Keiner davon ist witzig (2015-05)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihnen überhaupt gut tut, hier in dieser Liste ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Es ist ein Experiment.

Dies ist die fünfte Ausgabe von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem Mai 2015.

Mit ein paar Künstlern zusammen sah ich mal die Sonne hinter den Palmen von Marrakesch untergehen: »So kitschig darf nur die Natur sein.«

Es ist nicht möglich, sich über ein Gefühl zu irren. Oder?

Vielleicht liegt darin der Grund, warum wir nach immer neuen Formulierungen, neuen Darstellungsweisen suchen müssen – um etwas von der Unmittelbarkeit, dem jähen Erstaunen, der Totalität der ursprünglichen Erfahrung in die Darstellung zu retten. So wie dieser Tweet mit dem merkwürdigen Wort deep, das für meine Begriffe ein bißchen bemüht-cool klingt, aber anderswo vielleicht gerade dieses Durchbrechen einer unmittelbaren Erfahrung sichtbar zu machen imstande ist.

Es ist tatsächlich so, dass ich über die richtig guten Sachen selten ein Wort verliere, auch nicht auf Fav oder Like drücke. Angesichts einer hervorragenden Arbeit kommt mir jede mögliche eigene Reaktion oft zu platt vor. Andererseits habe ich das Gefühl: Wer etwas so gutes schreibt, muss alleine schon deswegen über die Stufe hinaus sein, in der es auf Anerkennung ankommt.

Jetzt, wo Autoren durch Echtzeit-Zugriffszahlen weit besser Bescheid wissen darüber, wie oft sie gelesen werden, ist es immer noch eine offene Frage, ob es nicht besser wäre, sie wüssten gar nichts davon, und würden einfach unbeirrt ihre Arbeit machen.

Es ist vielleicht eine Wechselwirkung: Die Auseinandersetzung, auch die Ermutigung durch das Publikum hilft dazu, den Punkt zu erreichen, wo man genau das nicht mehr braucht.

Ich würde dasselbe antworten, und das ist bemerkenswert, denn es war nicht immer so. Als ich anfing, mich ernsthaft für Bücher zu interessieren, schien es mir nötig, das gegen den Rest der Welt zu verteidigen, und ich machte das, indem ich solide, gebundene Ausgaben kaufte. Die sollten ein Leben lang halten und ich war stolz auf mein sich füllendes Bücherregal. Es ging soweit, dass ich Bücher, die eigentlich brennend wichtig für mich waren, dann nicht kaufte, wenn es sie nicht in einer guten, gebundenen Ausgabe gab.

Das alles wurde durch die Digitalisierung über den Haufen geworfen. Ich las zuerst alles andere digital, und dann wurde es unlogisch, dass ausgerechnet die Bücher in diesem neuen Universum der Schrift fehlen sollten. Die praktischen Vorteile sind so immens, dass ich den Mangel an handwerklicher Qualität – und digitales Lesen ist weit hinter dem Standard gedruckter Bücher – achselzuckend in Kauf nehme. Die Bücher sind jetzt überall und jederzeit vorhanden, aber gleichzeitig, in einem anderen Sinn, existiert nur das von ihnen, was in meinen Kopf gelangt. Und das ist gut so. Ich bin froh, dass mein Interesse an Büchern stark genug war, um mich aus dem Kerker, den ich mir mit ihrer musealen Verehrung gebaut hatte, heraus zu holen.

Das machen wir gerne.

Eine großartige, gelungene, hochkonzentrierte Momentaufnahme. Reif fürs Geschichtsbuch, wenn nicht zu schade dafür.

Die Annahme, die Welt bestehe aus lauter inkompetenten Idioten, ist bei näherem Hinsehen nicht haltbar. Tatsächlich sind alle Menschen um uns herum mehr oder weniger so kompetent wie wir; die Schwankungen der Intelligenz und sonstigen Fähigkeiten sind – wenn man als Außerirdischer draufgucken könnte – eher gering.

Was sehr viel inkompetenter ist als wir selbst, sind die Systeme, in denen wir existieren. Firmen sind träge wie Supertanker, Demokratien sind die Hände gebunden. Die Sehnsucht nach Kompetenz wäre also nicht so sehr die nach hochkompetenten Individuen, sondern nach einem System, das den inhärenten Fluch aller Systeme, die wir bislang gebaut haben, überwunden hätte. Die geheime Schaltzentrale im Hollywoodfilm.

Darum klingt es plausibel, dass Verschwörungstheorien letztlich ein Kompetenz-Einschätzungs-Mismatch sind: Unterschätzung der Menschheit auf individuellem Level (»alles Idioten, außer den Weisen im Hintergrund, die es geben muss«), aber Überschätzung dessen, was Menschen an Systemkompetenz zu konstruieren imstande sind. Bislang jedenfalls.

Wenn das Ziel des Schreibens ist, das eigene Denken intersubjektiv zu machen, also etwas von dem, was im eigenen Kopf vorgeht, in den überindividuellen Kreislauf des Denkens überhaupt einzuspeisen – und zwar vorzugsweise das, was niemand sonst hätte einspeisen können, was vorher als lächerlich, belanglos, oder einfach nicht existent galt – dann ist dieser Tweet tatsächlich eine vollkommen zutreffende und bemerkenswert anmutige Beschreibung.

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