Keiner davon ist witzig (2015-12)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren.

Dies ist die zwölfte Ausgabe von »Keiner davon ist witzig«, mit Tweets aus dem Dezember 2015.

Wenn das Wort Gott in einem Satz vorkommt, übersehen wir die schlimmsten logischen und moralischen Patzer darin. Es dauert so lange, bis man die Unverschämtheit dieses »eine Tür schließen, aber ein Fenster öffnen« überhaupt wahrnimmt. Da leistet dieser Tweet wertvolle Nachhilfe. Nachdem man es einmal gesehen hat, kann man es nicht mehr nicht gesehen haben.

Die Digitalisierung ist schuld: Unsere Aufmerksamkeitsspanne verkürzt sich, wir lesen lieber Tweets als Literatur und verblöden darüber. Vielleicht ist es aber auch so: Wenn Leute sich durch das Netz von den Büchern abhalten lassen, dann sind es entweder schlechte Leser, oder die wichtigen Dinge passieren gerade nicht in den Büchern, sondern im Netz.

Wenn jemand behaupten würde, er könne keine vernünftigen Gedanken mehr denken, weil er ständig Fußball gucken oder Alkohol trinken müsse, würden wir das bedauern und uns Leuten zuwenden, die sich besser konzentrieren können. Wer es nicht schafft, seine Aufmerksamkeit zu bündeln, dem fehlen entscheidende kulturelle Grundtechniken.

Wenn sich die Aufmerksamkeit der Menschen dagegen flächendeckend und nicht nur in Einzelfällen anderen, seltsamen, neuen Dingen zuwendet, dann sind diese anderen Dinge vielleicht einfach spannender und wichtiger. Dass bei so einem Umbruch einiges durcheinandergerät, ist nicht überraschend. Das Niveau, das vor dem Umbruch erreicht war, muss unter geänderten Voraussetzungen erst neu erarbeitet werden. Die Menschheit ist noch nie fundamental und unwiderruflich verdummt, höchstens vorübergehend.

Das einzige, was nicht funktionieren wird, ist, so zu tun, als wäre gar nichts passiert. Buchhandlungen sind ein typischer Ort, an dem sich dieses Gefühl einstellt, und das ist wohl kein Zufall. Autoren, die sich in der klassischen Verlagswelt etablieren konnten, haben naturgemäß ein geringes Interesse, sich mit der veränderten Welt auseinanderzusetzen.

Ich habe das Gefühl, noch nie so viel von der deutschen Katastrophe begriffen zu haben wie in diesen ersten Monaten des amerikanischen Wahlkampfs. Eine Geschichtsstunde, live.

Was mir am meisten Angst macht, ist das offensichtliche Aushebeln der Rationalität. Noch vor drei Jahren habe ich getwittert, dass der Medienzyklus jetzt so aussieht: Ein Politiker lügt – er besteht auf der Lüge – erst wenn alles nichts mehr hilft, zieht er die Lüge zurück – der Politiker weiß: die Menschen glauben weiterhin die ursprüngliche Aussage. Inzwischen sind die Schritte drei und vier obsolet geworden, es ist möglich, faktisch und nachweisbar die Unwahrheit zu sagen und dabei zu bleiben und damit durchzukommen.

In der Schule fand ich logisches und wissenschaftliches Denken die langweiligste Sache überhaupt, weil ja schließlich klar ist, dass man so denken muss. Inzwischen sieht das weniger selbstverständlich aus. Und das schlimme ist: Man kann für rationales Denken nicht mit rationalen Mitteln argumentieren.

Die erste Duineser Elegie, getwittert. Ich verstehe das auch als Einleitung zum Tweet von @milch_honig weiter unten.

Genau mein Gedanke, als ich die letzten beiden Male an Särgen stand. Wie ordentlich und anschaubar so ein Leben wird, in dem Moment, wenn es aufhört.

Ein interessanter Ausdruck: unproblematische sexuelle Erlebnisse. Ich glaube, ich habe noch nie ein unproblematisches sexuelles Erlebnis gehabt. Harmlose gibt es, und an denen ist genau ihre Harmlosigkeit das Problem. Solche, die nicht harmlos sind, gibt es auch, und deren Wucht und Zerstörungskraft ein Problem zu nennen, klingt selber verharmlosend. Sex is a Nazi, keiner hat das besser ausgedrückt als Les Murray.

Aber hier ist ja auch nur von einem Wunsch die Rede. Gegen den dürfte eigentlich niemand was haben, klar.

Ein horizontaler Fahrstuhl, sehr gut.

Schscht! Das dürfen wir noch nicht laut sagen. Es gibt noch zu viele, die das als Bestätigung nehmen würden, dass das mit der Digitalisierung doch ein Irrweg war. Und damit richten sie dann noch größeren Schaden an.

Wahrscheinlich hat uns die Leichtigkeit, mit der bislang völlig undenkbar erscheinende Dinge möglich wurden, geblendet. Suchanfragen über Milliarden Seiten, schneller als eine Sekunde. Pings in die Wüste von Australien, die in derselben Zeit um den Erdball laufen, kostenlos. Alle Musik der Welt in der Hosentasche.

Darüber könnten wir übersehen haben, dass die Etablierung einer digitalen Kultur nicht mit derselben Leichtigkeit, nicht einfach von selbst passieren wird, auch wenn die so entstehende Kultur alles, was vor ihr war, wie eine unaussprechliche Zeit des Mangels erscheinen lassen wird. Aber das wird Arbeit kosten und Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte dauern, und vieles wird dabei verlorengehen. Vielleicht läßt sich, wenn man sich darüber im Klaren ist, manches davon verhindern.

Es gab eine Zeit, als die Geburtsjahrgänge derer, die auf sich aufmerksam machten, kleiner waren als meiner: 1965, 1967, 1968. Das war in den frühen Neunzigern, und es fühlte sich wie ein Countdown an, ein Versprechen, aber auch eine bange Erwartung, dass und wie und ob es mit einem selbst losgehen würde. Dann das Zusammenzucken, als die ersten Zahlen kamen, die gleich oder sogar größer waren: 1969, 1972, 1970. Frühreife, klar. Sondergenies. Man selber hatte Zeit verloren, verschwendet, war noch mit Aufholen beschäftigt, würde sorgfältiger reifen als die andern, aber dann. Aber dann. Irgendwann, als die Zahlen 1975, 1978 kamen, dann das erste Mal eine mit einer acht vorne, war klar, dass die Rechnung nicht stimmte. Der Countdown war alleine über die Nullmarke gelaufen, man saß nicht drin in dem Raumschiff. Es war eine kurze Zeit im Leben, als Jahreszahlen so elektrisieren konnten. Eine schöne Zeit, und sie kommt nie wieder. Erst danach ist man zu jung für Literaturwettbewerbe.

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