Keiner davon ist witzig (2015-10)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren.

Dies ist die zehnte Ausgabe von »Keiner davon ist witzig«, mit Tweets aus dem Oktober 2015.

Es ist erstaunlich, dass die technischen Möglichkeiten einer Plattform noch überhaupt nichts darüber aussagen, wie wir diese Möglichkeiten nutzen werden. Es ist überall möglich, Bilder zu teilen, aber nur auf Instagram bildet sich eine eigene Bildsprache und visuelle Subkultur heraus. Das Unbehagen bei vielen Twitter-Replies kann ich nachvollziehen. Gleichzeitig geht es mir bei Facebook überhaupt nicht so. Die Kommentare dort haben einerseits nicht wie bei Twitter das Problem, dass sie mit dem ursprünglichen Beitrag konkurrieren (wo sie in der Regel nur verlieren können), andererseits sind diese Kommentare oft der Keim zu wirklich guten Diskussionen, was ich auf Twitter noch fast nie erlebt habe. Der soziale Subtext unter den technischen Features ist komplex und selbst für die Plattformbauer kaum vorherzusehen oder zu steuern.

Hoppla. Wollen wir wirklich verschiedene Ebenen der Bedürfnispyramide gegeneinander ausspielen? Ich glaube nicht, dass es eine sinnvolle Frage ist, wieviele Schriftsteller die Welt braucht. Ich würde näherungsweise sagen: Soviele wie möglich. Wenn das Ziel der Literatur ist, die Welt größer zu machen, indem sie Dinge sagbar und sichtbar macht, die das vorher nicht waren, dann liegt es in der Natur der Sache, dass wir soviele Schriftsteller wie möglich brauchen, und jeder zusätzliche Mensch, der die Bedürfnispyramide soweit erklimmt, dass er kreativ zu werden vermag, ist ein Gewinn.

Es werden auch immer mehr. Und das vor allem darum, weil die Einstiegshürden weggefallen sind – es sind nicht mehr Verlage, die darüber entscheiden, wer reden darf und wer nicht. Auch das ist fraglos ein Gewinn. Was wir dagegen keinesfalls brauchen, sind mehr Leute, die »vom Schreiben leben« wollen. Ich habe diesen Ausdruck einige hundert Male zu oft gehört, besonders in der Form der Klage, man müsse doch eigentlich vom Schreiben leben können, aber könne es aufgrund der Ungerechtigkeit der Gesellschaft nicht. Nein, es sind einfach zuviele, die schreiben sollten, als dass sich daraus eine wirtschaftliche Existenz begründen ließe. Das ist etwa so, als wollte man sich dafür bezahlen lassen, dass man atmet.

Es gibt eine schöne Stelle bei Novalis (leider digital nicht auffindbar), wo er sagt, jeder Mensch müsste in sich selber eine ganze Gesellschaft sein – jeder ein Polizist, Lehrer, Toiletten-Entstopfer, Politiker, Kindergärtner und Altenpfleger. Ein Leben wäre erfüllt zu nennen, das möglichst viele dieser Rollen eingenommen hat. Wir brauchen also nicht mehr Krankenschwestern als Schriftsteller, sondern mehr Krankenschwestern, die schreiben.

Schöner Anschluss zum vorigen Tweet. Ich habe noch nicht viele Situationen erlebt, in denen es zu einer erfolgreichen Deckung zwischen meiner Arbeit im Blog und einer realen Begegnung kam. Man, also jedenfalls ich, schreibt ja gerade, um endlich die Dinge sagen zu können, für die im Gespräch sonst kein Raum ist. Das wird durch das Schreiben auch nicht besser, nur dass, im glücklichen Fall, die Dinge wenigstens gesagt sind.

Klug, nur wäre die Frage, was daraus folgt. Die Überzeugung, dass alle Uniformen eigentlich nichts sind, und man sie daher wo immer möglich ignorieren sollte? Oder das Erstaunen über eine tiefe, fast magische Kulturtechnik? Immerhin ist auch Star Trek nicht ohne Uniformen denkbar.

Allein über diese schöne Verfremdung von TCP/IP kann ich mich tagelang freuen. Die beiden Abkürzungen stehen für die Basisprotokolle des Internets (Transmission Control Protocol / Internet Protocol), die im Jahr 1969 erfunden wurden. Es gab eine Zeit in meinem Berufsleben, Anfang der neunziger Jahre, als man bei Netzwerkprojekten noch dazusagte, ob sie »auf der Basis von TCP/IP« oder einer anderen Protokollfamilie, zum Beispiel DECnet, gebaut werden sollten. Im Jahr 1990 wurde »oberhalb« von TCP/IP das World Wide Web und das Hypertext Transfer Protocol (HTTP) erfunden, und kurze Zeit später hatte es den Anschein, als würde mit dem Netz überhaupt nichts anderes mehr außer HTTP gemacht, obwohl Puristen nicht müde wurden, darauf hinzuweisen, dass es auch noch andere Protokolle gibt, zum Beispiel SMTP für das Verschicken von E-Mail.

