Das Publikum muss überwunden werden

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Bevor das Lesen, das Schreiben und die Öffentlichkeit digital wurden, waren die Verhältnisse schwierig, aber übersichtlich. Die Verlage hielten die Schlüssel zur Öffentlichkeit in den Händen. Schreiben durfte, wer einen Verleger von sich überzeugen konnte. Zum Führen der Bezeichnung Schriftsteller war man allerdings erst berechtigt, wenn man es schaffte, vom Schreiben zu leben – was ungefähr darauf hinauslief, im Jahr ein paar tausend Bücher zu verkaufen. Alternativ konnte es aber auch sein, dass ein Verleger so sehr von einem Autor überzeugt war, dass er ihn querfinanzierte. Er verhalf dem Autor also zu einem Lebensunterhalt, obwohl seine Bücher nicht die dafür nötige Breitenwirkung erreichten.

Das alles ist Vergangenheit. Die quasi-religiöse Funktion des Verlegers, der Einlass gewährt oder verweigert, existiert nicht mehr, seit das Veröffentlichen nur noch ein Knopfdruck ist, der jedem jederzeit zur Verfügung steht. Wobei das natürlich eine Verkürzung ist. Niemand, der sich heute ein Blog oder einen Twitteraccount anlegt, hat deswegen morgen irgendwelche Leser. Eine Öffentlichkeit hat, wer sich in der digitalen Welt bewegt wie ein Fisch im Wasser. Das Interesse an dem, was in dieser Welt passiert, muss größer sein als das Ziel, jemandem etwas verkaufen zu wollen. Was wegfällt, ist die Hürde des Eintritts. Gehen muss man den Weg allerdings schon noch.

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Wir wissen, anders als jede Autorengeneration vor uns, wesentlich besser Bescheid darüber, wann, wo und von wem wir gelesen werden. Nicht aufgrund monatlicher Verkaufszahlen, auch nicht indirekt durch Rezensionen oder Einladungen zu Lesungen, sondern in Echtzeit. Wir sehen die Augen auf unseren Texten. Was macht das mit uns?

»Das Publikum muss überwunden werden, weiter nichts«, schreibt Jean Paul. Ich übersetze mir das so: Jeder Autor will einerseits Leser gewinnen und ihnen gefallen. Andererseits soll er, bitteschön, genau das sagen, was er zu sagen hat, ohne sich darum zu kümmern, ob sich dafür Leser finden oder nicht. Wer sich als Autor zu früh oder zu eindeutig auf eine der beiden Seiten schlägt, wird schlecht schreiben. Literatur ist immer der Versuch, für etwas Sprache zu finden, für das es bisher keine Sprache gibt. Es ist der Versuch, in der Öffentlichkeit Dinge zu machen, die man bisher da nicht machen konnte.

Die Tatsache, dass wir als Autoren zum ersten Mal sehen, wer uns liest, wieviele uns lesen, wann, und von wo, macht diesen Konflikt schärfer, als er je gewesen ist. Das ist ein Fortschritt.

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»Die berühmten Menschen freuen sich nicht darüber, wenn ihre Fotos in Zeitschriften erscheinen, sondern sie haben Angst, ihre Fotos könnten aufhören, in Zeitschriften zu erscheinen«, schreibt David Foster Wallace.

Die Lektüre der Zugriffszahlen meines Blogs gehört zu meinen liebsten Beschäftigungen. Es ist schön, wenn aus zehn Lesern mit der Zeit zwanzig werden, oder wenn der Link eines reichweitenstarken Accounts plötzlich hundert oder tausend hereinspült. Gleichzeitig ist der Kater vorprogrammiert, wenn die Zahlen am nächsten Tag wieder fallen. Man wird unruhig und fragt sich, ob man den Faden verloren hat, oder ob man störrisch bleiben und den Lesern gelassen beim Abwandern zusehen sollte.

Diese Gefühle sind dieselben, egal ob die Zahl von zehn auf zwanzig steigt, und dann wieder fällt, oder von hunderttausend auf zweihunderttausend. Entscheidend ist der Gradient. Daraus folgt auch: Wer sich darüber beschwert, zu wenige Leser zu haben, der wird sich, wenn ihn die ganze Welt liest, über zu geringe Geburtenraten beklagen.

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Weil die Einstiegshürden weggefallen sind, werden es immer mehr, die schreiben. Die kreative Aneignung und Erschließung der Welt steht an der Spitze der Bedürfnispyramide. Jeder Mensch hat das Bestreben, diese Höhe zu erreichen, und je mehr es tatsächlich schaffen, desto besser steht es um die Zivilisation. Es steht auch besser um die Literatur, denn wenn es ihre Aufgabe ist, die Welt größer zu machen, indem sie Dinge sichtbar und sagbar macht, die das vorher nicht waren, dann bedeutet mehr Literatur mehr Wirklichkeit, und je mehr Wirklichkeit, desto besser.

Es bedeutet allerdings auch, dass nicht mehr jeder von allen gelesen werden kann. Schon in der Zeit der Verlage war das natürlich so, aber wenn man die Augen ein bisschen zusammenkniff und sich gehörig durch das Feuilleton benebeln ließ, konnte man sich noch halbwegs darüber hinwegtäuschen. Dieser Zug ist endgültig abgefahren.

