Keiner davon ist witzig (2015-07)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihnen überhaupt gut tut, hier in dieser Liste ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Es ist ein Experiment.

Dies ist die siebte Ausgabe von »Keiner davon ist witzig«, mit Tweets aus dem Juli 2015.

Ein Kalibrierungstweet, dankbar verzeichnet. Note to self.

Spannend, das vor dem Satz von Michael Seemann zu lesen, dass die Totalüberwachung ab jetzt ein Grundzustand ist, mit dem wir uns abzufinden haben. Und trotzdem interessiert mich der Tweet vor allem, weil er mich daran erinnert, was einer der ersten Gründe war, aus denen mein eigener religiöser Fundamentalismus zusammenbrach: weil ich keinen sinnvollen Satz mehr fand, den ich zu Gott sagen konnte.

Ich fand das auf Anhieb plausibel, aber dann war es nicht so einfach, mir zu erklären, warum. Mir fielen eigentlich nur Hinsichten ein, unter denen das Schicken einer Maschine ganz und gar nicht wie das Schicken von Gedanken ist. Es ist wesentlich teurer zum Beispiel. Es dauert wesentlich länger. Es liefert objektive Resultate, die selbst durch die größte Gedankenanstrengung oder Fantasie nicht vorweggenommen oder ersetzt werden können.

Ist dieser Tweet also ein klassischer Spielverderbertweet? Diese Art von Tweet, die sich häufig findet, wenn das ganze Internet wieder einmal für ein paar Augenblicke einhellig von einem Ereignis ergriffen zu sein scheint, einhellig bis auf ein paar Miesepeter, die dann wie an der Schnur gezogen von den hinteren Rängen solche bissigen Bemerkungen machen? Merkwürdigerweise sind es gerade besonders intelligente Leute, die in dieses Muster verfallen, was auch darauf hindeuten könnte, dass es sich um ein normales, wenn nicht notwendiges geistiges Korrektiv handelt. Einhelligkeit ist immer ungenau, bringt die geistige Bewegung zum Erliegen. Spielverderber spüren das, instinktiv möglicherweise, und schießen quer. Schon okay, vielen Dank.

Trotzdem dämmerte es mir nach einer Weile, was mich an dem Tweet wahrscheinlich überzeugt hat. Auch der Maschinenvorbeiflug führt letzten Endes nur wieder zu Gedanken. Zu faktisch basierten Gedanken vielleicht, aber doch eben: nur Gedanken. Dann allerdings könnte man fragen, ob es irgendetwas gibt, das nicht nur zu Gedanken führt. Behauptet der Tweet, dass es etwas fundamental anderes wäre, wenn man zum Beispiel Menschen zum Pluto schicken würde? Läge der Unterschied nicht nur in der Bandbreite, in der Zahl und der Intensität der Gedanken? Worin genau besteht der Unterschied, in der Natur, am Meer, in den Wäldern zu leben, statt im Zimmer zu sitzen und darüber nachzudenken?

Starke These, ich bin mir nicht so sicher. Dass das Machtgefüge ins Wanken kommt, ist schon richtig, und dass das Potential tiefgreifender Veränderungen besteht, auch. Mit ihren je eigenen Dystopien. Wenn ich mir, andererseits, das Zurückschlagen der Staaten anschaue, nachdem sie zehn, zwanzig Jahre von der digitalen Entwicklung komplett überrollt zu werden schienen, ohne zu begreifen, was ihnen passierte, dann bin ich unsicher, ob sie nicht doch noch ein paar Dystopien auf Lager haben.

Ich werde nach diesem Tweet Selfies nie mehr so anschauen können wir vorher.

Alles, wenn man es aufmerksam genug anschaut, sagt alles über alles. Trotzdem sagt der Tweet ja mehr muss man nicht wissen, es ist also so, als würde der Erfolg von Apple ein typisches, besonders aussagekräftiges Schlaglicht auf die Menschheit werfen. Das wäre dann wohl die Mischung aus Erfindergeist und Genialität, aus Qualität und Ästhetik, sowie der unfehlbaren Neigung, für ein bisschen Bequemlichkeit ohne Zögern jede nur denkbare Freiheit aufzugeben.

Ich finde äußerst interessant, dass dieser Tweet mehrere verschiedene Lesarten hat. Man kann ihn als Kritik an Twitter lesen – an der Entscheidung, die von uns hochgeladenen Hintergrundbilder verschwinden zu lassen, unangekündigt und von einem Tag auf den andern –, oder als wütende Erinnerung daran, wer hier eigentlich der Contentproduzent ist und nach wem sich Twitter gefälligst zu richten habe. Oder auch als selbstironische Konstatierung der eigenen Abhängigkeit von Twitter und den Machtstrukturen im Netz. Aber man kann den Tweet auch ganz einfach ohne doppelten Boden und face value lesen: als Erstaunen und echte Dankbarkeit darüber, dass die Möglichkeit des Twitterns besteht. Und das wird paradoxerweise genau in dem Moment sichtbar, in dem ein vergleichsweise nebensächlicher Teil des Dienstes wegbricht, und so seine Nicht-Selbstverständlichkeit sichtbar macht.

