbeit machen.

Es ist vielleicht eine Wechselwirkung: Die Auseinandersetzung, auch die Ermutigung durch das Publikum hilft dazu, den Punkt zu erreichen, wo man genau das nicht mehr braucht.

Ich würde dasselbe antworten, und das ist bemerkenswert, denn es war nicht immer so. Als ich anfing, mich ernsthaft für Bücher zu interessieren, schien es mir nötig, das gegen den Rest der Welt zu verteidigen, und ich machte das, indem ich solide, gebundene Ausgaben kaufte. Die sollten ein Leben lang halten und ich war stolz auf mein sich füllendes Bücherregal. Es ging soweit, dass ich Bücher, die eigentlich brennend wichtig für mich waren, dann nicht kaufte, wenn es sie nicht in einer guten, gebundenen Ausgabe gab.

Das alles wurde durch die Digitalisierung über den Haufen geworfen. Ich las zuerst alles andere digital, und dann wurde es unlogisch, dass ausgerechnet die Bücher in diesem neuen Universum der Schrift fehlen sollten. Die praktischen Vorteile sind so immens, dass ich den Mangel an handwerklicher Qualität – und digitales Lesen ist weit hinter dem Standard gedruckter Bücher – achselzuckend in Kauf nehme. Die Bücher sind jetzt überall und jederzeit vorhanden, aber gleichzeitig, in einem anderen Sinn, existiert nur das von ihnen, was in meinen Kopf gelangt. Und das ist gut so. Ich bin froh, dass mein Interesse an Büchern stark genug war, um mich aus dem Kerker, den ich mir mit ihrer musealen Verehrung gebaut hatte, heraus zu holen.

Das machen wir gerne.

Eine großartige, gelungene, hochkonzentrierte Momentaufnahme. Reif fürs Geschichtsbuch, wenn nicht zu schade dafür.

Die Annahme, die Welt bestehe aus lauter inkompetenten Idioten, ist bei näherem Hinsehen nicht haltbar. Tatsächlich sind alle Menschen um uns herum mehr oder weniger so kompetent wie wir; die Schwankungen der Intelligenz und sonstigen Fähigkeiten sind – wenn man als Außerirdischer draufgucken könnte – eher gering.

Was sehr viel inkompetenter ist als wir selbst, sind die Systeme, in denen wir existieren. Firmen sind träge wie Supertanker, Demokratien sind die Hände gebunden. Die Sehnsucht nach Kompetenz wäre also nicht so sehr die nach hochkompetenten Individuen, sondern nach einem System, das den inhärenten Fluch aller Systeme, die wir bislang gebaut haben, überwunden hätte. Die geheime Schaltzentrale im Hollywoodfilm.

Darum klingt es plausibel, dass Verschwörungstheorien letztlich ein Kompetenz-Einschätzungs-Mismatch sind: Unterschätzung der Menschheit auf individuellem Level (»alles Idioten, außer den Weisen im Hintergrund, die es geben muss«), aber Überschätzung dessen, was Menschen an Systemkompetenz zu konstruieren imstande sind. Bislang jedenfalls.

Wenn das Ziel des Schreibens ist, das eigene Denken intersubjektiv zu machen, also etwas von dem, was im eigenen Kopf vorgeht, in den überindividuellen Kreislauf des Denkens überhaupt einzuspeisen – und zwar vorzugsweise das, was niemand sonst hätte einspeisen können, was vorher als lächerlich, belanglos, oder einfach nicht existent galt – dann ist dieser Tweet tatsächlich eine vollkommen zutreffende und bemerkenswert anmutige Beschreibung.

Keiner davon ist witzig (2015-04)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihnen überhaupt gut tut, hier in dieser Liste ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Es ist ein Experiment.

Dies ist die vierte Ausgabe von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem April 2015.

Ein großartiger Vorschlag, der das weltweite Kommunikationsvolumen mit einem Schlag um mehrere Zehnerpotenzen zu reduzieren verspricht. Es kommt hinzu, dass Änderungen von Meinungen zu besseren Texten führen. Das Denken ist frisch, man zählt Argumente auf, die nachweislich mindestens einen Menschen zu wirklichem Umdenken bewegt haben.

Ich rege ergänzend an, Meinungen nur dann ernst zu nehmen, wenn sie von jemand mitgeteilt werden, der nachweislich schon einmal die genau gegenteilige Meinung vertreten hat. Ich ärgere mich zum Beispiel über eine Episode des religiösen Fundamentalismus, die mich einige Jahre wichtiger Lebenszeit gekostet hat. Man hätte damit auch andere Dinge anstellen können. Die Erfahrung, das eigene Weltbild zweimal komplett über den Haufen zu werfen – einmal beim Weg in den Fundamentalismus hinein und einmal beim Weg wieder heraus – ist allerdings eine sehr wertvolle. Sie macht, wenn ich das bescheiden anmerken darf, erfrischend bescheiden und neugierig.

Es gibt allerdings einen Haken. Ich konnte die Brüche in meinem Weltbild nur dadurch erkennen, dass ich die Meinungen, die ich später als falsch erkennen sollte, wieder und wieder und wieder wiederholte. Erst dadurch zeigten sich Haarrisse, die im Laufe der Zeit zu Bruchadern wurden und schließlich das ganze Gebäude einstürzen ließen. Es führt also unter Umständen doch kein Weg an den endlosen Wiederholungen vorbei. Immerhin könnte das Befürfnis, eine Meinung wieder und wieder mitzuteilen, ein gutes Anzeichen dafür sein, dass sie im Begriff ist, sich zu ändern.

Für diese Erfahrung kannte ich bisher nur klischeehafte Formulierungen: die kleinen Dinge im Leben, die sich dann als die großen Dinge erweisen, usw. Dieser Tweet dagegen fasziniert mich. Er trifft den richtigen Ton aus Erstaunen und Melancholie. Der reicht für ein paar Jahre. Oder Jahrzehnte.

Ich wüßte auch gerne, ab welchem Alter man diese Erfahrung zuverlässig zum ersten Mal machen kann. Ich würde vermuten, dass man über vierzig sein muss, aber vielleicht hätte auch schon mein Teenager-Ich behauptet, es wüßte, wovon da die Rede ist. Und was wird erst mein siebzigjähriges Ich über mein heutiges sagen – wie wenig Ahnung ich damals, also heute, noch von der Vergänglichkeit hatte, und wie wenig ich mein Glück von damals, also heute, zu schätzen wusste.

Fast könnte man meinen, es gäbe gewisse grundsätzliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Aber wer weiß, vielleicht wird dieser Tweet den Menschen in hundert Jahren äußerst bizarr und unglaubwürdig erscheinen.

Einer meiner Professoren vermutete, das äußerste, was die Menschheit im Laufe einer Generation dazulernen könnte, wäre etwa soviel wie die Fähigkeit zum Betätigen eines Lichtschalters. Oder das Einstellen einer Digitaluhr am Videorekorder. In letzter Zeit denke ich oft, der bessere Maßstab wäre vielleicht das Leben des letzten Kaisers von China.

Ich habe lange nicht mehr so viel über das Wesen der Liebe nachgedacht wie durch diesen Tweet. Über ihr Verhältnis zur Gravitation und zum Phänomen der Kraft im Universum überhaupt. Ich will die Überlegung nicht durch Ergebnisse ruinieren, aber ich setze den Tweet dennoch nicht ohne Verwunderung hier hin.

Mein liebster Frühlingstweet dieses Jahr.

Und trotzdem ist es seltsam, dass dieser selbe Satz beim einen Menschen vollkommen richtig und produktiv sein kann, während er beim anderen nur ein unsinniges Um-Sich-Selbst-Kreisen bedeutet, das sich erst in dem Moment auflöst, in dem derjenige von sich selbst absieht. Ich erinnere mich an das ungeheure Aufatmen, als ich mit Anfang zwanzig bei Kafka las, er interessiere sich für nichts außer für sich selbst. Dieses Mich-immer-noch-viel-mehr-für-mich-selbst-interessieren war eine große Befreiung. Aber ich weiß nicht, ob das für jeden gilt.

