Keiner davon ist witzig (2015-08)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren.

Dies ist die achte Ausgabe von »Keiner davon ist witzig«, mit Tweets aus dem August 2015.

Es gibt verschiedene Arten, Twitter ernst zu nehmen. Als ich es 2009 kennenlernte, war ich begeistert, weil ich mir vorstellte, dass nie wieder ein Autofahrer ans Ende eines Staus geraten würde, ohne den Autobahnkilometer zu twittern. So würde jeder seinen Teil zur globalen Erfassung der Verkehrslage beitragen. Flugzeuge würden landen und sofort könnte man es auf Twitter anhand der Flugnummer, von etlichen Passagieren getwittert, nachvollziehen. Dass Twitter auch ein literarisches, politisches, philosophisches Medium wäre: selbstverständlich. Twitter wäre einfach alles, der globale Marktplatz schlechthin.

Ich war enttäuscht, als es nicht so kam, obwohl die Gründe natürlich nachvollziehbar sind: Verkehrslage und Fluginformationen ließen sich besser in spezialisierten Systemen erfassen als auf dem Marktplatz durcheinanderrufen. Die praktischen Anwendungsfälle von Twitter verloren an Bedeutung, es wurde mehr und mehr zu einem literarischen Medium für mich. Und je mehr es das wurde, desto ärgerlicher fand ich, dass viele es offenbar einfach als Witzbude verstanden. Das ist schwächer geworden durch die Arbeit an dieser Liste hier; das Suchen nach großartigen Tweets nimmt soviel Zeit in Anspruch, dass für Witze und das Ärgern darüber gar nichts mehr übrig bleibt.

Es ist auch ein Problem, das Sebastian alias @noemata offenbar nicht teilt, denn manche der Accounts, denen er mit Begeisterung folgt, sehen aus meiner Perspektive wie reine Kalauerschleudern aus. Was Sebastian »ernst nehmen« nennt, ist also nicht die Art, wie ich Twitter ernst nehme. Ich fürchte, sein spezifisches Talent, seine Leistung, man könnte es auch einen Fluch nennen, besteht unter anderem darin, Dinge auf Twitter schlimm zu finden und sich nicht darüber beruhigen zu können. Ich schätze das sehr.

Ein Blick auf die eigene Favstar-Bestenliste genügt. Früher kannten diesen Effekt nur Verleger und Menschen, die Bestsellerlisten nicht nur befolgten, sondern auch studierten. Es ist etwas anderes, ihn am eigenen Leib zu erfahren.

Bonuspunkt für das schöne »nichtswagend«. Ich habe denselben Eindruck, trotzdem frage ich mich, was diese Beobachtung über uns, die wir uns in der digitalen Öffentlichkeit bewegen wie Fische im Wasser, aussagt. Ich glaube, es gehört ein sehr spezifischer Öffentlichkeitsinstinkt dazu (um nicht zu sagen: ein Rampensau-Gen), um hier nicht nur mitspielen zu wollen, sondern es auch zu können. Und vermutlich liegt auch darin der Grund, warum viele Menschen mit dieser digitalen Öffentlichkeit nicht so viel anfangen können, zu unserer großen Verwunderung.

Ich kann mich noch gut an das namenlose Entsetzen erinnern, als ich den Mut für meine ersten Tweets zusammennahm, das Erstaunen auch, etwas nie dagewesenes zu tun. Es war nicht unähnlich dem Moment, als ich zum ersten Mal mit etwa zehn Leuten in einem Seminarraum saß, mir eine Frage gestellt wurde, und meine Stimme, als ich zu antworten versuchte, vor Scham versagte.

Ich fürchte, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es Menschen gibt, die nicht twittern können oder wollen. Oder die sich nicht vorstellen können, dass sie es wollen könnten. Ich möchte etwas übrig behalten von diesem Entsetzen, dieser Scheu, dieser Unschuld. Denn selbst auf dem Niveau eines Fischs im Wasser kommt es mir darauf an, mich möglichst oft bis zu genau diesem Punkt vorzuarbeiten, wo man es kaum wagt, auf Tweet zu drücken. Erst dabei entstehen die Sachen, die es wirklich wert sind. Das Gute ist, dass heute weitaus mehr Menschen an diesen Punkt gelangen als früher.

