Keiner davon ist witzig (2015-02)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo alle von morgens bis abends kichern, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihnen überhaupt gut tut, hier in dieser Liste ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Es ist ein Experiment.

Das habe ich letzten Monat geschrieben, als Einleitung zur ersten Ausgabe dieser Liste (hier der vollständige Text). Diesen Monat nun die zweite Ausgabe, mit Tweets aus dem Februar 2015. Ich habe, nach vielen großartigen Diskussionen, die Regeln etwas präzisiert: Erlaubt sind nur orginale Tweets, keine Zitate. Auch keine Medien, also angehängte Fotos oder Videos, auch keine Links – nicht deshalb, weil sie mich nicht interessieren würden, sonder weil das hier ein literarisches Projekt ist. Es geht um gute, großartige, wunderbare Tweets, die ohne das Mittel der Witzigkeit auskommen.

Ich habe auch das Laudatio-Verfahren beibehalten, die Tweets bekommen also kleine Lobreden beigefügt. Ich tue das mit etwas schlechtem Gewissen, weil das Erklären von Literatur eigentlich nicht so meine Sache ist. Andererseits hat sich gezeigt, dass die nicht-witzigen Tweets, und meine Intention bei der Aufnahme in die Liste, sonst leicht falsch verstanden werden. Ein witziger Tweet bringt alles, was man zu seinem Verständnis braucht, selber mit – wie Fastfood, sagte jemand. Ein nicht-witziger tut das nicht immer.

Natürlich sind das hier nicht die besten nicht-witzigen Tweets schlechthin. Es sind vermutlich nicht mal die besten aus meiner Timeline. Es sind lediglich welche, die ich auf meinen mehr oder weniger ausgedehnten, aber doch im wesentlichen zufälligen Streifzügen durch die Weiten von Twitter aufgespürt habe, und die bei mir persönlich auf eine außergewöhnliche Resonanz gestoßen sind. Eigentlich ist diese Liste also nichts anderes als ein etwas ausführlicherer Retweet. Allerdings ein gut überlegter. Ich war diesen Monat wesentlich wählerischer bei der Aufnahme, denn wie mir nach meinem ersten eigenen Kuratier-Versuch klar wurde, sind für die Qualität dieser Liste nicht die beteiligten Twitterer verantwortlich, sondern ich selbst. In diesem Sinne: Keiner davon ist witzig, Februar 2015.

An diesem Tweet gefällt mir die seltsam schwebende Wirklichkeit, die er aufspannt. »Radaren«, dieser Plural läßt stutzen. Und der Supermarkt, der so merkwürdig mit dem Wort »lokal« überladen ist. Und dann merke ich, dass ich diesem Tweet ungefähr so viel glaube, wie man James Bond glaubt, wenn er bei M seinen Dienst quittiert hat und an einem Palmenstrand mit einer gerade verfügbaren Schönen abhängt. Nämlich nichts. Kein Wort glaube ich ihm. Und wir sind mitten in der Geschichte.

Seltsam, dass einem genau das immer wieder passiert. Vermutlich liegt es daran, dass man sich engen Freunden so tief verbunden fühlt, dass man die Beziehung gegen jede oberflächliche Kränkung für immun hält. Und so nimmt man die Kränkung, die man dem anderen beibringt, überhaupt nicht als solche war, weil man selbstverständlich voraussetzt, dass der andere genauso weit darüber erhaben ist, wie man selbst.

Mit geringstem Aufwand ein differenzierteres Bild von männlicher Sexualität gezeichnet als die übliche, eindimensionale Geilheit. Gefällt mir gut.

Antworten sind vor allem ein guter Fragentransporter, hab’ ich mal in einer Philosophievorlesung gehört.

Eine Feststellung, die mich in ihrer Einfachheit verblüfft hat – so ein Moment, in dem man »natürlich!« denkt und nicht glauben kann, dass man das vorher noch nicht gesehen hat.

Mich hat dieser Tweet zum Lächeln gebracht.

Überzeugend.

Es ist vermutlich gar nicht so schwierig, auf linguistischer Ebene herauszufinden, worin das Eigene in der Sprache eines bestimmten Autors besteht, wenn schon nicht in den selbst gefundenen Worten, die es naturgemäß, denn Sprache ist intersubjektiv, gar nicht geben kann. Kein Wort ist jemals jemandes eigen. Aber der Tweet reicht ja tiefer. Schreiben, wenn es den Namen verdient, ist immer der Versuch, etwas vorher ungesagtes und eigentlich unsagbares in die öffentliche, nach ihren eigenen Gesetzen funktionierende Sprache zu holen. Das ist so gut wie unmöglich.

Danke. Ich auch nicht.

Eine gute und mitunter nötige, entwaffnend einfache Verteidigung gegen eine Menge Schrott, und gegen eine Kritik, die noch viel größerer Schrott ist.

Braucht der ein Lob? Wirklich? Wow.

One thought on “Keiner davon ist witzig (2015-02)

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