Keiner davon ist witzig (2015-03)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihnen überhaupt gut tut, hier in dieser Liste ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Es ist ein Experiment.

Dieses hier ist die dritte Ausgabe von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem März 2015. Es gibt in dieser Ausgabe erstmals Gastbeiträge: Kathrin Passig rezensiert ihren eigenen Tweet, was in Ordnung geht, weil der Tweet eigentlich von mir ist. Und umgekehrt. @Fritz habe ich um eine Erklärung zu seinem Tweet gebeten, und er war nicht darum verlegen.

Das wäre ein guter Parameter, den man bei sich selbst regelmäßig überprüfen könnte, um das eigene Abgleiten in Verbohrtheit und Selbstgerechtigkeit frühzeitig zu erkennen und aufzuhalten: Wie lange hast du für dieses Urteil gebraucht?

Solange man noch mit Büchern Geld verdienen will, ist es einfach. Man möchte eben soviele Leser gewinnen, dass man im Austausch dafür ein Leben bekommt, also Miete, Geschirrspülmaschine und gelegentlich neue Bettwäsche. Wenn man es außerdem sogar schafft, damit reich zu werden, warum nicht? Das kann einem niemand verdenken. Schwieriger wird es, wenn alle diese finanziellen Erklärungen wegfallen, weil man in weiser Voraussicht einen gewöhnlichen Beruf ergriffen hat. Nicht einmal der existenzielle Kampf um das Privileg, zur Öffentlichkeit sprechen zu dürfen, zählt mehr so richtig als Motivation, seit das Veröffentlichen nur noch ein Knopfdruck ist, der jedem jederzeit zur Verfügung steht.

Als mein eigenes Blog ein gutes Jahr alt wurde und seine Zugriffskurven langsam, sehr langsam in den zweistelligen Bereich stiegen, war ich selber dahin gekommen, dass ich mich fragen musste: Reicht das jetzt nicht? Ich hab’ doch schon zehn Leser. Was will ich denn noch? Es war dieser Moment, in dem der Satz von Kathrin fiel: einfach, entwaffnend, und wie alle großartigen Sätze so, dass man schon eine Sekunde später glaubt, ihn schon immer im Kopf gehabt zu haben. Es ist unwahrscheinlich, dass alle, die das gerne lesen würden, es bereits lesen. Das ist es, was übrig bleibt, wenn die Öffentlichkeit und das Recht, zu ihr zu sprechen, von jeder quasi-religiösen und oberflächlich-finanziellen Dimension befreit sind. Man möchte eigentlich nicht nur schreiben, sondern am besten auch noch Verleger werden.

Oft sollen Außerirdische etwas erledigen oder erklären, woran wir auf der Erde bisher gescheitert sind. Aber was uns überfordert, ist ja nicht nur der Weltfrieden, die Frage nach der Entstehung des Lebens oder der Einsatz von Analsonden. Es gibt einfach zu viel Text, wir können nur noch auf fremde Hilfe hoffen. Und das bisschen, was wir lesen, lesen wir nicht aufmerksam genug. Das gilt selbst für Tweets, nicht nur, weil jeden Tag 500 Millionen neue hinzukommen. Selbst wenn wir am Tag nur zehn von ihnen lesen, nur einen: Unwahrscheinlich, dass dieser eine so gründlich gelesen wird, wie es eigentlich nötig wäre. Selten gelingt es jemandem, über dieses Problem ohne Schuldzuweisung zu sprechen. “Es wird zu viel geschrieben auf der Welt”, würden andere klagen, oder “Die Leute lesen zu wenig”. Aber die Größenordnung des Problems ist eine ganz andere, und wer das eingesteht, macht den ersten Schritt zu einer vernünftigen Bewältigung. Zum Beispiel durch Außerirdische. (Kathrin Passig)

Erotischster Tweet des Monats, hands down. Wie so oft gefällt mir die Minimalität der sprachlichen Mittel, die hier eine äußerst anziehende Wirkung entfaltet.

Merkwürdigerweise kann ich mich, was literarische Texte betrifft, nur an gelingende Peinlichkeiten erinnern. Peinlichkeiten also, die der Autor durch das Aufschreiben gerade überwindet. Vielleicht blende ich nicht gelingende, peinliche Peinlichkeiten einfach aus, weil sie mich nicht weiter interessieren. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob der Satz so, wie er dasteht, stimmt.

Jede Peinlichkeit wartet auf den, der ihr zu ihrem Recht verhilft. Da Peinlichkeit eine äußerst persönliche Angelegenheit ist, wird man das in den meisten Fällen selbst sein müssen.

Möglicherweise sind absichtliche Peinlichkeiten eher dazu in der Lage, diesen Schritt, dieses Überwinden der Peinlichkeit zu leisten, während unabsichtliche Peinlichkeiten vorbewusst bleiben und einfach nur in der Peinlichkeit verharren. Interessant oder okay finde ich beide. Ekelhafter als jeden peinlichen Text – absichtlich oder unabsichtlich –, finde ich Texte, die sich clever aus jeder Peinlichkeit raushalten.

Indeed.

Der überzeugendste Sonnenfinsternis-Tweet. Ich erinnere mich, dass ich bei meiner ersten und bislang einzigen totalen Sonnenfinsternis, 1999 in Deutschland, genau dieses Gefühl hatte: Der Mondschatten huschte rasend schnell über die Landschaft. Die Welt, in der wir uns auszukennen meinen, weil wir wissen, wie eine Wolke und wie eine Wiese aussieht, und wie lang es vom Morgen so ungefähr bis zum Abend dauert, gab sich von einem Moment auf den nächsten als Illusion zu erkennen.