Nachhilfe in Psychologie, die ich gerne annehme. Ich mag eine Beleidigung als harmlos empfinden, die Schultern zucken, »mich nicht so anstellen«. Jemand anders, der ein dünneres Polster aus Lob, Anerkennung und sozialer Sicherheit mitbekommen hat, sieht das vielleicht überhaupt nicht so.

Gerade ist ein Buch von @blutundkaffee erschienen, und wenn diese Erwähnung dem Googeln ihres Namens Vorschub leistet, soll es so sein. Die paradoxe Erfahrung, wenn das Innerste plötzlich in die Öffentlichkeit gekehrt wird – in diesem Tweet ist das so überzeugend dargestellt, wie ich es lange nicht mehr gelesen habe.

Steile These. Das Lachen, auch das Lachen über Tweets, ist immerhin eine der befreiendsten Erfahrungen, die ich kenne. Es ist allerdings auch eine Erfahrung von Souveränität, von Macht. Die coolen Kinder lachen, die uncoolen müssen sich einigeln und fehlende Stärke nachholen, sei es, indem sie selber cool werden und lachen lernen, oder auf komplizierteren Wegen. Kleinkinder lachen, um ihren Eltern zu zeigen, dass ihre Gene in Ordnung sind und die weitere Aufzucht sich lohnt. Lachen ist ein hartes Geschäft. Eine Vergewisserung, zu den Siegern zu gehören. Es wäre höchstens die Frage, ob diese Dinge auf einer so grundlegenden Ebene ablaufen, dass die Begriffe gut und böse hier keinen Sinn mehr machen, wie bei einem Atomkern, der Elektronen einfängt.

Haifisch, unbedingt. Gut, dass es Lyriker gibt.

Dostojewski oder Citizen Kane: Der Gedanke, dass das äußerste, was man im Leben erreichen kann, ein paar Erinnerungen aus der Kindheit sind. Hier fast noch überzeugender formuliert – fast, weil die bloße Erinnerung an das eigene Denken in meiner Erfahrung noch nicht dieses mystische Feld aufspannt. Es muss schon ein Schlitten sein, ein Schulweg, ein Sonnenaufgang.

(Der Tweet stammt von @sweden, wo jede Woche jemand anders twittert. In diesem Fall war es @vforangelica.)

Ein Beleg dafür, dass die Aufnahme in diese Liste nicht bedeutet, dass ich mit einem Tweet einverstanden wäre. Ich halte diesen für fast vollständig falsch. Publizieren ist ein eigener Akt des Hervorhebens und Sichtbarmachens, des Lenkens von Aufmerksamkeit, und das ist völlig unabhängig davon, ob die publizierte Sache schon vorher zugänglich gewesen wäre, wenn man nur von ihr gewusst hätte. In einer Welt, in der alles und damit wesentlich mehr zugänglich ist als je, ist das Publizieren umso wichtiger.

Trotzdem interessiert mich der Tweet, weil er mich an eine Situation vor ein paar Tagen erinnert, als ich am Gate eines Flughafens saß und einen Blogeintrag schreiben wollte. Es ging nicht. Und zwar, weil jemand neben mir saß, der zwar schlief, aber jederzeit auf meinen Bildschirm hätte schauen können. Das ist immerhin seltsam, denn der Text, an dem ich gerade schreiben wollte, sollte schon vierundzwanzig Stunden später für jeden, der über eine Internetverbindung verfügt, abrufbar sein.

Es ist, als würde die Möglichkeit, öffentlich zu sprechen, voraussetzen, dass man zuerst privat sprechen kann. Das ist, obwohl ich der Idee der Post-Privacy eine Menge abgewinnen kann, eines der stärksten Argumente für die Privatsphäre, das ich kenne, und auf das ich noch keine befriedigende Antwort habe.

Ich bin mir nicht sicher, was schwieriger ist: der erste zu sein, dem etwas gefällt, oder der letzte. Tatsächlich fällt es mir leicht, etwas gut zu finden, das noch niemand außer mir kennt. Das passiert mir eigentlich ständig. Wesentlich schwieriger ist es, ein unabhängiges Urteil zu finden, wenn vorher schon tausende andere eines gefunden und geäußert haben. Der Tweet drückt so etwas wie den Urmoment der Bewunderung aus, und insofern eine Zielvorstellung: jedes Ding so zu bewundern, als wäre man der erste, selbst wenn es schon viele andere gibt.