Inzwischen scheinen wir wieder an einem Phasenübergang zu sein; wir kennen die Geschichten von Menschen, die Facebook benutzen, aber vom Internet noch nie etwas gehört haben. Wir halten solche Geschichten in der Regel für alarmierend und haben Angst vor der Beherrschung der einst offenen Technologie durch einen einzigen Konzern. Aber vielleicht ist es auch einfach so, dass durch Facebook eine Art Identitäts- und Sozialprotokoll über das Netz gelegt wird, das sich organisch durchsetzt, ob uns das gefällt oder nicht. Die paar sang- und klanglos gescheiterten Alternativprotokolle der letzten Jahre, von Diaspora über Google+ zu Ello haben jedenfalls gezeigt, dass sich neben Facebook vorerst keine weitere Sozialplattform etablieren kann, und selbst Twitter wird nur mit Glück etwas wie der kleinere Teil eines Doppelsternsystems bleiben.

Und näherungsweise, für alle praktischen Belange, stimmt es dann, dass Tisipii Eipii dasselbe wie Facebook ist. Das entscheidende ist, dass diese Entwicklung nicht nach unserer Meinung über sie fragt. Wir werden kein anderes Sozialprotokoll als Facebook mehr bekommen, und es ist gut und realistisch, sich damit abzufinden und darauf einzustellen. Und auch darüber wird die Welt nicht untergehen.

Fast alles, was die Religionen über Gott behaupten, ist so unlogisch und bei näherem Hinsehen unverständlich, dass es erstaunlich scheint, wie lange man braucht, um diese Unstimmigkeiten überhaupt nur zu sehen. In meinem Fall bestand der wesentliche Schritt in den Unglauben in der Entscheidung: Wenn das, was die Religionen über Gott behaupten, wahr sein sollte, bin ich dagegen. Dieser Tweet, der die Frage auf eine absurd-poetische Ebene hebt, ist einer der bemerkenswertesten Beiträge zum Thema, den ich je gelesen habe.

O ja. Wobei es mir selber schon reicht, wenn ich zu Hause was Rezeptives machen kann. Eine halbe Stunde mit einem Buch schlägt jede Lesung, zehn Minuten selbstbestimmtes Herumsuchen im Internet jeden Vortrag und erst recht jede Podiumsdiskussion. Das heißt: nicht ganz. In vielen, vielleicht in jeder Veranstaltung gibt es so etwas wie einen Erfahrungskern, der durch nichts zu ersetzen ist. Ich bin zum Beispiel sehr froh, dass ich Imre Kertész mal auf einer Lesung gesehen habe. Das fügte dem Bild, das ich von ihm habe, ein wesentliches Element hinzu, das auf keinem anderen Weg zu erhalten gewesen wäre. Es ist nur, dass dieser Erfahrungskern, der reinen Informationsmenge nach, vergleichsweise bescheiden ist. Mit anderen Worten: Eine halbe Stunde mit einem Buch von Imre Kertész bringt immer noch wesentlich mehr als eine Lesung von ihm, auch wenn die Lesung etwas liefert, das anders nicht zu bekommen ist. Weswegen ich dann meistens doch lieber zu Hause bleibe.

Ich möchte das umdrehen. Der Versuch, den Staat daran zu hindern, Daten zu sammeln, oder sich in anderswo gesammelte Daten Einsicht zu verschaffen, wirkt – nicht böse sein – putzig auf mich. Sie zu sammeln ist eines der wesentlichen Dinge, die man mit Daten tun kann; erst dadurch entfalten sie überhaupt ihren Nutzen. Das Netz ist eine einzige große Datensammlung. Die Idee, es auf einen bloß im Augenblick bestehenden Kommunikationskanal herunterzubrechen, wäre absurd. Gesammelt werden die Daten also überall, bei Google, bei Facebook, das passiert geradezu von selbst, wenn diese Dienste irgendetwas sinnvolles tun wollen. Da erscheint es ein bisschen bizarr, ausgerechnet den Staat davon abhalten zu wollen. Natürlich wirft das eine Menge schwierige und wohl auch gefährliche Fragen auf – was wir sinnvollerweise noch unter Privatsphäre verstehen können und wie sich das Machtverhältnis zwischen Staaten und Plattformen gestalten wird – aber diese Fragen bedeuten nicht, dass sich das Rad noch zurückdrehen ließe. Und, wie Michael Seemann schreibt, »dieser Prozess ist als Horrorgeschichte erzählbar oder als ein Akt kollektiver, gegenseitiger Bewusstwerdung.«

Belanglose Interaktionen durch bedeutungsvolle ersetzt, gerne auch über Grenzen und Zeitzonen hinweg: Gewinn auf der ganzen Linie.

Es ist ein beliebter Sport unter Lesern – oder jedenfalls fühlt es sich für den Autor so an –, den Autor auszufragen und ihm womöglich nachzuweisen, dass seine Geschichte autobiographisch wäre, nur autobiographisch, und also gar keine richtige Literatur. Umgekehrt werden die Leser, sobald der Autor Autobiographie zugibt, ihm sofort zu erklären versuchen, dass das unmöglich sei, weil, das gehe ja gar nicht, schließlich sei alles Schreiben Fiktion. Man kann, mit anderen Worten, auch gut auf die Diskussion verzichten, sie ist für den Autor belanglos.

Für mich als Leser allerdings nicht. Ich kann fiktionale Konstruktionen anerkennen und schätzen. Tatsächlich aber erscheint mir Fiktion als eine Art Höflichkeitsform des Schreibens und ich möchte den Autor eigentlich packen und schütteln und fragen: »Warum hast du mir nicht die richtige Geschichte erzählt?«

Dem ist nichts hinzuzufügen.

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