Bemerkenswerte Charakterisierung, selbst wenn gelegentlich – oder fast immer – andere Dinge gerufen werden.

Der Kurator bedankt sich für diesen verständnisvollen Tweet. Ich habe viele tausend Tweets gelesen, um diese hier zu finden. Ich habe die Monatsproduktion etlicher vertrauter Accounts durchgekämmt, um nur ja die besonders guten nicht zu verpassen. Aber vielleicht sollte ich angesichts der fünfhundert Millionen Tweets, die jeden Tag dazu kommen, einfach aufhören, systematisch nach guten zu suchen, also nach den äußerst wenigen, die bei mir ganz persönlich auf eine ungewöhnliche Resonanz stoßen. Gerade bei den Accounts, die ich schätze, aber die vierzig oder fünfzig Tweets am Tag schreiben, denke ich das oft. Vielleicht sollte ich einfach nur das bemerken und hier zusammentragen, was mir vollkommen zufällig als großartig auffällt.

Aufgenommen nicht nur wegen des guten Vorschlags, sondern auch wegen des schönen Worts »Totenkunde«. Wie Sachkunde, Erdkunde, Sexualkunde. Wie Hörensagen und dieser dünne Schleier aus offizieller Verlautbarung, den manche Schüler früher durchschauen und andere später.

Keiner davon ist witzig (2015-03)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihnen überhaupt gut tut, hier in dieser Liste ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Es ist ein Experiment.

Dieses hier ist die dritte Ausgabe von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem März 2015. Es gibt in dieser Ausgabe erstmals Gastbeiträge: Kathrin Passig rezensiert ihren eigenen Tweet, was in Ordnung geht, weil der Tweet eigentlich von mir ist. Und umgekehrt. @Fritz habe ich um eine Erklärung zu seinem Tweet gebeten, und er war nicht darum verlegen.

Das wäre ein guter Parameter, den man bei sich selbst regelmäßig überprüfen könnte, um das eigene Abgleiten in Verbohrtheit und Selbstgerechtigkeit frühzeitig zu erkennen und aufzuhalten: Wie lange hast du für dieses Urteil gebraucht?

Solange man noch mit Büchern Geld verdienen will, ist es einfach. Man möchte eben soviele Leser gewinnen, dass man im Austausch dafür ein Leben bekommt, also Miete, Geschirrspülmaschine und gelegentlich neue Bettwäsche. Wenn man es außerdem sogar schafft, damit reich zu werden, warum nicht? Das kann einem niemand verdenken. Schwieriger wird es, wenn alle diese finanziellen Erklärungen wegfallen, weil man in weiser Voraussicht einen gewöhnlichen Beruf ergriffen hat. Nicht einmal der existenzielle Kampf um das Privileg, zur Öffentlichkeit sprechen zu dürfen, zählt mehr so richtig als Motivation, seit das Veröffentlichen nur noch ein Knopfdruck ist, der jedem jederzeit zur Verfügung steht.

Als mein eigenes Blog ein gutes Jahr alt wurde und seine Zugriffskurven langsam, sehr langsam in den zweistelligen Bereich stiegen, war ich selber dahin gekommen, dass ich mich fragen musste: Reicht das jetzt nicht? Ich hab’ doch schon zehn Leser. Was will ich denn noch? Es war dieser Moment, in dem der Satz von Kathrin fiel: einfach, entwaffnend, und wie alle großartigen Sätze so, dass man schon eine Sekunde später glaubt, ihn schon immer im Kopf gehabt zu haben. Es ist unwahrscheinlich, dass alle, die das gerne lesen würden, es bereits lesen. Das ist es, was übrig bleibt, wenn die Öffentlichkeit und das Recht, zu ihr zu sprechen, von jeder quasi-religiösen und oberflächlich-finanziellen Dimension befreit sind. Man möchte eigentlich nicht nur schreiben, sondern am besten auch noch Verleger werden.

Oft sollen Außerirdische etwas erledigen oder erklären, woran wir auf der Erde bisher gescheitert sind. Aber was uns überfordert, ist ja nicht nur der Weltfrieden, die Frage nach der Entstehung des Lebens oder der Einsatz von Analsonden. Es gibt einfach zu viel Text, wir können nur noch auf fremde Hilfe hoffen. Und das bisschen, was wir lesen, lesen wir nicht aufmerksam genug. Das gilt selbst für Tweets, nicht nur, weil jeden Tag 500 Millionen neue hinzukommen. Selbst wenn wir am Tag nur zehn von ihnen lesen, nur einen: Unwahrscheinlich, dass dieser eine so gründlich gelesen wird, wie es eigentlich nötig wäre. Selten gelingt es jemandem, über dieses Problem ohne Schuldzuweisung zu sprechen. “Es wird zu viel geschrieben auf der Welt”, würden andere klagen, oder “Die Leute lesen zu wenig”. Aber die Größenordnung des Problems ist eine ganz andere, und wer das eingesteht, macht den ersten Schritt zu einer vernünftigen Bewältigung. Zum Beispiel durch Außerirdische. (Kathrin Passig)

Erotischster Tweet des Monats, hands down. Wie so oft gefällt mir die Minimalität der sprachlichen Mittel, die hier eine äußerst anziehende Wirkung entfaltet.

Merkwürdigerweise kann ich mich, was literarische Texte betrifft, nur an gelingende Peinlichkeiten erinnern. Peinlichkeiten also, die der Autor durch das Aufschreiben gerade überwindet. Vielleicht blende ich nicht gelingende, peinliche Peinlichkeiten einfach aus, weil sie mich nicht weiter interessieren. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob der Satz so, wie er dasteht, stimmt.

Jede Peinlichkeit wartet auf den, der ihr zu ihrem Recht verhilft. Da Peinlichkeit eine äußerst persönliche Angelegenheit ist, wird man das in den meisten Fällen selbst sein müssen.

Möglicherweise sind absichtliche Peinlichkeiten eher dazu in der Lage, diesen Schritt, dieses Überwinden der Peinlichkeit zu leisten, während unabsichtliche Peinlichkeiten vorbewusst bleiben und einfach nur in der Peinlichkeit verharren. Interessant oder okay finde ich beide. Ekelhafter als jeden peinlichen Text – absichtlich oder unabsichtlich –, finde ich Texte, die sich clever aus jeder Peinlichkeit raushalten.

Indeed.

Der überzeugendste Sonnenfinsternis-Tweet. Ich erinnere mich, dass ich bei meiner ersten und bislang einzigen totalen Sonnenfinsternis, 1999 in Deutschland, genau dieses Gefühl hatte: Der Mondschatten huschte rasend schnell über die Landschaft. Die Welt, in der wir uns auszukennen meinen, weil wir wissen, wie eine Wolke und wie eine Wiese aussieht, und wie lang es vom Morgen so ungefähr bis zum Abend dauert, gab sich von einem Moment auf den nächsten als Illusion zu erkennen.

Ich fand diesen Tweet äußerst bemerkenswert, aber mir war überhaupt nicht klar, wie ich argumentieren würde, um herauszufinden, ob er stimmt. Also habe ich @Fritz selber gefragt, und hier ist seine Antwort.

»Der Gedanke in dem Tweet stammt von Amoz Oz. Er äußerte ihn so ähnlich in einem TV-Interview. Leuchtete mir ein wie ein Lichtstrahl. Ich dachte: Boah, ist das schlau.

