Keiner davon ist witzig – Laudatio Edition (2015-01)

Ich habe lange nicht mehr so intensiv über Literatur diskutiert wie nach dem Erscheinen meiner Liste mit guten, aber nicht witzigen Tweets vor einer Woche. Mit der Einleitung (hier nachzulesen) konnten viele etwas anfangen, aber an den von mir ausgewählten Tweets gab es eine Menge Kritik, oder schlimmer, pure Verständnislosigkeit. (Es fiel der Ausdruck »schlicht gestrickte Kalendersprüche«.)

Ich werde daher das Experiment um ein weiteres Experiment ergänzen und reiche hier meine Laudatios zu den Tweets nach. Ich weiß, das könnte böse ins Auge gehen, aber hey, das hier ist ein Experiment über einem Experiment. Ich arbeite die Laudatios nicht in die ursprüngliche Liste ein, weil sie bereits als Reaktion darauf bzw. als Reaktion auf die Reaktionen geschrieben sind.

Ein Auftakt für dieses Experiment, wie er besser nicht sein könnte. Es wird vermutlich kein Abgrund sein, was ich hier zusammenkuratiere, aber die Absicht ist durchaus, dass diese Liste ähnlich überzeugend würde, ähnlich verstörend wie ein Abgrund. Und wie sich auf für mich etwas verstörende Weise zeigt, liegt die Verantwortung für die Qualität dieser Liste nicht bei den mir vorliegenden Tweets, sondern ausschließlich bei mir selber. Das ist ein Aspekt des Kuratierens, der mir, bevor ich damit anfing, überhaupt nicht klar war.

Paradoxe Tweets sind gefährlich, weil sie beliebig sein können, aber dieser hier fällt nicht unter diesen Vorwurf. Wir sind, was wir nicht werden: Das ist einerseits das melancholisch-resignierende Eingeständnis, das wir irgendetwas werden wollten, aber es nicht geschafft haben. Ich wollte zum Beispiel jemand werden, der so schnell mit Wischen schreiben kann, wie die Leute in der Subway. Ich werde aber nie so schnell. Also bin ich jemand, der nicht so schnell ist wie die Leute in der Subway. Ich bin die Abwesenheit dessen, was ich gerne geworden wäre, aber dann nicht wurde. Aber da lauert noch eine andere Bedeutung: Indem ich etwas anstrebe, aber dann nicht erreiche, komme ich ihm so nah, wie ihm überhaupt jemand kommen kann. Im Beispiel: Es zeigt sich, dass die Leute in der Subway mit dem Wischen gar nicht so schnell sind, wie es zunächst den Anschein hatte. Indem ich es versuche, werde ich zwar nicht so schnell, wie ich ursprünglich dachte, dass diese Leute sind, aber ich werde einer von ihnen: Jemand, der auch so einigermaßen mit Wischen schreiben kann, und von außen sieht es genauso unbegreiflich schnell aus, wie es ursprünglich für mich aussah.

Danke, @blutundkaffee, das musste gesagt werden. Ich habe in der Einleitung zu diesem Projekt den Witz ziemlich hochgehoben als die weitaus überlegene und durchschlagskräftigste Kommunikationsform, die nur den Nachteil hat, dass sie mich unbefriedigt zurückläßt. Tatsächlich reicht mein Misstrauen gegen den Witz noch ein gutes Stück tiefer, und das mit den achtzig Prozent, was ich für eine sehr gute Schätzung halte, dürfte ein wichtiger Teil des Grunds dafür sein.

Man könnte das für eine Binsenweisheit halten, aber ich tappe immer wieder in diese Falle, dass ich etwas für sonnenklar halte und mich selber zwingen muss, genauer hinzugucken, um diese vermeintliche Klarheit aufzubrechen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich im allgemeinen überhaupt nicht an Binsenweisheiten glaube, weil es, wenn man diesen Tweet ernst nimmt, eigentlich keine gibt.

Fantastische Sprachschöpfung. Den krieg’ ich nie mehr aus dem Kopf, genausowenig wie den Ohrwurm von Lionel Ritchie. Aber der hier ist besser. Minimaler Einsatz, maximale Wirkung. Wunderbarer Tweet. Großes Kompliment.