Schlimmes Wort, schlimme Sache. Die Lebensverweigerung wäre unbedingt zu unterscheiden vom Wunsch, nicht mehr leben zu wollen. Man ist quietschlebendig, aber weigert sich, es zu sein. Wir alle sind vermutlich an etlichen Stellen Lebensverweigerer. Vielleicht ist das sogar konstitutiv für den Menschen: das einzige Lebewesen zu sein, das das Leben verweigern kann. Ich habe außerdem den Eindruck, dass Lebensverweigerung und Technikverweigerung gerade weitgehend deckungsgleich sind.

Ohne Frage einer der besten Tweets zur Netzpolitik-Affäre. Was mich hier interessiert, ist, ob er in die Liste »Keiner davon ist witzig« passt. Man könnte das vielleicht – was man viel öfter tun sollte – biometrisch anhand der Mundwinkelauslenkung bestimmen. Ich habe, wenn ich mich richtig erinnere, bei diesem Tweet »Klasse!« gedacht und etwas wie Genugtuung gespürt, aber nicht gelacht. Das ist bemerkenswert, wenn ich mich an eine Diskussion mit Kathrin Passig erinnere, in der sie sagte: »Ein nicht-witziger Tweet ist ein witziger Tweet, dessen Autor noch nicht lange genug nachgedacht hat.« Heißt das, der Witz ist das ultimative Ziel aller Kommunikation, ihre höchste denkbare Form – wenn schon nicht überall, dann doch zumindest auf Twitter? Ich könnte nicht entschiedener anderer Meinung sein, und dieser Tweet von @NeinQuarterly legt diesen Unterschied, glaube ich, auf minimalstmögliche Weise offen. Er könnte nicht klüger sein – ist nicht durch weiteres Nachdenken zu verbessern –, aber er balanciert doch haarscharf auf der Grenze zwischen witzig und nicht-witzig und bleibt, für mich, unmittelbar davor stehen.

One thought on “Keiner davon ist witzig (2015-07)

  1. Immer sehr anregend. Abstoppen und einem Gedanken ein Nachdenken gönnen.

    Nur eine Anmerkung zu “Dystopien”. Mir scheint, dass noch nie so viele, so unterschiedliche Dystopien “funktioniert” haben (also Menschen beängstigen können) wie heute. Es steht ein ganzes Arsenal an möglichen Naturkatastrophen zur Verfügung von ewigem Frost bis Dürre, Seuchen, nimmer aufhörende Kriege, Verschwinden lebenswichtiger Rohstoffe, Meteoriteneinschlag, der die Sonne für Jahre verschwinden lässt, Zusammenbruch des Ökosysteme in den Meeren. Das alles zur Dystopie taugt, ist vielleicht ein Signum unserer Zeit. Ein übermächtiger Staat gehört natürlich auch wieder dazu. Die technische Höherentwicklung des Staates kommt ja gerade erst in diesen Jahrzehnten ins Rollen. Das heißt, die Dialektik der technischen Entwicklung kommt da ja erst noch zur vollen Entfaltung, während anderen Branchen schon dick in der Tinte sitzen. Da lässt sich alles als drohender Kollaps von irgendetwas interpretieren. Sitzen wir in “autonomen” Autos, dann ist die Kehrseite das Ende der Autonomie des Fahrers oder genauer gesagt, bei Bedarf sagt der Staat, wohin dein Auto fährt. “Fahren wie auf Schienen”. Alles mit rationalen Zwecken begründbar (Volksgesundheit, Sicherheit, Ökologie etc.) Gleichzeitig kann, wer will, sich auch konträre Dystopien ausdenken – Paralysen der Organisation, auch der inneren Organisation des Menschen, sozusagen Paralysen des Individuellen im “inifinite jest”. Das Ergebnis sind Gesellschaften, die völlig traditionsfrei ständig am Abgrund tanzen. Die “tragenden Säulen” sind nur noch wackelig wie Glibberpudding … die trostlos-schrecklichen Kinder der Neuzeit, “wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen, ins Ungewisse hinab”.
    Es wäre ja schön, wenn es irgendeine Dystopien gäbe, die niemanden mehr schrecken müsste – ich sehe aber überhaupt keine. Mit etwas klarem Kopf kann einen alles schrecken.
    Kommt noch hinzu: Vielleicht spürt man gar nicht mehr, wie man immer tiefer in die apokalyptischen Zustände hineingleitet? Da haben wir dann schreckliche Zustände, ohne dass man noch darüber erschrickt? Gerade vor ein paar Tagen gelesen von Ansgar Allen (University of Sheffield), eine Dystopie von der marginalen Sorte: “It is hard to exaggerate the sad plight faced by today’s educators. … the reductive powers of commodification, audit, managerialism, performativity and that abstract beast, ‘neoliberalism’. Educational researchers have been bemoaning such attackers for decades now, yet few would admit that in their wake the situation has become, as it strikes me, decidedly post apocalyptic.” ( http://bit.ly/1f1arP1 )

Leave a Reply