Natürlich muss sich niemand für alles interessieren. Das wäre eine Überforderung. Aber wenn wir Beteiligte sind, schulden wir Neugier. Damit setzt man seinen Vorurteilen und Blickverengungen eine Schranke. Sich erst interessieren, dann beurteilen erscheint sowieso als die richtige Reihenfolge. Man möchte auch nicht selbst beurteilt werden, bevor man gesprochen hat. Neugierig sein heißt zuhören, nach Gründen forschen, anderen Sichtweisen ihre jeweilige Gerechtigkeit zukommen lassen. Gerichtsverhandlungen müssen von dieser Tugend geprägt sein, ebenso z.B. Journalismus. Auch in Politik oder Forschung schuldet jeder Teilnehmer den Themen, Informationen und beteiligten Menschen Offenheit für deren Gedanken, Sichtweisen, Situationen. Ich frage mich auch, ob moralisches Leben möglich ist, ohne neugierig zu sein. Denn Moral bedeutet, die Interessen anderer anzuerkennen. Das setzt Neugier voraus. Im Grunde sind Nachdenken, Entdecken und Aufklärung tugendhaft, Augenverschließen und Abweisen unmoralisch. Von Algos gesteuerte Kreditentscheidungen könnte man dann auch als anti-moralisch bezeichnen, weil sie Urteile über Menschen treffen, ohne auf sie neugierig zu sein. Extremistische Gruppen sind von diesem moralischen Versagen geprägt, z.B. Rechtsextremisten, die Menschen ablehnen, mit denen sie noch nie gesprochen haben. Da wird der Zusammenhang zwischen Gewalt und verweigerter Neugier sichtbar. Vielleicht ist die Neugier eine der schönsten Tugenden, weil sie eine Moralvorschrift ist, die dem einen Vorteil bringt, der sich unter ihr Diktat stellt. Natürlich gibt es auch Deformationen der Neugier – Gaffen, Voyeurismus etc., also alle Formen von »eindringender« Neugier, die nicht erwünscht ist und nicht der Aufklärung dient. Im öffentlichen Raum sieht man die Spannung zwischen der nötigen und der unnötigen Neugier:  Politiker müssen sich alle Fragen zu ihrer Politik gefallen lassen, aber keine nach ihrem Privatleben. Es scheint mir klar, dass man kein moralisches Leben führen kann, wenn man sich nicht zu anderen Menschen hinwendet. Wer weiß, wie viele Konflikte in der Welt sich auflösen würden, wenn die Menschen gegeneinander neugieriger wären?«

Rein philosophisch gesehen auf jeden Fall. Zwischen der Aussage und dem, was im Kopf des Empfängers ankommt, steht die Interpretation, und die hängt völlig in der Luft. Niemand kann ihr vorschreiben, wie einfach oder komplex sie zu sein hat, und zu welchem Ergebnis sie kommen darf. Aber begnügen wir uns damit? Sind wir zufrieden, dass letztlich niemand mit niemandem reden kann? Oder ruhen wir uns, andersherum, bei der Überzeugung aus, dass die Richtigen uns selbstverständlich verstehen werden, weil es »müßig ist, jemandem einen Gedanken erklären zu wollen, dem eine Andeutung nicht genügt« (N. Gomez Davila)? – Das ist es, was Kritik leisten müsste: um einen Text und seine Bedeutung zu kämpfen, und sich nicht damit zufrieden zu geben, dass er im Ungefähren bleibt oder nur für Eingeweihte zugänglich ist.

Als ich diesen Tweet am 23. März las, schien er mir interessant. Ich ging im Kopf Beispiele durch: Der depressive Selbstmörder? Der Kranke, der seinem natürlichen Tod zuvorkommt? Die Ehefrau, die ihrem Gatten erzwungenermassen, aber von eigener Hand in den Tod folgt? In allen diesen Fällen schien mir die Idee des Generierens von Sinn, welcher Art auch immer, plausibel. Ich machte die Gegenprobe: Für Mord schien das nicht zu gelten; Mord ist der ultimative Sinnvernichter, dachte ich mir.

Dann kam der 24. März, der 25. und der 26., und ich hatte keine große Lust mehr, mich mit dem Tweet zu beschäftigen.

Das ist in der Tat seltsam. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat sich die Welt innerhalb eines Jahrhunderts derart verändert wie in dem gerade zurückliegenden. Wir sind also, anders als jedes Jahrhundert vor uns, losgerissen, wie auf einem unbekannten Planeten gelandet. Und dann wieder überhaupt nicht, denn innerhalb unserer eigenen Lebensspanne durchlaufen wir die genau gleichen Phasen aus radikaler Verwunderung und gradueller Gewöhnung wie jeder andere Mensch, der je auf der Erde gelebt hat. Erst die merkwürdige Kombination dieser beiden Effekte ist es, die unsere Wirklichkeit, die in dieser Form tatsächlich nie dagewesen ist, ausmacht.

Keiner davon ist witzig (2015-02)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo alle von morgens bis abends kichern, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihnen überhaupt gut tut, hier in dieser Liste ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Es ist ein Experiment.

Das habe ich letzten Monat geschrieben, als Einleitung zur ersten Ausgabe dieser Liste (hier der vollständige Text). Diesen Monat nun die zweite Ausgabe, mit Tweets aus dem Februar 2015. Ich habe, nach vielen großartigen Diskussionen, die Regeln etwas präzisiert: Erlaubt sind nur orginale Tweets, keine Zitate. Auch keine Medien, also angehängte Fotos oder Videos, auch keine Links – nicht deshalb, weil sie mich nicht interessieren würden, sonder weil das hier ein literarisches Projekt ist. Es geht um gute, großartige, wunderbare Tweets, die ohne das Mittel der Witzigkeit auskommen.

Ich habe auch das Laudatio-Verfahren beibehalten, die Tweets bekommen also kleine Lobreden beigefügt. Ich tue das mit etwas schlechtem Gewissen, weil das Erklären von Literatur eigentlich nicht so meine Sache ist. Andererseits hat sich gezeigt, dass die nicht-witzigen Tweets, und meine Intention bei der Aufnahme in die Liste, sonst leicht falsch verstanden werden. Ein witziger Tweet bringt alles, was man zu seinem Verständnis braucht, selber mit – wie Fastfood, sagte jemand. Ein nicht-witziger tut das nicht immer.

Natürlich sind das hier nicht die besten nicht-witzigen Tweets schlechthin. Es sind vermutlich nicht mal die besten aus meiner Timeline. Es sind lediglich welche, die ich auf meinen mehr oder weniger ausgedehnten, aber doch im wesentlichen zufälligen Streifzügen durch die Weiten von Twitter aufgespürt habe, und die bei mir persönlich auf eine außergewöhnliche Resonanz gestoßen sind. Eigentlich ist diese Liste also nichts anderes als ein etwas ausführlicherer Retweet. Allerdings ein gut überlegter. Ich war diesen Monat wesentlich wählerischer bei der Aufnahme, denn wie mir nach meinem ersten eigenen Kuratier-Versuch klar wurde, sind für die Qualität dieser Liste nicht die beteiligten Twitterer verantwortlich, sondern ich selbst. In diesem Sinne: Keiner davon ist witzig, Februar 2015.

An diesem Tweet gefällt mir die seltsam schwebende Wirklichkeit, die er aufspannt. »Radaren«, dieser Plural läßt stutzen. Und der Supermarkt, der so merkwürdig mit dem Wort »lokal« überladen ist. Und dann merke ich, dass ich diesem Tweet ungefähr so viel glaube, wie man James Bond glaubt, wenn er bei M seinen Dienst quittiert hat und an einem Palmenstrand mit einer gerade verfügbaren Schönen abhängt. Nämlich nichts. Kein Wort glaube ich ihm. Und wir sind mitten in der Geschichte.

Seltsam, dass einem genau das immer wieder passiert. Vermutlich liegt es daran, dass man sich engen Freunden so tief verbunden fühlt, dass man die Beziehung gegen jede oberflächliche Kränkung für immun hält. Und so nimmt man die Kränkung, die man dem anderen beibringt, überhaupt nicht als solche war, weil man selbstverständlich voraussetzt, dass der andere genauso weit darüber erhaben ist, wie man selbst.

Mit geringstem Aufwand ein differenzierteres Bild von männlicher Sexualität gezeichnet als die übliche, eindimensionale Geilheit. Gefällt mir gut.

