Keiner davon ist witzig (2015-09)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren.

Dies ist die neunte Ausgabe von »Keiner davon ist witzig«, mit Tweets aus dem September 2015.

Jeder, der halbwegs alle Tassen im Schrank hat, wird dahin gehen wollen, wo es am besten ist. Was jeweils in der eigenen Lebensgleichung als das beste erscheint, wird von verschiedenen Faktoren bestimmt: die Verbundenheit mit der eigenen Heimat und Herkunft ist einer davon, Gefahr für Leib und Leben, Karrieremöglichkeiten oder Neugier sind andere. Eine Gesellschaft, oder sagen wir besser: eine Zivilisation dürfte sich frei nennen, wenn diese Faktoren sich unter möglichst wenig äußeren Zwängen entfalten können. Was wir brauchen, ist nicht eine Welt, in der jeder bleiben kann, wo er hingehört, sondern wo jeder gehen kann, wohin er will.

»Ich habe bei allen früheren Angriffen den eindeutigen Wunsch gehabt: Möge es recht schlimm werden! So eindeutig, dass ich beinahe sagen möchte, ich habe diesen Wunsch laut gegen den Himmel ausgerufen. Nicht Mut, sondern Neugier, ob mein Wunsch in Erfüllung gehe, ist es gewesen, was mich niemals in den Keller gehen ließ, sondern auf dem Balkon der Wohnung gebannt hielt.« – Hans-Erich Nossack in »Der Untergang«, seinem Bericht über die Bombardierung Hamburgs im Sommer 1943

Ich bin nur zur Hälfte freiwillig nach Amerika gegangen. Die andere Hälfte hatte mit einer Frau zu tun – der Mutter von zweien meiner Kinder, genau genommen. Ich wurde durch höhere Gewalt dazu gezwungen.

Ein paar Monate nach meiner Ankunft habe ich im Hafen von New York gestanden und mich gefragt, ob jemals einer der Millionen Einwanderer die Freiheitsstatue mit so zwiespältigen Gefühlen angeschaut hat wie ich. Während der ersten drei, vier Jahre habe ich mich fast täglich umgeschaut und gefragt: Was zum Teufel mache ich hier?

Am meisten Sorgen hat mir gemacht, dass ich als jemand, der deutsch denkt und deutsch schreibt, mich ungeschickterweise aus der Welt katapultiert haben könnte. Dieses Gefühl verschwand erst nach ungefähr vier Jahren. Inzwischen sehe ich, dass meine Sprache zwar für mich selber eine äußerst intime Angelegenheit ist, aber in der großen Ordnung der Dinge eine eher belanglose Rolle spielt.

Ich kann das Auswandern mittlerweile jedem empfehlen. Es pustet ordentlich das Gehirn durch.

Vordergründig sieht das nur wie ein Tweet über Doppelmoral aus. Wir sind sofort dabei, wenn es darum geht, ein paar hundert Euro Steuern zu sparen, selbst wenn es illegal ist. Schließlich ist es immer der Staat, der ungerecht ist, und der einzelne darf und soll sich nehmen, was er kriegen kann, dafür hat jeder Verständnis. Und dann ist die Entrüstung groß, wenn die Strategie eines Konzerns, in der jeder Beteiligte nur exakt so gehandelt hat, wie wir alle es jeden Tag tun, plötzlich als Skandal an die Oberfläche gespült wird.

So weit, so voraussehbar, so harmlos. Aber in dem Tweet ist von ehrlicher Entrüstung die Rede. Ehrlich, im Gegensatz zu scheinheiliger oder oberflächlicher Entrüstung. Die Entrüstung ist also ehrlicher, als ihre objektive Scheinheiligkeit erwarten lassen sollte. Vielleicht ist diese Entrüstung eines der besten und reinsten Gefühle, das wir überhaupt zu bieten haben, selbst wenn sie jeder faktischen Berechtigung entbehrt. Und der Konzern schwindelt nur – er ist kein finster agierender Schurke; es gibt ja letztlich niemand, der in der Zentrale sitzt und sich böse lachend die Hände reibt. Der Konzern ist, auf der Ebene persönlicher Verantwortung, überhaupt nicht vorhanden, es gibt ihn nicht. Und jetzt?

Dieser Tweet hat aus zwei Gründen hier nichts verloren. Erstens ist es ein Tweet mit Bild, und das hier ist ein literarisches Projekt. Zweitens ist der Tweet, obwohl er die eigene Unwitzigkeit behauptet, dann ja doch wieder witzig – es ist überhaupt nicht mehr möglich, Stephan Porombka und ein Buch zu sehen und es nicht witzig zu finden, selbst wenn der Stephan Porombka auf diesem Bild noch nichts davon weiß. Ich stelle den Tweet dennoch hier hin, und das aus zwei Gründen: Erstens, weil ja sonst überhaupt nie ein Tweet von Stephan Porombka hier stehen dürfte, und das wäre schade. Wenn schon einer, dann dieser hier, der die eigene Witzigkeit gekonnt in Szene setzt und hinterfragt, ohne sie aufzulösen. Und zweitens, weil es durch diesen Tweet auf eine ganz unwitzige und ziemlich erschütternde Weise bei mir Tag wurde. Ich habe plötzlich vor mir gesehen, was sich seit dem Jahr 2003 – oder auch noch 2006 – medientechnisch in meinem Leben und in der Welt überhaupt verändert hat. Und dass Stephan Porombka mit seinen merkwürdigen Bildern nichts anderes tut, als diese Entwicklung sichtbar zu machen. Und dass diese Bilder deshalb so merkwürdig sind, weil gerade eine Menge mehr passiert, als es auf den ersten Blick den Anschein haben mag.

»Man kann ein Dichter sein, ohne jemals eine einzige Zeile zu Papier gebracht zu haben.« (H.C.Artmann) Es waren Sätze wie dieser, die mir durch die zehn oder zwanzig Jahre geholfen haben, in denen ich zwar geschrieben habe, aber nichts auf die Reihe kriegte. Ich hatte das Gefühl, mein Output läge bei etwa einem sinnvollen Satz pro Jahr, Tendenz fallend.

Man richtet sich nach und nach damit ein, wohl nie etwas produzieren zu können, das in das Raster dessen passt, was einen Verlag interessieren könnte. Andererseits ist Schreiben ein kommunikativer Akt; es funktioniert nicht, einfach nur für sich selbst und vor sich hin zu schreiben. Womit dieser Tweet direkt an den vorigen anknüpft: In der alten Medienwelt, die noch bis vor zehn Jahren die einzige existierende und denkbare war, wär’s das gewesen. Aber die heutige ist die erste Autorengeneration, die schreiben und sich eine Öffentlichkeit aufbauen kann, ohne dazu in das Raster eines Verlags passen zu müssen. Die ganze Tragweite davon werden wir wahrscheinlich erst in ein paar Jahrzehnten erkennen.

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