Ich fand diesen Tweet äußerst bemerkenswert, aber mir war überhaupt nicht klar, wie ich argumentieren würde, um herauszufinden, ob er stimmt. Also habe ich @Fritz selber gefragt, und hier ist seine Antwort.

»Der Gedanke in dem Tweet stammt von Amoz Oz. Er äußerte ihn so ähnlich in einem TV-Interview. Leuchtete mir ein wie ein Lichtstrahl. Ich dachte: Boah, ist das schlau.

Natürlich muss sich niemand für alles interessieren. Das wäre eine Überforderung. Aber wenn wir Beteiligte sind, schulden wir Neugier. Damit setzt man seinen Vorurteilen und Blickverengungen eine Schranke. Sich erst interessieren, dann beurteilen erscheint sowieso als die richtige Reihenfolge. Man möchte auch nicht selbst beurteilt werden, bevor man gesprochen hat. Neugierig sein heißt zuhören, nach Gründen forschen, anderen Sichtweisen ihre jeweilige Gerechtigkeit zukommen lassen. Gerichtsverhandlungen müssen von dieser Tugend geprägt sein, ebenso z.B. Journalismus. Auch in Politik oder Forschung schuldet jeder Teilnehmer den Themen, Informationen und beteiligten Menschen Offenheit für deren Gedanken, Sichtweisen, Situationen. Ich frage mich auch, ob moralisches Leben möglich ist, ohne neugierig zu sein. Denn Moral bedeutet, die Interessen anderer anzuerkennen. Das setzt Neugier voraus. Im Grunde sind Nachdenken, Entdecken und Aufklärung tugendhaft, Augenverschließen und Abweisen unmoralisch. Von Algos gesteuerte Kreditentscheidungen könnte man dann auch als anti-moralisch bezeichnen, weil sie Urteile über Menschen treffen, ohne auf sie neugierig zu sein. Extremistische Gruppen sind von diesem moralischen Versagen geprägt, z.B. Rechtsextremisten, die Menschen ablehnen, mit denen sie noch nie gesprochen haben. Da wird der Zusammenhang zwischen Gewalt und verweigerter Neugier sichtbar. Vielleicht ist die Neugier eine der schönsten Tugenden, weil sie eine Moralvorschrift ist, die dem einen Vorteil bringt, der sich unter ihr Diktat stellt. Natürlich gibt es auch Deformationen der Neugier – Gaffen, Voyeurismus etc., also alle Formen von »eindringender« Neugier, die nicht erwünscht ist und nicht der Aufklärung dient. Im öffentlichen Raum sieht man die Spannung zwischen der nötigen und der unnötigen Neugier:  Politiker müssen sich alle Fragen zu ihrer Politik gefallen lassen, aber keine nach ihrem Privatleben. Es scheint mir klar, dass man kein moralisches Leben führen kann, wenn man sich nicht zu anderen Menschen hinwendet. Wer weiß, wie viele Konflikte in der Welt sich auflösen würden, wenn die Menschen gegeneinander neugieriger wären?«

Rein philosophisch gesehen auf jeden Fall. Zwischen der Aussage und dem, was im Kopf des Empfängers ankommt, steht die Interpretation, und die hängt völlig in der Luft. Niemand kann ihr vorschreiben, wie einfach oder komplex sie zu sein hat, und zu welchem Ergebnis sie kommen darf. Aber begnügen wir uns damit? Sind wir zufrieden, dass letztlich niemand mit niemandem reden kann? Oder ruhen wir uns, andersherum, bei der Überzeugung aus, dass die Richtigen uns selbstverständlich verstehen werden, weil es »müßig ist, jemandem einen Gedanken erklären zu wollen, dem eine Andeutung nicht genügt« (N. Gomez Davila)? – Das ist es, was Kritik leisten müsste: um einen Text und seine Bedeutung zu kämpfen, und sich nicht damit zufrieden zu geben, dass er im Ungefähren bleibt oder nur für Eingeweihte zugänglich ist.

Als ich diesen Tweet am 23. März las, schien er mir interessant. Ich ging im Kopf Beispiele durch: Der depressive Selbstmörder? Der Kranke, der seinem natürlichen Tod zuvorkommt? Die Ehefrau, die ihrem Gatten erzwungenermassen, aber von eigener Hand in den Tod folgt? In allen diesen Fällen schien mir die Idee des Generierens von Sinn, welcher Art auch immer, plausibel. Ich machte die Gegenprobe: Für Mord schien das nicht zu gelten; Mord ist der ultimative Sinnvernichter, dachte ich mir.

Dann kam der 24. März, der 25. und der 26., und ich hatte keine große Lust mehr, mich mit dem Tweet zu beschäftigen.

Das ist in der Tat seltsam. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat sich die Welt innerhalb eines Jahrhunderts derart verändert wie in dem gerade zurückliegenden. Wir sind also, anders als jedes Jahrhundert vor uns, losgerissen, wie auf einem unbekannten Planeten gelandet. Und dann wieder überhaupt nicht, denn innerhalb unserer eigenen Lebensspanne durchlaufen wir die genau gleichen Phasen aus radikaler Verwunderung und gradueller Gewöhnung wie jeder andere Mensch, der je auf der Erde gelebt hat. Erst die merkwürdige Kombination dieser beiden Effekte ist es, die unsere Wirklichkeit, die in dieser Form tatsächlich nie dagewesen ist, ausmacht.

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