Antworten sind vor allem ein guter Fragentransporter, hab’ ich mal in einer Philosophievorlesung gehört.

Eine Feststellung, die mich in ihrer Einfachheit verblüfft hat – so ein Moment, in dem man »natürlich!« denkt und nicht glauben kann, dass man das vorher noch nicht gesehen hat.

Mich hat dieser Tweet zum Lächeln gebracht.

Überzeugend.

Es ist vermutlich gar nicht so schwierig, auf linguistischer Ebene herauszufinden, worin das Eigene in der Sprache eines bestimmten Autors besteht, wenn schon nicht in den selbst gefundenen Worten, die es naturgemäß, denn Sprache ist intersubjektiv, gar nicht geben kann. Kein Wort ist jemals jemandes eigen. Aber der Tweet reicht ja tiefer. Schreiben, wenn es den Namen verdient, ist immer der Versuch, etwas vorher ungesagtes und eigentlich unsagbares in die öffentliche, nach ihren eigenen Gesetzen funktionierende Sprache zu holen. Das ist so gut wie unmöglich.

Danke. Ich auch nicht.

Eine gute und mitunter nötige, entwaffnend einfache Verteidigung gegen eine Menge Schrott, und gegen eine Kritik, die noch viel größerer Schrott ist.

Braucht der ein Lob? Wirklich? Wow.

Keiner davon ist witzig – Laudatio Edition (2015-01)

Ich habe lange nicht mehr so intensiv über Literatur diskutiert wie nach dem Erscheinen meiner Liste mit guten, aber nicht witzigen Tweets vor einer Woche. Mit der Einleitung (hier nachzulesen) konnten viele etwas anfangen, aber an den von mir ausgewählten Tweets gab es eine Menge Kritik, oder schlimmer, pure Verständnislosigkeit. (Es fiel der Ausdruck »schlicht gestrickte Kalendersprüche«.)

Ich werde daher das Experiment um ein weiteres Experiment ergänzen und reiche hier meine Laudatios zu den Tweets nach. Ich weiß, das könnte böse ins Auge gehen, aber hey, das hier ist ein Experiment über einem Experiment. Ich arbeite die Laudatios nicht in die ursprüngliche Liste ein, weil sie bereits als Reaktion darauf bzw. als Reaktion auf die Reaktionen geschrieben sind.

Ein Auftakt für dieses Experiment, wie er besser nicht sein könnte. Es wird vermutlich kein Abgrund sein, was ich hier zusammenkuratiere, aber die Absicht ist durchaus, dass diese Liste ähnlich überzeugend würde, ähnlich verstörend wie ein Abgrund. Und wie sich auf für mich etwas verstörende Weise zeigt, liegt die Verantwortung für die Qualität dieser Liste nicht bei den mir vorliegenden Tweets, sondern ausschließlich bei mir selber. Das ist ein Aspekt des Kuratierens, der mir, bevor ich damit anfing, überhaupt nicht klar war.

Paradoxe Tweets sind gefährlich, weil sie beliebig sein können, aber dieser hier fällt nicht unter diesen Vorwurf. Wir sind, was wir nicht werden: Das ist einerseits das melancholisch-resignierende Eingeständnis, das wir irgendetwas werden wollten, aber es nicht geschafft haben. Ich wollte zum Beispiel jemand werden, der so schnell mit Wischen schreiben kann, wie die Leute in der Subway. Ich werde aber nie so schnell. Also bin ich jemand, der nicht so schnell ist wie die Leute in der Subway. Ich bin die Abwesenheit dessen, was ich gerne geworden wäre, aber dann nicht wurde. Aber da lauert noch eine andere Bedeutung: Indem ich etwas anstrebe, aber dann nicht erreiche, komme ich ihm so nah, wie ihm überhaupt jemand kommen kann. Im Beispiel: Es zeigt sich, dass die Leute in der Subway mit dem Wischen gar nicht so schnell sind, wie es zunächst den Anschein hatte. Indem ich es versuche, werde ich zwar nicht so schnell, wie ich ursprünglich dachte, dass diese Leute sind, aber ich werde einer von ihnen: Jemand, der auch so einigermaßen mit Wischen schreiben kann, und von außen sieht es genauso unbegreiflich schnell aus, wie es ursprünglich für mich aussah.

Danke, @blutundkaffee, das musste gesagt werden. Ich habe in der Einleitung zu diesem Projekt den Witz ziemlich hochgehoben als die weitaus überlegene und durchschlagskräftigste Kommunikationsform, die nur den Nachteil hat, dass sie mich unbefriedigt zurückläßt. Tatsächlich reicht mein Misstrauen gegen den Witz noch ein gutes Stück tiefer, und das mit den achtzig Prozent, was ich für eine sehr gute Schätzung halte, dürfte ein wichtiger Teil des Grunds dafür sein.

Man könnte das für eine Binsenweisheit halten, aber ich tappe immer wieder in diese Falle, dass ich etwas für sonnenklar halte und mich selber zwingen muss, genauer hinzugucken, um diese vermeintliche Klarheit aufzubrechen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich im allgemeinen überhaupt nicht an Binsenweisheiten glaube, weil es, wenn man diesen Tweet ernst nimmt, eigentlich keine gibt.

Fantastische Sprachschöpfung. Den krieg’ ich nie mehr aus dem Kopf, genausowenig wie den Ohrwurm von Lionel Ritchie. Aber der hier ist besser. Minimaler Einsatz, maximale Wirkung. Wunderbarer Tweet. Großes Kompliment.

Dieser Tweet hat mich verblüfft. Ich habe ein bißchen ungläubig in meinem Gedächtnis gesucht, ob Wittgenstein tatsächlich nicht ironisch war, und ich glaube, in seinem Werk war er’s tatsächlich nirgends. In privaten Gesprächen vielleicht schon. Das wiederum verblüfft mich, weil es mir heute für jeden halbwegs fähigen Denker vollkommen unabdingbar und unausweichlich scheint, mindestens unter anderem auf der Klaviatur der Ironie spielen zu können, und zwar öffentlich. Dass mir das nicht gefällt, brauche ich nicht zu betonen, aber ich werde andererseits auch nicht so dumm sein, diese Veränderung einfach als einen Verfall der Kultur zu verbuchen. Anders ist es allemal.

Wo sie recht hat, hat sie recht.

Das Kunststück, eine Paradoxie zu spinnen, die trotzdem unmittelbar einleuchtet, und außerdem einen nicht unerheblichen emotionalen Gehalt hat: hier ist es geglückt.

Es gab Kritik an der Entscheidung, auch Zitattweets in diese Liste aufzunehmen. Diese Kritik finde ich inzwischen berechtigt. In den nächsten Ausgaben wird es nur noch Originaltweets geben. Diesen hier habe ich natürlich deshalb aufgenommen, weil mir das mit der Eindeutigkeit der Kultur auf das Überhandnehmen der Witzigkeit zu passen schien. (Vermutlich muss ich allgemein aufpassen, nicht zuviele oder am besten gar keine Tweets aufzunehmen, die inhaltlich mit dem Anliegen dieses Projekts zu tun haben.)

Bei diesem Tweet bleibt mir der Mund offen stehen, und das nur zum Teil deshalb, weil die Frage so, sagen wir, unterirdisch ist. Sondern weil ich allgemein ziemlich wenig darüber weiß, wie ich mit Behinderungen, einschließlich meinen eigenen, umgehen soll. Und weil ich dabei immer an diese Szene hier in Manhattan denken muss, bei der ebenfalls eine alte Dame (weiße Hautfarbe) an einem Veteran ohne Beine (schwarze Hautfarbe), der im Rollstuhl saß, vorbeiging, und fröhlich fragte: Na, tanzen gehn heute abend? Und alle, einschließlich des Rollstuhlfahrers, lachten und fanden es ziemlich komisch.