Dieser Tweet hat mich verblüfft. Ich habe ein bißchen ungläubig in meinem Gedächtnis gesucht, ob Wittgenstein tatsächlich nicht ironisch war, und ich glaube, in seinem Werk war er’s tatsächlich nirgends. In privaten Gesprächen vielleicht schon. Das wiederum verblüfft mich, weil es mir heute für jeden halbwegs fähigen Denker vollkommen unabdingbar und unausweichlich scheint, mindestens unter anderem auf der Klaviatur der Ironie spielen zu können, und zwar öffentlich. Dass mir das nicht gefällt, brauche ich nicht zu betonen, aber ich werde andererseits auch nicht so dumm sein, diese Veränderung einfach als einen Verfall der Kultur zu verbuchen. Anders ist es allemal.

Wo sie recht hat, hat sie recht.

Das Kunststück, eine Paradoxie zu spinnen, die trotzdem unmittelbar einleuchtet, und außerdem einen nicht unerheblichen emotionalen Gehalt hat: hier ist es geglückt.

Es gab Kritik an der Entscheidung, auch Zitattweets in diese Liste aufzunehmen. Diese Kritik finde ich inzwischen berechtigt. In den nächsten Ausgaben wird es nur noch Originaltweets geben. Diesen hier habe ich natürlich deshalb aufgenommen, weil mir das mit der Eindeutigkeit der Kultur auf das Überhandnehmen der Witzigkeit zu passen schien. (Vermutlich muss ich allgemein aufpassen, nicht zuviele oder am besten gar keine Tweets aufzunehmen, die inhaltlich mit dem Anliegen dieses Projekts zu tun haben.)

Bei diesem Tweet bleibt mir der Mund offen stehen, und das nur zum Teil deshalb, weil die Frage so, sagen wir, unterirdisch ist. Sondern weil ich allgemein ziemlich wenig darüber weiß, wie ich mit Behinderungen, einschließlich meinen eigenen, umgehen soll. Und weil ich dabei immer an diese Szene hier in Manhattan denken muss, bei der ebenfalls eine alte Dame (weiße Hautfarbe) an einem Veteran ohne Beine (schwarze Hautfarbe), der im Rollstuhl saß, vorbeiging, und fröhlich fragte: Na, tanzen gehn heute abend? Und alle, einschließlich des Rollstuhlfahrers, lachten und fanden es ziemlich komisch.

Man kann hitler in diesem Tweet, wie so oft, als formale Variable auffassen und einige Fragen stellen. Gibt es Dinge, die nicht witzig sind? (Offensichtlich ja.) – Gibt es Dinge, über die man keine Witze machen kann? (Nein. Offensichtlich?) – Läßt sich alles, was man überhaupt sagen kann, witzig sagen? (Eine Frage, auf die ich selber nicht gekommen wäre, aber die mich im Rahmen dieses Projekts noch eine Weile beschäftigen wird.)

Eine vielleicht etwas philosophisch-blutleere Aussage, aber durchaus sinnvoll, sie für etwaige Notfälle dabei zu haben.

Der Satz gehört ohne Zweifel zu den wichtigsten Sätzen der Menschheit überhaupt (meiner eigenen Biographie unbedingt), und ich halte die Wiederholung für gerechtfertigt.

Point taken. – Okay, ich fand den Tweet zuerst besser.

Eine Kontraintuition, bei der ich gestutzt habe. Wenn ich hier in Manhattan die Musikstudios sehe, Probenräume wie Legebatterien, Tausende auf der Lauer nach dem großen Sprung auf den Broadway, dann scheint es um alles zu gehen, nur nicht darum, sich selbst zu verbergen. Entdecken reicht völlig, und wir tun alles, um dieses Entdecken so leicht wie nur irgend möglich zu machen. Aber dann erinnere ich mich an meine erste literarische Lesung, als der Veranstalter, ein Buchhändler, mich monatelang auf eine Antwort warten ließ, und dann plötzlich sagte: Wir machen einen Termin, und ich im selben Atemzug, ohne darüber nachzudenken, völlig automatisch, zurückfragte: Meinst du wirklich? – Da hätte er mich beinahe achtkantig aus seinem Laden geschmissen. Zu recht.

Siehe oben.

