Keiner davon ist witzig (2015-06)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihnen überhaupt gut tut, hier in dieser Liste ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Es ist ein Experiment.

Dies ist die sechste Ausgabe von »Keiner davon ist witzig«, mit Tweets aus dem Juni 2015.

Eine Szene aus dem Film Napola, die mich nicht mehr losgelassen hat: Als einer der Nazi-Eliteschüler, nachdem seine Klasse zum Jagen und Erschießen flüchtiger Kriegsgefangener in einen Wald abkommandiert worden war, sagte: Ich dachte, wir wären die Guten.

Ich glaube nicht, dass Menschen dauerhaft, also länger als fünf Minuten, mit der Erkenntnis leben können, nicht zu den Guten zu gehören.

Dabei stehen wir zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens für fast alle Menschen auf der falschen Seite. Man muss dazu nicht erst an den islamischen Staat denken. Ich arbeite für ein hoffnungsvolles Startup, und die Mitarbeiter der Firmen, mit denen wir konkurrieren, stehen für mich auf der falschen Seite. Und ich aus ihrer Sicht.

Ob es so etwas wie eine objektiv richtige, gute Seite gibt, und sei es in einzelnen, klar umrissenen Fragen, traue ich mich kaum, zu beantworten.

Individualismus geht überhaupt nur unauffällig und harmlos. Oder?

Siehe den obigen Tweet.

Ich wüsste nicht, was ich täte, wenn ich einen Autor (oder eine Autorin) bei einer versteckten Anspielung erwischen würde. Ich würde vermutlich mein Geld zurückverlangen. Anspielungen im Text zu verstecken kommt mir vor wie Mummenschanz. Das mag ja reizvoll sein, aber beim Lesen doch nicht.

Die nagende Frage, und der Grund, warum ich an diesem Tweet herumdenke, ist natürlich, wie sehr ich mich auf den Leser einstelle und von ihm (oder ihr) verstanden zu werden versuche. Ich habe mir angewöhnt, nicht danach zu fragen. Das hat den Vorteil, dass ich mich, wenn mir ein Leser vorwirft, mein Text sei harmlos oder es stünde nichts neues drin, darauf zurückziehen kann, dass ich den Text auch gar nicht für ihn geschrieben habe, sondern für mich selbst, und dass dieser Text mir zu einer Erkenntnis verholfen hat, an die ich auf keine andere Weise gelangen konnte als eben durch genau diesen Text. Ich halte das für das einzig brauchbare Qualitätskriterium.

Schlecht ist natürlich der umgekehrte Fall, wenn ich den Leser verliere, weil er meine Gedankensprünge nicht nachvollziehen kann. Ich neige dazu, diesen Nachteil in Kauf zu nehmen – aus Selbstschutz, nicht aus Gemeinheit gegenüber dem Leser. Ich glaube, man merkt es einem Text an, ob er für den Autor selbst absolut unabdingbar wichtig war, und das ist jedem Versuch einer an den Leser gerichteten Didaktik vorzuziehen. Schon alleine, um den Leser (oder die Leserin) nicht aus Versehen zu langweilen.

Schönes Postskriptum zum vorherigen Tweet. Die Selbsttäuschung als treuster Begleiter des Autors (und der Autorin).

Es wäre interessant zu sehen, wie weit in der Zukunft der Zeitpunkt liegt, ab dem diese Bedeutung die offizielle wird, weil sie einen fundamentaleren Epochenwandel ausdrückt als die heute gängige.

Vielleicht liegt ein großer Teil der Unterschiede, wie Menschen mit ihrem Leben, mit Kunst, mit Sexualität umgehen, einfach in der Intensität, oder sogar in der schieren Anwesenheit oder Abwesenheit von Gefühlen begründet. Die Idee, sich zu seinen Gefühlen zu verhalten, sie zu hinterfragen, zu überwinden, könnte ein hübsches Erkennungszeichen für Leute sein, deren Gefühle um Größenordnungen schwächer sind als die anderer.

Die gelungenste Skizze unserer Stellung im Kosmos, die ich seit langem gelesen habe.

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