Man kann hitler in diesem Tweet, wie so oft, als formale Variable auffassen und einige Fragen stellen. Gibt es Dinge, die nicht witzig sind? (Offensichtlich ja.) – Gibt es Dinge, über die man keine Witze machen kann? (Nein. Offensichtlich?) – Läßt sich alles, was man überhaupt sagen kann, witzig sagen? (Eine Frage, auf die ich selber nicht gekommen wäre, aber die mich im Rahmen dieses Projekts noch eine Weile beschäftigen wird.)

Eine vielleicht etwas philosophisch-blutleere Aussage, aber durchaus sinnvoll, sie für etwaige Notfälle dabei zu haben.

Der Satz gehört ohne Zweifel zu den wichtigsten Sätzen der Menschheit überhaupt (meiner eigenen Biographie unbedingt), und ich halte die Wiederholung für gerechtfertigt.

Point taken. – Okay, ich fand den Tweet zuerst besser.

Eine Kontraintuition, bei der ich gestutzt habe. Wenn ich hier in Manhattan die Musikstudios sehe, Probenräume wie Legebatterien, Tausende auf der Lauer nach dem großen Sprung auf den Broadway, dann scheint es um alles zu gehen, nur nicht darum, sich selbst zu verbergen. Entdecken reicht völlig, und wir tun alles, um dieses Entdecken so leicht wie nur irgend möglich zu machen. Aber dann erinnere ich mich an meine erste literarische Lesung, als der Veranstalter, ein Buchhändler, mich monatelang auf eine Antwort warten ließ, und dann plötzlich sagte: Wir machen einen Termin, und ich im selben Atemzug, ohne darüber nachzudenken, völlig automatisch, zurückfragte: Meinst du wirklich? – Da hätte er mich beinahe achtkantig aus seinem Laden geschmissen. Zu recht.

Siehe oben.

Es ist keine besonders tiefe Erkenntnis, aber mir gefällt die Haltung. Und mir gefällt, dass dieser Tweet, nach allem was ich von ihr weiß, wohl durchaus als Mini-Portrait von Christiane Frohmann durchgeht.

Noch ein Paradox, das den Beliebigkeitstest bestehen muss. Dieser @hilfsbuchhalter aka Bernardo Soares aka Fernando Pessoa ist überhaupt nie in einem anderen Modus als dem der Ernsthaftigkeit, und konstatiert doch, noch überhaupt nicht angefangen zu haben mit dem Ernstmachen. Vielleicht deshalb, weil melancholischer Ernst etwas anderes ist als aktiver Ernst? Mir geht dieser Tweet irgendwie unruhig im Kopf herum (Das Buch der Unruhe), daher in der Liste.

Keiner der Tweets hat so viel Kritik ausgelöst wie dieser hier. Kitsch! wurde gerufen, und die beigefügten Adjektive machten’s nicht besser. Auch ich verfüge über Kitschsensoren, aber hier haben sie nicht angeschlagen. Vielleicht muss man, um diesen Tweet gelten zu lassen, noch ein paar dutzend andere Tweets von @blutundkaffee um diesen herum gelesen haben. Was schade wäre, denn es spräche trotz allem gegen den Tweet und gegen die Aufnahme in diese Liste. Aber tatsächlich ist das etwas, das ich schätze und durch einen Fav-Stern wie auch die Aufnahme in diese Liste bestätigen will: den Mut, ein Gefühl vollkommen ungeschützt auszusprechen, ohne den Kitschalarm auszulösen. Denn Kitsch, das wären in meinem Buch unechte Gefühle, nur scheinbar angemessen ausgedrückt. Das seh’ ich hier nicht, sorry. Dieser Tweet gilt.

Selbe Ebene wie der vorige Tweet? Er steht weniger unter Kitschverdacht, weil ungewöhnlicher. Die Frage wäre, ob die ungewöhnliche Formulierung automatisch ein echteres Gefühl bedeutet, oder nur mehr hermacht. Mir gefällt auch dieser jedenfalls gut, sehr gut.

Kein Kommentar.

Okay, private Joke. Zitattweet. Geschenkt.

Das wäre nun wieder die Kategorie eines reinen Informations- und Überlegungstweets. Die Parallele zur Mondlandung habe ich so noch nicht gesehen und finde sie bemerkenswert.

Gelungene Formulierung eines Effekts, den ich ebenfalls auf Schritt und Tritt beobachte, aber noch nicht in dieser Form dingfest machen konnte. Dass ich die Eigendynamik der Witzigkeit als einen Bestandteil davon sehe, brauche ich vermutlich nicht extra hinzuzufügen.

Ich habe vor diesem siebzigjährigen Auschwitz-Gedenken gedacht, ich wüßte so ziemlich alles darüber. Das hat sich als Irrtum erwiesen, als sehr fundamentaler Irrtum.

Überlegungs- und Informationstweet, aktueller Anlass. Mir neue Überlegung, daher aufgenommen, aber wenn diese Liste wirklich literarischen Fragen nachgehen soll, wäre es vielleicht doch besser, aktuelle Anlässe weitmöglichst draußen zu lassen, sie lenken vom eigentlichen Thema ab.

Dieses hervorragend auf den Punkt gebrachte Unbehagen gegenüber jeglicher Form von Auszeichnung oder Bestenliste gefällt mir als Abschluss außerordentlich. Ich bemerke verwundert, aber zunehmend, dass mir nichts so sehr auf die Nerven geht wie gute Twitterer. Also Leute, die in irgendeiner Weise gekonnt oder souverän auf der Klaviatur dieses Instruments spielen. Zum Glück sind die besten Twitterer meistens auch die witzigsten, und bei denen weiß ich schon, warum ich sie nicht mag. Oder mit Woody Allen: She’s okay if you like talent.

Keiner davon ist witzig (2015-01)

Die meisten dieser Top-Twitterer sind mir einfach zu witzig. Ich bin nicht auf Twitter, um mich über einen Kalauer nach dem andern zu ömmeln.

Das habe ich im Sommer 2012 getwittert. Und erst neulich überlegte wieder jemand in meinem Bekanntenkreis, welche Bedingungen wohl erfüllt sein müssen, damit wir einen Tweet als witzig empfinden. Das ist bestimmt eine interessante Frage, aber es platzte aus mir heraus: Wer hat eigentlich beschlossen, dass Tweets witzig sein müssen?

Überall gibt es Twitter-Bestenlisten, und da stehen dann lauter lustige Tweets drin. Es gibt Twitterbücher, und wenn man die dann aufschlägt, sind es Witz-Sammelbändchen. Da gibt man den Menschen zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein Medium, durch das sich jeder auf dem Planeten Gehör verschaffen und zu jedem anderen sprechen kann, und was machen sie damit? Sie machen sich eine Witzbude draus.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich lache gerne und viel auf Twitter. Ich glaube, ich bin manchmal sogar selber witzig. (Ausnahmsweise. Und wenn, kann ich nichts dafür.) Aber es schien mir das Experiment wert, einmal eine Bestenliste zu machen, in der lauter gute, großartige, wunderbare Tweets stehen. Aber keine witzigen.

Denn der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo alle von morgens bis abends kichern, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihnen überhaupt gut tut, hier in dieser Liste ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Es ist ein Experiment. Hier sind die ersten, vom Januar 2015.

fortlaufend

Seit etwas über einem Jahr führe ich drüben auf tumblr ein fortlaufendes Blog. Das funktioniert ganz gut und wird fortlaufend fortgesetzt.

Falls hier des längeren nichts neues passiert, liegt das daran, dass ich drüben beschäftigt bin. Es gibt jetzt auch oben in der Menüleiste einen Link dorthin.

(Und ich war so stolz, endlich meine eigene Domain auf meinem eigenen Server zu haben.)

