Keiner davon ist witzig (2015-04)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihnen überhaupt gut tut, hier in dieser Liste ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Es ist ein Experiment.

Dies ist die vierte Ausgabe von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem April 2015.

Ein großartiger Vorschlag, der das weltweite Kommunikationsvolumen mit einem Schlag um mehrere Zehnerpotenzen zu reduzieren verspricht. Es kommt hinzu, dass Änderungen von Meinungen zu besseren Texten führen. Das Denken ist frisch, man zählt Argumente auf, die nachweislich mindestens einen Menschen zu wirklichem Umdenken bewegt haben.

Ich rege ergänzend an, Meinungen nur dann ernst zu nehmen, wenn sie von jemand mitgeteilt werden, der nachweislich schon einmal die genau gegenteilige Meinung vertreten hat. Ich ärgere mich zum Beispiel über eine Episode des religiösen Fundamentalismus, die mich einige Jahre wichtiger Lebenszeit gekostet hat. Man hätte damit auch andere Dinge anstellen können. Die Erfahrung, das eigene Weltbild zweimal komplett über den Haufen zu werfen – einmal beim Weg in den Fundamentalismus hinein und einmal beim Weg wieder heraus – ist allerdings eine sehr wertvolle. Sie macht, wenn ich das bescheiden anmerken darf, erfrischend bescheiden und neugierig.

Es gibt allerdings einen Haken. Ich konnte die Brüche in meinem Weltbild nur dadurch erkennen, dass ich die Meinungen, die ich später als falsch erkennen sollte, wieder und wieder und wieder wiederholte. Erst dadurch zeigten sich Haarrisse, die im Laufe der Zeit zu Bruchadern wurden und schließlich das ganze Gebäude einstürzen ließen. Es führt also unter Umständen doch kein Weg an den endlosen Wiederholungen vorbei. Immerhin könnte das Befürfnis, eine Meinung wieder und wieder mitzuteilen, ein gutes Anzeichen dafür sein, dass sie im Begriff ist, sich zu ändern.

Für diese Erfahrung kannte ich bisher nur klischeehafte Formulierungen: die kleinen Dinge im Leben, die sich dann als die großen Dinge erweisen, usw. Dieser Tweet dagegen fasziniert mich. Er trifft den richtigen Ton aus Erstaunen und Melancholie. Der reicht für ein paar Jahre. Oder Jahrzehnte.

Ich wüßte auch gerne, ab welchem Alter man diese Erfahrung zuverlässig zum ersten Mal machen kann. Ich würde vermuten, dass man über vierzig sein muss, aber vielleicht hätte auch schon mein Teenager-Ich behauptet, es wüßte, wovon da die Rede ist. Und was wird erst mein siebzigjähriges Ich über mein heutiges sagen – wie wenig Ahnung ich damals, also heute, noch von der Vergänglichkeit hatte, und wie wenig ich mein Glück von damals, also heute, zu schätzen wusste.

Fast könnte man meinen, es gäbe gewisse grundsätzliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Aber wer weiß, vielleicht wird dieser Tweet den Menschen in hundert Jahren äußerst bizarr und unglaubwürdig erscheinen.

Einer meiner Professoren vermutete, das äußerste, was die Menschheit im Laufe einer Generation dazulernen könnte, wäre etwa soviel wie die Fähigkeit zum Betätigen eines Lichtschalters. Oder das Einstellen einer Digitaluhr am Videorekorder. In letzter Zeit denke ich oft, der bessere Maßstab wäre vielleicht das Leben des letzten Kaisers von China.

Ich habe lange nicht mehr so viel über das Wesen der Liebe nachgedacht wie durch diesen Tweet. Über ihr Verhältnis zur Gravitation und zum Phänomen der Kraft im Universum überhaupt. Ich will die Überlegung nicht durch Ergebnisse ruinieren, aber ich setze den Tweet dennoch nicht ohne Verwunderung hier hin.

Mein liebster Frühlingstweet dieses Jahr.

Und trotzdem ist es seltsam, dass dieser selbe Satz beim einen Menschen vollkommen richtig und produktiv sein kann, während er beim anderen nur ein unsinniges Um-Sich-Selbst-Kreisen bedeutet, das sich erst in dem Moment auflöst, in dem derjenige von sich selbst absieht. Ich erinnere mich an das ungeheure Aufatmen, als ich mit Anfang zwanzig bei Kafka las, er interessiere sich für nichts außer für sich selbst. Dieses Mich-immer-noch-viel-mehr-für-mich-selbst-interessieren war eine große Befreiung. Aber ich weiß nicht, ob das für jeden gilt.

Bemerkenswerte Charakterisierung, selbst wenn gelegentlich – oder fast immer – andere Dinge gerufen werden.

Der Kurator bedankt sich für diesen verständnisvollen Tweet. Ich habe viele tausend Tweets gelesen, um diese hier zu finden. Ich habe die Monatsproduktion etlicher vertrauter Accounts durchgekämmt, um nur ja die besonders guten nicht zu verpassen. Aber vielleicht sollte ich angesichts der fünfhundert Millionen Tweets, die jeden Tag dazu kommen, einfach aufhören, systematisch nach guten zu suchen, also nach den äußerst wenigen, die bei mir ganz persönlich auf eine ungewöhnliche Resonanz stoßen. Gerade bei den Accounts, die ich schätze, aber die vierzig oder fünfzig Tweets am Tag schreiben, denke ich das oft. Vielleicht sollte ich einfach nur das bemerken und hier zusammentragen, was mir vollkommen zufällig als großartig auffällt.

Aufgenommen nicht nur wegen des guten Vorschlags, sondern auch wegen des schönen Worts »Totenkunde«. Wie Sachkunde, Erdkunde, Sexualkunde. Wie Hörensagen und dieser dünne Schleier aus offizieller Verlautbarung, den manche Schüler früher durchschauen und andere später.

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