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Ein bisschen Mathematik könnte helfen, um abzuschätzen, was wir von einer Aufmerksamkeitsökonomie erwarten können. Wieviele wird es geben, die schreiben, und wieviele werden sie lesen? Es versteht sich dabei von selbst, dass man diese Rechnung auch für Musik, bildende Kunst usw. aufmachen könnte, aber hier geht es, modellhaft, um die Literatur.

Wieviel kann ein Leser lesen? Ich schätze, es sind etwa zehn bis hundert Autoren, die ein einzelner Leser ernsthaft und aufmerksam verfolgen kann. Ein paar echte Leseratten mögen mehr schaffen, aber der Durchschnitt dürfte ungefähr in dieser Größenordnung liegen.

Wieviele dieser Leser kommen auf jeden Autor? Im Extremfall könnte man von der völligen Identität der beiden Mengen ausgehen: Jeder, der sich ernsthaft für Literatur interessiert, schreibt auch selber. Es ist überhaupt nicht möglich, das eine ohne das andere zu tun. Das andere Extrem wäre, dass eine große Menge von Nur-Lesenden einem kleinen Häuflein von Autoren gegenübersteht. Wir dürfen dabei nur nicht die klassische Verlagslandschaft mit ihren Einstiegshürden extrapolieren: Jeder, der schreiben will, kann das inzwischen tun.

Ist eine Zahl von zehn reinen Lesern auf jeden Autor realistisch? Oder hundert? Oder tausend? Das würde immerhin bedeuten, dass die Spitze der Bedürfnispyramide, der eigene kreative Ausdruck, nur zehn, einem, oder einem zehntel Prozent der Bevölkerung vorbehalten wäre. Es könnte natürlich auch sein, dass diese Nur-Lesenden anderswo kreativ sind.

Irgendwo zwischen diesen Extremen liegt jedenfalls die Wahrheit. Im einen Fall, der Identität zwischen Autoren und Lesern, kommen wir auf zehn bis hundert Leser pro Autor. Im anderen Fall, wenn das Publikum deutlich größer ist als die Menge der Schreibenden, sind es zwischen hundert und hunderttausend Leser für jeden Autor (jeder Leser liest zehn bis hundert Autoren, und es gibt zehnmal bis tausendmal mehr Leser als Autoren).

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Diese Zahlen sind interessanterweise vollkommen unabhängig davon, wie groß die absolute Zahl der Autoren und Leser ist. Es könnte sich um ein kleines Häufchen verschrobener Literaturinteressierter handeln, ein halbes Prozent der Gesellschaft, oder um die flächendeckende, kulturelle Mindestaustattung jedes Haushalts. Für die Milchmädchenrechnung entscheidend sind nur die Mengenverhältnisse, nicht die absoluten Zahlen. Das ist eine direkte Folge des Verschwindens der Mangelökonomie der Verlagswelt.

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Natürlich stimmt die Milchmädchenrechnung nicht. Sie geht davon aus, dass jeder Leser aus der Menge der Autoren zufällig seine zehn bis hundert herauspickt. Tatsächlich aber wird Aufmerksamkeit aggregiert. Selbst dann, wenn die Mangelökonomie der Verlagswelt überwunden ist und die Zahl der Autoren nicht mehr künstlich beschränkt wird, gelingt es manchen Autoren, mehr Leser anzuziehen als andere. Das kann daran liegen, dass sie besser schreiben als die andern. Oder einfacher. Oder anziehender, im Sinne eines höheren Unterhaltungswerts. Es können auch, völlig unabhängig von der Qualität dessen, was ein Autor schreibt, rein meteorologische Effekte in den Informationsströmen sein, die dafür sorgen, dass sich die Aufmerksamkeit an manchen Punkten konzentriert und andere auslässt.

Trotzdem hat diese aufmerksamkeits-kommunistische Milchmädchenrechnung etwas für sich, nämlich als Abschätzung und Korrektiv. Wer weniger als zehn Leser hat, kann noch nicht von Öffentlichkeit sprechen. In einer perfekten Welt wird niemand mehr als hundert Leser haben. Und wer mehr als ein paar tausend hat, begeht aufmerksamkeits-kapitalistische Ausbeutung. Das kann gerechtfertigt sein – es wäre fatal, die Möglichkeit, berühmt zu werden, zu unterdrücken –, aber um von Zivilisation zu sprechen, müssen wir anstreben, dass möglichst viele Stimmen von möglichst vielen gehört werden.

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Es ist offensichtlich, dass literarische Arbeit damit keine ökonomische Existenz mehr begründen kann. In Ausnahmefällen mag das funktionieren, aber rein mathematisch und zivilisatorisch müssen wir hoffen, dass es nicht zuviele von diesen Ausnahmen gibt. Denn insgesamt sind es einfach zuviele, die schreiben, und zuviele, die gehört werden sollten. Vom Schreiben leben zu wollen, ist, als würde man sich für das Atmen bezahlen lassen.

Es ist auch weiter kein Verlust, wenn das nicht mehr geht. Novalis sagt einmal irgendwo, jeder Mensch müsse in sich selbst eine ganze Gesellschaft sein: Polizist, Lehrer, Toiletten-Entstopfer, Politiker, Kindergärtner und Altenpfleger. Ein erfülltes Leben wäre eins, das möglichst viele dieser Rollen eingenommen hat.

Mit anderen Worten, jeder sollte so ziemlich alles machen, außer vom Schreiben zu leben.

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