Das alte Feuerwerk

Dass wir’s auf den Pier I schaffen würden, sogar noch um kurz vor acht, hätte ich nicht für möglich gehalten. Und es war nicht mal besonders voll – eine Gasse in der Mitte des Piers wurde wie selbstverständlich frei gelassen, während links und rechts davon die Leute ihr Picknick auf den Steinfliesen aufgeschlagen hatten, mitunter Klappstühle aufgestellt, Fotostative am Geländer des Piers montiert. Ja, die Klappstühle: einer der Gegenstände, deren Mitbringen auf den Leuchttafeln am Eingang des Riverside Parks untersagt war. Genau wie Alkohol, oder große Rucksäcke. In Wirklichkeit schien sich niemand darum zu kümmern. Als wären die Verbote nur dazu da, die Menge der betreffenden Gegenstände ein bißchen statistisch einzuschränken.

Als wir ankamen, flog gerade eine Hubschrauberstaffel mit »NYPD« auf den platten Bäuchen eine Parade den Hudson herauf und herunter. Später, da war die Sonne gerade im Begriff unterzugehen, nochmal ein einzelner Hubschrauber, sehr tief, so dass ich, als er sich entfernte, die leichten Korrekturbewegungen sehen konnte, mit denen der Pilot die Maschine stabil hielt.

Die Polizeiboote mit ihren lautlos blau blinkenden Lichtern auf dem Hudson – irgendeinen Grund muss es wohl geben, dachte ich, warum die maritime Polizei mit nur einer Farbe auskommt, während die landgebundene diese rot-blau rotierenden Pulsare hat. (Ja, ich glaube, ich hab’s: weil Rot auf dem Wasser für die Backbord-Positionsleuchten reserviert ist. Ob ich das nachschauen sollte?)

Wir mussten lange warten: über eineinhalb Stunden. Ulla, die sich mit Disa auf die Steinfliesen setzte und sie beschäftigte, einfach so, unermüdlich. Die Papierzeitung lesend, die sie mitgebracht hatte (Ulla, die Expertin und Archivarin der kostenlosen Subway-Morgenzeitungen). Fotos mit ihr auf dem Telefon angucken (Disas ganzes bisheriges Leben umfassend). Verstecken hinter der am Wagen hängenden Handtasche. Ich stehe etwas unbeteiligt daneben, schaue stumm, aber doch irgendwie wichtig auf den Fluß hinaus und zu den Trump-Türmen herüber. Wann immer ich mich Disa zuwende, ist es nur ein kurzes Lächeln, ein Über-den-Kopf-Streichen, ein Bewegen meines Kopfs auf den ihren zu, bis sich unsere Nasenspitzen berühren. Oder ich nehme sie hoch, halte sie mit ausgestreckten Armen waagerecht über mir, so dass sie die ganze Umgebung sehen kann und juchzt »Jag flyger! Jag flyger!« – aber es sind doch immer nur Momente, zehn Sekunden vielleicht, bis ich nicht mehr weiß, was tun, Disa absetze (was sie mir nie übel nimmt) und wieder wichtig auf den Fluß und zu den Türmen hinüber schaue.

Kommt Langeweile auf? Kaum. Da so viele Menschen hier sind, ist offensichtlich, dass ganz bestimmt irgendetwas passieren wird, und wenn ich neben Disa in die Hocke gehe und versichere, dass gleich wirklich das große, große Feuerwerk anfangen wird, verändert sich ihr Blick und geht staunend ins Leere. Neben uns in der Menge werden schon Kinder auf die Schultern genommen, aber nach einer Viertelstunde weiteren Wartens verschwinden sie wieder zwischen den Ausgewachsenen. Ich warte. Ich werde sie bei den ersten Raketen hochnehmen, nicht früher.

Sie hält sich an meinem Gesicht fest. Ihre Finger sind so nah an meinen Augen, dass ich mir Sorgen mache, ob wohl mein Lidschlag-Reflex schnell genug wäre, wenn sie plötzlich etwas höher langte.

Was sind das für Ahs und Ohs? Sind sie echt, oder lernt sie von uns, wie man auf Begeisterung schaltet, wenn der dafür vorgesehene Moment kommt?

Das alte Feuerwerk. Ist es vorstellbar, dass man uns, die wir Lasershows und 3D-IMAX kennen, etwas bieten könnte, das uns fünfundzwanzig Minuten lang nicht aus dem Ah und Oh kommen läßt? Gab es je eine Zeit, in der es den Menschen so ging? Ist es die Zeit meiner Tochter?

Einige Strukturen und Sequenzen überraschen mich, einige sind wirklich wunderschön. Das riesige, weiße Gespinst, wie eine eisstarrende Trauerweide. Die viele Sekunden lang senkrecht aufsteigenden Feuerschweife, die aussehen wie Cape Canaveral. Crescendos und Diminuendos. Vermutlich müßte ich Biographien von Feuerwerkern lesen: Ob es Künstler gibt, denen kein anderes Mittel des Ausdrucks gegeben ist, als Feuerwerke zu inszenieren? Sie hätten wenig Zeit, ihrem Publikum etwas mitzuteilen. (Welchem Publikum?)

Wir vermuten einige Male, jetzt müsse es aber gleich vorbei sein. An der Spitze des Piers setzen bei einem der letzten Höhepunkte die Rufe ein: U-S-A! U-S-A! U-S-A! Meine fünfzehn Kilogramm schwere Tochter eine halbe Stunde lang auf den Schultern zu tragen, ist verblüffend anstrengend. Als ich sie absetze, spüre ich die Stauchung meiner so etwa in der Mitte des Lebens angekommenen Wirbelsäule.

Die Menge drückt sich vom Pier zurück, unter den Pfeilern der Stadtautobahn durch und den Fußweg schräg den Hügel hinauf zum Riverside Drive. Es geht langsam: bei einer Panik würde das eher schlecht funktionieren. Ein zwei Meter großer Soldat im Tarnanzug mit Pilotenbrille hält während des ganzen Rückwegs ein USA-Fähnchen hoch und strahlt dabei verzückt. Lächeln hat er für alle genug.

Ausnahmezustand: Sechzig Jahre 17. Juni

Der 17. Juni 1953 – Tag des Arbeiteraufstands in der DDR – jährt sich in diesen Tagen zum sechzigsten Mal. Aus diesem Anlaß hier ein Kapitel aus Reinhard Kettners Roman »Das grüne Licht der Passagen«, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors. Ich will nicht verschweigen, dass ich an der Buchwerdung dieses Romans selber mitarbeiten durfte und mich daher über seine Verbreitung fast so sehr freue, als wär’s mein eigener. Apropos Verbreitung: Wie ich aus gut unterrichteter Quelle weiß, haben wir heute und morgen, am 17. Juni 2013, Ausnahmezustand und der Roman ist für kurze Zeit kostenlos.

Der 17. Juni. Beginn der eurasischen Wirren. Tag der Illusionen. Tag der Panzer: letztes, unschlagbares Argument. Ich hatte mich den Janottabrüdern angeschlossen. Wir liefen sofort nach Schulschluss in Richtung Unter den Linden. Vor der Uni­ver­si­tätsbibliothek, hatte es geheißen, habe ein T-34 einen Demonstranten überrollt. Ich wollte unbedingt den Toten sehn oder wenigstens den Blutfleck. Wir fanden beides nicht und wurden mitgerissen von der hin- und herwogenden Menschenmenge, die jedesmal, wenn ein Panzer anrollte, panisch in Hausein­gänge und Nebenstraßen wallte und zurückflutete, sobald der Panzer passiert hatte. Dann flogen Steine, Pfiffe gellten, und manchmal sprang aus der Menge ein besonders Mutiger von hinten auf den Panzer auf und versuchte die Antenne abzubrechen oder hämmerte mit einem Stein grotesk auf den Turm ein. Irgendwann verlor ich die Janottabrüder. Ich suchte eine Weile, ließ mich treiben und landete schließlich am Potsdamer Platz. Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren. Ich sah das brennende Columbushaus. Ich warf mich zu Boden, wenn auf einem der unentwegt vor- und zurückpreschenden Panzer das MG lostac­kerte. Ich hörte jemanden sagen: Platzpatronen! und sah, dass er seinen eigenen Worten nicht recht traute und sich plattlegte. Die Panzer schossen in Richtung Sektorengrenze, wo sich Massen von Schaulustigen eingefunden hatten. Niemand fiel um. Als ich mich das dritte oder vierte Mal hingeworfen hatte, und drüben noch immer alle aufrecht standen, hatte ich das unbezwingliche Gefühl, die Soldaten hinter den Sehschlitzen würden sich halbtot lachen über uns. Ich erhob mich und erklärte den Aufstand für meine Person als beendet. Heimwärts kam ich an einem geöffneten Tante-Emma-Laden vorbei. Ich legte alles Geld auf den Tisch, das ich bei mir hatte: Was bekomm ich dafür? Markenfrei! – Ich hab noch drei Makkaronipäckchen! – Gut, sagte ich. Und zuhaus sagte ich: Für alle Fälle! Wer weiß, wann es wieder was gibt! Mutter lächelte milde: Das ist doch alles nur Lärm! Aber du könntest Großvater nach Hause lotsen! Ich kenne die Herrn Ältesten! Die verquasseln glatt die Sperrstunde!

