Keiner davon ist witzig (2015-11)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren.

Dies ist die elfte Ausgabe von »Keiner davon ist witzig«, mit Tweets aus dem November 2015.

Die Publikumsbeschimpfung läuft vermutlich darum so gut auf Twitter, weil sie genau diejenigen, gegen die sie gerichtet ist, als Follower anzieht. Sie immunisieren sich durch das Trotzdem-Folgen gegen die Beschimpfung, was zu einer Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls führt. Als Strategie, um besonders intelligente Follower zu finden, ist die Beschimpfung wohl eher weniger geeignet.

So bedenklich, elitaristisch, unverschämt dieser Tweet auch daherkommt, finde ich ihn dann doch wieder interessant, weil er an den Vorschlag von Kevin Kelly erinnert, dass in der Aufmerksamkeitsökonomie eigentlich Autoren ihre Leser bezahlen sollten und nicht umgekehrt.

Bester Kommentar zum Anbruch der Herzchenzeit auf Twitter. Es bleibt ja ein Trost: Die fortschreitende Infantilisierung wird notwendig eine Gegenbewegung zur Folge haben. Wir können uns also schon jetzt auf die Entstehung von Diensten und Orten freuen, die wieder geeigneter für Erwachsene sind.

Eine Frau aus dem Sexgewerbe schrieb neulich über ihre Verwunderung, was für Almosen es oft sind, die Männer als sexuelle Dienstleistung bekommen, gemessen an dem Spektrum dessen, was Sexualität alles sein kann. Und dass viele Männer selbst für diese Almosen dankbar – zu Tränen dankbar – sind.

Ein bisschen weitergedacht, heißt das wohl, dass es nicht möglich ist, Mensch zu sein, ohne sich zum Richter über Leben und Tod aufzuschwingen. Die Entscheidung, Kinder zu haben oder nicht, ist so ein Richterspruch. Vegan oder nicht vegan. Die Entscheidung über den eigenen Tod, oder den eines Angehörigen.

Ich habe den Eindruck, dass uns das Ende eines Lebens nicht weniger merkwürdig, unbegreiflich, und ja: überraschend erscheint als sein Anfang. Daran muss nichts geheimnisvoll mystisches sein. Unser kognitiver Apparat ist einfach nicht darauf ausgelegt, genausowenig wie er Zeitzonen oder Quantenphysik verstehen kann. Auf das Ende eines Lebens reagieren wir mit irrationaler Trauer, nicht weniger irrational als die Freude, mit der wir auf seinen Anfang reagieren, einschließlich des Über-den-Haufen-Werfens aller Prioritäten, die man vorher hatte.

Ein Tweet wie ein Ventil, erkennbar am hohen Herz-Wert. Man möchte die Hände ringen vor Hilflosigkeit. Dabei sehe ich nicht unbedingt, dass es genau diese drei Regeln sind, die den deutschen Angstraum gewissermaßen als Koordinatensystem aufspannen. Es sind drei zufällige, wenn auch treffende Verallgemeinerungen.

Ich habe das Gefühl, dass ich als jemand, der nicht mehr in Deutschland wohnt, auch das Recht verliere, Deutschland sozusagen von innen heraus, an seinen empfindlichsten, hässlichsten Punkten zu kritisieren. Das wäre Foulspiel. Jedenfalls hat sich nach einem halben Jahrzehnt Amerika meine Perspektive verschoben. Es ist nicht mehr, dass mir Amerika mit seinem digitalen Pulsschlag als besonders schnell erscheint, sondern es wirkt inzwischen völlig normal auf mich, während Deutschland im Bedenkenträgertum zu erstarren scheint. Es wird auf unerklärliche Weise immer langsamer; ich spüre etwas, das ich am ehesten als Vitalitätsdefizit beschreiben würde.

Aber das wollte ich ja nicht. Foul! Ich will versuchen, es wiedergutzumachen, indem ich die drei Bereiche aufzähle, in denen mich Deutschland nach wie vor beeindruckt, vielleicht sogar immer stärker beeindruckt, je länger ich es von außen sehe.

Erstens, dass die deutsche Polizei in einem Jahr nicht mehr als neunzig Schüsse abgibt. Wobei die Hälfte davon Warnschüsse sind. Das erscheint mir, verglichen mit der amerikanischen Ballerei, als ein enormes Niveau von Zivilisation.

Zweitens: Die Idee, das ganze Land vollständig auf erneuerbare Energie umzustellen, wäre German engineering at its best und würde dem Rest der Welt buchstäblich die Kinnlade runterfallen lassen.

Drittens, dass in Deutschland niemand bankrott geht, weil er krank wird.

Vielleicht das bisher überzeugendste Kompliment des digitalen Zeitalters.

Das lassen wir dann mal so stehen.

Ich verstehe vermutlich zuwenig von Medientheorie für diesen Satz. Aber was mir auffällt, ist, dass sich das Wort Internet leichter streichen lässt als andere Wörter. Zuerst sagt man, man habe etwas »im Internet gelesen«, dann, man habe es »auf Facebook gelesen«, und schließlich hat man es einfach nur gelesen. Das Internet zeichnet sich, mit anderen Worten, durch eine starke Tendenz aus, völlig unsichtbar zu werden, also indistinguishable from magic, wie Arthur C. Clarke es nannte.

Ein wunderschöner Tweet. Erst war ich misstrauisch, ob er nicht einfach witzig wäre, so ein Kalauer, hintergründig vielleicht, aber trotzdem ein Kalauer. Aber dann habe ich, zur Probe, vorsätzlich über ihn zu lachen versucht, und das ging nicht, das Lachen blieb mir – nicht im Hals stecken, sondern wurde aufgesogen von dem Tweet und ich blieb allein mit dem LKW, nein, der Erinnerung an ihn.

 

Und dabei steh’ ich doch so auf Glamour.

Intelligenz, sozusagen die Taktfrequenz und den Verschaltungsgrad des Gehirns, kann man tatsächlich nicht beeinflussen, wenn wir von biochemischer Manipulation mal absehen. Ändern lässt sich allerdings, was man damit tut. Es gibt durchaus intellektuelle Leistungen, vor denen ich großen Respekt habe. Dazu gehört, erstens: Belesenheit, oder sagen wir besser: ein unstillbares Interesse an Dingen, egal aus welcher Richtung und in welcher Form. Das Bestreben, die eigene Welt immer größer zu machen. Das steht in scharfem Gegensatz zu Menschen, die zwar hochintelligent sind, aber deren Weltradius immer gleich bleibt. Und zweitens: die Fähigkeit, eigene Meinungen und Überzeugungen zu ändern. Das sind die schmerzhaftesten, schwierigsten und lohnendsten Denkprozesse, die ich kenne. Üblicherweise dauern sie Jahre.

Aber es ist richtig: Man kann nicht beschließen, diese Dinge zu wollen. Insofern sind auch sie keine Leistung. Aber nur insofern.

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