Ich glaube, dass die Konzepte Nationalstaat, Heimat, Muttersprache stärker an unser Gehirnvolumen angepasst sind, als man meinen könnte. Dass viele in Deutschland mit einer Idee wie Patriotismus nichts anfangen können, ist möglicherweise weniger fortschrittlich und aufgeklärt, als es scheint, sondern nur die Kehrseite des dumpfen und katastrophalen Nationalismus auf der anderen Seite. Ja, es wäre schön, wenn wir uns alle ausschließlich als Bürger des Universums begreifen könnten, aber schon mehr als eine Sprache in den eigenen Kopf zu kriegen, rüttelt an unseren biologischen Grenzen.

Ein paar lose Gedanken von jemand, der selber weggegangen ist, um sein Glück woanders zu suchen.

Menschen verlassen ihre Heimat aus weit geringeren Gründen, als dass sie zuhause um ihr Leben fürchten müssen. Ein paar Grad mehr Lufttemperatur, eine aufgeschlossenere Mentalität, ein paar Euro – pardon: Dollar – mehr Einkommen reichen. Das Recht, an dem Ort leben und arbeiten zu können, wo es am besten ist, nimmt intuitiv jeder für sich in Anspruch. Es ist weniger Menschenrecht als ein Urinstinkt, vielleicht einer der stärksten Instinkte des Menschen überhaupt. Wer es versucht, trifft auf Widerstände, und es ist ein ebenso natürlicher Instinkt, zu versuchen, diese Widerstände zu überwinden. Aber nur Menschen aus privilegierten Ländern – sagen wir den Top-10-Industrienationen – können sich zuverlässig über solche Widerstände hinwegsetzen.

Migration reguliert sich auch ohne staatliche Eingriffe, und man weiß nicht, welche der Varianten man ruppiger finden soll. Warum leben nicht alle Deutschen in Berlin oder am Starnberger See, wenn es da so schön ist? Oder in Frankfurt, wenn man da soviel Geld verdienen kann? Es ist schön in Florida, aber nicht alle Amerikaner leben da, weil im wesentlichen schon alles besetzt ist. Das regelt sich völlig ohne Parzellenzuteilungsverordnung, sondern allein über die Grundstückspreise. Nicht alle wohnen in New York oder San Francisco, auch wenn das viele verlockend finden. Aber die meisten können es sich nicht leisten, oder sind nicht so verrückt, sich für viel mehr Geld mit einem viel geringeren Lebensstandard abzufinden.

Als die Bundesregierung Green Cards für Inder einführen wollte, stellte sich peinlicherweise heraus, dass die Inder gar nicht nach Deutschland wollten. Sie haben die Wahl, und sie finden es viel attraktiver, nach Amerika zu gehen. Woran könnte das liegen?

Ich arbeite in vielen amerikanischen Banken oder Versicherungen, wo die Belegschaft zu neunzig Prozent aus Indern besteht. Das verblüffende ist, dass niemand ein Problem damit hat. Ich erkläre, wenn ich zu einer Gruppe von Menschen spreche, am Anfang oft, dass ich ursprünglich aus Deutschland komme und man daher einen gewissen Akzent nicht ganz ausschließen könne. Das führt meist zu Heiterkeit oder Gähnen, weil jeder im Raum irgendwo herkommt und irgendeinen Akzent hat.

Bei einem Besuch neulich in Deutschland wunderte ich mich, dass sich mein schwarzer Taxifahrer nicht weniger unfreundlich und mürrisch verhielt, als ich es von einem deutschen Taxifahrer erwartet hätte. Und da war’s passiert: schwarzer Taxifahrer, deutscher Taxifahrer. In Amerika würde man sagen: schwarzer Taxifahrer, weißer Taxifahrer, und hätte auch damit noch genügend Probleme. Aber der Ausdruck »weißer Taxifahrer« ist in Deutschland undenkbar. Das Gegenteil von schwarz ist deutsch.

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