Ich könnte nicht sagen, was mich bewog, zuerst zum Hoffenster des Albrechtskellers zu schleichen, wie wir das früher getan hatten: Klauke, die Janottabrüder und ich. Ich kann nur sagen, dass ich mich hinterher besser fühlte. Der Albrechtskeller befand sich ein paar hundert Schritte entfernt von unserer Wohnung. Auf halbem Weg, mit halluzinativer Deutlichkeit, hatte ich plötzlich den Westen in der Nase. Seifen, Zigaretten, Parfüms, Schokolade, Kleider, Mäntel, Stoffe. Alles roch feiner dort. Sogar die Scheißhäuser, wie Klaus Janotta zu behaupten pflegte, was kein Wunder wäre bei den wohl­riechenden Sachen, die die Leute fräßen! – So urplötzlich waren die Gerüche da, dass ich stehn blieb und wie ein Pferd flämte. Der Westen in der Reinhardtstraße. Kein 5:1 mehr. Kein Schmuggeln über die Sektorengrenze. Kein Aufriss wegen Bürstenhaarschnitt oder Jeans. Aber jedes Ausatmen, ach, jedes Ausatmen sag­te mir: Vorbei, vorbei!

Ich schreibe dieser Enttäuschung das unverblasste Vergnügen an meiner Ohren­zeugenschaft zu. Ich rieche den Mix aus Bierdunst und unparfümierten Nachkriegstabak. Ich höre die gereizte Stimme des Janottagroßvaters: Schwei­ne! Alles Schweine! Amerikaner! Engländer! Franzosen! Alles Schweine! – Aber das hieße aan Krieg, Haanrich! Aan großes Elend! – Ach was, Krieg! Und wenn! Muss ja nicht auf deutschen Boden…! – Heinrich! lässt sich Großvater vernehmen. Heinrich! Das sind doch keine Verrückten! Denen sitzt ihr eigenes Hemd…! – Wisst ihr, was aan Russe mir mal gesagt hat? – Das sind ja nun die Oberschweine! – Sperr aanen Deutschen in aane Konserve, hat er gesagt, und er kommt mit aanem Panzer wieder raus! Sie haben aan Schiss vor uns! Alle wie sie da haaßen! Sie haben aan Schiss! – Ach, Jakob! Herjemine! Der Stalin müsste sich ja umdrehn im Grab! – Also, wenn schon, heisert Großvater, dann im Mausoleum! – Na, wenn’s dir Freude macht, Willem! Jedenfalls, wenn der Stalin Schiss hatte vor was, dann vor den Amerikanern. Und wenn die, Willem…! – Die werd’n aber nich! Die husten uns was! – Waal sie aan Schiss haben! – Quatsch! Weil sie nich blöd sind! Weil sie ihr eignes Süppchen… Weil ihr Gerede… wer sind wir denn? Taube Nuss am Faulbaum der Geschichte! Haufen Schutt und Asche! Wer sollte dafür seinen Kopf…? – Himmelherrgottverflucht! bellt der Janottagroßvater. Himmelherrgottverflucht! Dann eben Generalstreik! Oder­ Hungerstreik! Wenn ein ganzes Volk sich weigert…! – Ge­ne­ral­streik? Mit Deutschen? Dass ich nicht lache, Heinrich! Die hab’m schon ihren Kaiser verkauft! – Herrschaften! lässt sich die ruhige Stimme von Kaulitz vernehmen. Herrschaften, wir haben Ausnahmezustand! Also, etwas Mäßi­gung, bitte! – Worüber machst du dir Sorgen, Kauli? Sind wir mehr als drei Personen? Ist das ein öffentlicher Platz hier? – Sind wir aane Kundgebung vielleicht? – Herr­schaften, ihr habt nur euren Kopf zu verlieren, ich meine Lizenz! Also Themenwechsel oder Fenster zu! Im Hof wohnt einer von der Polente! – Na, bleibt nur Weiber oder Wetter, Kauli? Kannst dir’s aussuchen! – Meinjeh, die Herrn Kirchenältesten…! Dann das Geräusch schließender Fensterflügel.

Irgendwas neues, Junge? fragte mich Großvater auf dem Nachhauseweg. Nicht, dass ich wüsste! Die russischen Panzer rolln und rolln, und Amerika wird nicht so blöd sein, wegen Deutschland ‘n lausigen Krieg anzufangen! – Komisch, sagte Großvater, genau das hab ich auch grad gesagt! Und weißte, was der Janottaheinrich gemeint hat? – Keine Ahnung! – Dann eben Generalstreik! – Generalstreik? Mann, wo lebt der denn? Doch nicht mit Deutschen! Großvater strahlte: Genau das hab ich auch gesagt!

Vier Tage später, am Sonntag, waren die Janottabrüder und ich mit Fahrrädern unterwegs. Manchmal zu dritt nebeneinander. Wir hatten uns nichts gedacht dabei, auf keinen Fall provozieren wollen. Wir hatten den Toniwagen einfach zu spät gesehn. Statt einer gebührenpflichtigen Verwarnung, erging die Aufforderung an uns, dem Wa­­gen zu folgen. Er hielt vor einem Polizeirevier in der Glinkastraße. Wortlos führte man uns in einen kahlen Hinterraum, dessen Fenster bis oben vergittert waren. Eine Wolke ätzenden Pissegeruchs schlug uns entgegen. Sie entströmte den Hosen von ein paar Männern, die reglos an der Wand standen. Stellt euch dazu! Gesicht zur Wand! Los, los! – Der Mann, neben den ich mich stellte, nickte fast unmerklich mit dem Kopf. Ich suchte Blickkontakt zu den Janottabrüdern, aber sofort kam das Kommando: Augen zur Wand! – Gehorsam starrte ich auf die rissige Ölfarbschicht vor mir. Stille. Nur das schwere Atmen der Männer war zu hörn und das Geräusch, wenn einer der beiden Aufpasser den Gummiknüppel in die Hand klatschen ließ. Es verriet, wo der Stockmann sich gerade aufhielt: am Anfang der Reihe, in der Mitte oder direkt hinter uns. Er schien zu schleichen oder zu schweben. Manchmal hatte ich das Gefühl, einen kalten Hauch zu spüren, bevor es leise, fast nachdenklich hinter mir platschte. Seine Stimme traf mich unvorbereitet: Umdrehn, ihr drei! – Nacheinander tippte er uns leichthin mit dem Knüppel an, als wären wir Käfer, die sich tot gestellt haben: Drei Um­stürz­ler, wie? Ich hör nichts, Freunde! – Sind doch noch fast Kinder! sagte der Mann, der mir zu­ge­nickt hatte. – Was denn! Was denn! Hier spricht nur einer! Die proletarische Staatsmacht! Also, Schnauze! Er wandte sich uns wieder zu: Ich hör noch immer nichts! – Nein! sagte Henri Janotta. – Was, nein? – Wir sind keine! – Was, keine? – Keine Umstürzler! – Ach! Und zu dritt mit’m Fahrrad nebenein­and­er? Obwohl Ausnahmezustand? Ich nenn das Angriff auf die Ordnung! Umsturz! Provokation! Hat bombig Spaß gemacht, Scheiben einzuschmeißen, wie? – Was für Scheiben? fragte Klaus Janotta unschuldig. – Nu, kommt, kommt! Stellt euch nicht dämlicher, als ihr seid! – Wir hatten Schule! sagte Henri. – Ach! Und danach? Immer schön mitmarschiert mit dem Mob! Arbeiterfeindliche Parolen gegrölt! Stimmt doch, oder? – Klaus Janotta stieß mich heimlich an. Ich verstand sofort, was er woll­te. Ein paar Wochen zuvor, anlässlich von Stalins Tod, hatte ich gewettet mit ihm, dass es mir gelingen würde, dicke Tränen rollen zu lassen. Und wirklich, als wir beim Fahnenappell im Geviert auf dem Schulhof standen, kullerten und kullerten sie. Wie hast du das gemacht, Mann? Zwiebeln! Hab mir saftige geraspelte Zwiebeln vorgestellt! – Was denn? Was denn? Jetzt wird auch noch losgeheult! Fehlt nur noch…! – Wir konnten gar nich mitmarschiern, schniefte ich, wir durften nich raus! Mutter hat uns…! – Seid wohl noch traurig drüber, was? – Nein, sagte ich. – Nein, sagten die Janottabrüder. – Menschens­kinder, um eure Zukunft geht’s doch! Solltet eurer Mutter dankbar sein! Vernünftige Frau das! Und jetzt ab nach Hause! Aber die Räder werd’n geschoben, klar? Ich hör nichts, Freunde! – Ja, murmelten wir. – Na, also!

Ja, das sei schlau gewesen! sagte Meister Lamprecht und nickte mir im Spiegel zu. Das sei sehr schlau gewesen von mir! Man könne den Mächtigen nur begegnen, wenn man mächtiger sei oder listig! Aber was den Hintergrund des siebzehnten betreffe – er beugte sich über mein Ohr und raunte, dieweil sein schnackernder Haar­schnei­deapparat die Rolle einer Wasserspülung übernahm – was den be­treffe, da sage er nur ein Wort: Geheimbünde. Die Bruderschaften. Die Großlogen der Freimaurer. Die Odd Fellows… Sie zögen an den Fäden, nach welchen getanzt werde. Sie seien die wirklichen Herren der Welt. Manchmal im verborgenen, manchmal ganz legal. Aber da seien sie stets. Den Eingeweihten durch gehei­me Zeichen und Losungen erkennbar. Ob mir schon aufgefallen sei, dass wildfremde Menschen sich manchmal anblickten, ein kurzer Blitz des Erkennens aufzucke und sogleich wieder größte Fremdheit herrsche? Ich schüttelte den Kopf. Dann werde es Zeit! Hundertlei Arten von Blicken gebe es: den verliebten, den freundschaftlichen, den interessierten, den ab­gestumpften, den ent­zückten, den erstaunten, den unsteten, den brennenden, den zugewandten, den abschätzenden, den vernichtenden – und diesen einen! Diesen Blick der Blicke! Diesen Blitz bruderschaftlichen Erkennens! Was auch geschehe auf dieser Welt, raunte er, ich könne sicher sein, es habe seinen Beginn und sein Ende im Zentrum dieser blickstiftenden Mächte! Kennen Sie denn einen, der so…? Aber woher denn! Auserwählte seien das! Nach Prinzipien, die völlig im Dunkeln blieben. Zudem verpflichtet zum absoluten Schweigen! Nein, nein! Kennte er einen, er wäre wohl längst kein Frisör mehr! Aber woher wissen Sie dann…? Nun, etwas sickere immer durch! Den Rest freilich könne man nur vermuten und erahnen! Manchmal, raunte er, manchmal frage er sich zum Beispiel, ob nicht Hitler ein Odd Fellow gewesen sei? Auserwählt, um Deutschland klein- und England und Amerika großzumachen? Na, und der siebzehnte Juni­!­ Viel­leicht sei der nichts anderes als das Resultat rivalisieren­der Bruderschaften, wo eine der andern habe Licht ans Fahrrad machen wollen? Oder eine längst gestiftete Weltloge, bestrebt aufzusteigen wie ein Phönix aus der Asche, habe versucht das herrschende Patt… jedenfalls, raunte er, ich könne sicher sein, es sei um mehr gegangen an diesem Tag, als um Spitzbart und ein paar Nor­men.

Digitale Intimität

Seit etwa zwei Jahren lese ich fast ausschließlich digital. Ich habe dabei das eigenartige Gefühl, dass das Lesen intimer geworden ist, und insofern auch intensiver als in den Jahrzehnten vorher, in denen ich Papierbücher gelesen habe.

Es ist jetzt kein Gegenstand mehr da, der den Text verkörpern würde. Nur noch der Text selbst, der sich, aus dem Nichts kommend, flüchtig auf dem Display materialisiert. Es bleibt nur das von ihm, was in meinen Kopf gelangt.

The ultimate brainfuck.

Solange man einen Text mit einem physischen Gegenstand identifiziert, kann man ihn sich vom Leib halten. Zum Beispiel, indem man ihn ins Regal stellt. Das ist ähnlich wie das Aufschreiben von Terminen — in dem Moment, in dem man sie einem Notizbuch anvertraut, wird die eigene Erinnerung an sie einen deutlichen Grad schwächer.

Natürlich »gibt« es den digitalen Text auch außerhalb meines Kopfs. Es gibt ihn sogar in einer deutlich verfügbareren, mithin allgegenwärtigeren Weise als ein Papierbuch, nämlich im Netz, also jederzeit, an jedem Ort und mit jedem Gerät abrufbar. Dennoch — da lassen sich ein paar hunderttausend Jahre Menschheitsgeschichte wohl nicht so schnell abschütteln — ist ein physischer Artefakt auf eine völlig andere Art anwesend als das digitale Gewaber, das wir so gerade mit den Zehenspitzen zu betreten beginnen.

Die Intimität wird auch nicht dadurch aufgehoben, dass der systematische, erschließende Zugriff auf den Text ein paar deutliche Verbesserungen erfahren hat. In einem Papierbuch etwas anzustreichen, erschien mir immer barbarisch. Okay, in einem Taschenbuch vielleicht weniger, aber Taschenbücher sind ja für sich selbst schon barbarisch. Als digitaler Leser hingegen kann ich Passagen markieren und diese Markierungen rühren den Text selber nicht an, sie sind nur ein Layer, eine Schicht, die ich darüberlegen und bei Bedarf auch ausblenden kann. Und ich kann mir diese markierten Passagen in einer eigenen Auflistung anzeigen lassen, was sich als eine gute Technik erwiesen hat, etwas Gelesenes noch einmal Revue passieren zu lassen und sich so erneut gegenwärtig zu machen.

Um in der digitalen Intimität bestehen zu können, scheint mir außerdem ein digitales Bücherregal unabdingbar. Während es kaum dazu taugt, die Bücher durch bloßes Anschauen oder gar daran Riechen zu verehren, hilft es doch in einer deutlich funktionaleren, unbestechlicheren Weise dabei, einen Überblick über die eigenen Lesegewohnheiten und das erschlossene Terrain zu behalten.

Vielleicht sollten wir uns fragen, ob wir die Liebe zum Lesen nicht mit der Liebe zu den Büchern verwechselt haben, wie Dan Coxon kürzlich vermutete. Zuzutrauen wäre es uns. Wir haben so eine unausrottbare Schwäche, gute Dinge durch andere Dinge zu ersetzen, die etwas beeindruckender aussehen und dafür etwas weniger gut sind.

Ich bin, abschließend, froh, das Wort E-Book in diesem Text kein einziges Mal verwendet zu haben. Ich kann’s nämlich, ehrlich gesagt, nicht mehr hören. Können wir bitte einfach weiterlesen?