Es ist keine besonders tiefe Erkenntnis, aber mir gefällt die Haltung. Und mir gefällt, dass dieser Tweet, nach allem was ich von ihr weiß, wohl durchaus als Mini-Portrait von Christiane Frohmann durchgeht.

Noch ein Paradox, das den Beliebigkeitstest bestehen muss. Dieser @hilfsbuchhalter aka Bernardo Soares aka Fernando Pessoa ist überhaupt nie in einem anderen Modus als dem der Ernsthaftigkeit, und konstatiert doch, noch überhaupt nicht angefangen zu haben mit dem Ernstmachen. Vielleicht deshalb, weil melancholischer Ernst etwas anderes ist als aktiver Ernst? Mir geht dieser Tweet irgendwie unruhig im Kopf herum (Das Buch der Unruhe), daher in der Liste.

Keiner der Tweets hat so viel Kritik ausgelöst wie dieser hier. Kitsch! wurde gerufen, und die beigefügten Adjektive machten’s nicht besser. Auch ich verfüge über Kitschsensoren, aber hier haben sie nicht angeschlagen. Vielleicht muss man, um diesen Tweet gelten zu lassen, noch ein paar dutzend andere Tweets von @blutundkaffee um diesen herum gelesen haben. Was schade wäre, denn es spräche trotz allem gegen den Tweet und gegen die Aufnahme in diese Liste. Aber tatsächlich ist das etwas, das ich schätze und durch einen Fav-Stern wie auch die Aufnahme in diese Liste bestätigen will: den Mut, ein Gefühl vollkommen ungeschützt auszusprechen, ohne den Kitschalarm auszulösen. Denn Kitsch, das wären in meinem Buch unechte Gefühle, nur scheinbar angemessen ausgedrückt. Das seh’ ich hier nicht, sorry. Dieser Tweet gilt.

Selbe Ebene wie der vorige Tweet? Er steht weniger unter Kitschverdacht, weil ungewöhnlicher. Die Frage wäre, ob die ungewöhnliche Formulierung automatisch ein echteres Gefühl bedeutet, oder nur mehr hermacht. Mir gefällt auch dieser jedenfalls gut, sehr gut.

Kein Kommentar.

Okay, private Joke. Zitattweet. Geschenkt.

Das wäre nun wieder die Kategorie eines reinen Informations- und Überlegungstweets. Die Parallele zur Mondlandung habe ich so noch nicht gesehen und finde sie bemerkenswert.

Gelungene Formulierung eines Effekts, den ich ebenfalls auf Schritt und Tritt beobachte, aber noch nicht in dieser Form dingfest machen konnte. Dass ich die Eigendynamik der Witzigkeit als einen Bestandteil davon sehe, brauche ich vermutlich nicht extra hinzuzufügen.

Ich habe vor diesem siebzigjährigen Auschwitz-Gedenken gedacht, ich wüßte so ziemlich alles darüber. Das hat sich als Irrtum erwiesen, als sehr fundamentaler Irrtum.

Überlegungs- und Informationstweet, aktueller Anlass. Mir neue Überlegung, daher aufgenommen, aber wenn diese Liste wirklich literarischen Fragen nachgehen soll, wäre es vielleicht doch besser, aktuelle Anlässe weitmöglichst draußen zu lassen, sie lenken vom eigentlichen Thema ab.

Dieses hervorragend auf den Punkt gebrachte Unbehagen gegenüber jeglicher Form von Auszeichnung oder Bestenliste gefällt mir als Abschluss außerordentlich. Ich bemerke verwundert, aber zunehmend, dass mir nichts so sehr auf die Nerven geht wie gute Twitterer. Also Leute, die in irgendeiner Weise gekonnt oder souverän auf der Klaviatur dieses Instruments spielen. Zum Glück sind die besten Twitterer meistens auch die witzigsten, und bei denen weiß ich schon, warum ich sie nicht mag. Oder mit Woody Allen: She’s okay if you like talent.

One thought on “Keiner davon ist witzig – Laudatio Edition (2015-01)

  1. Ich frage mich, ob du diesen Satz nicht unter seinem Potenzial verkaufst: “Wir sind, was wir nicht werden.” Hier stehen ja nicht nur Wollen und Scheitern gegenüber, sondern auch eine Spannung zwischen Zustand (“sind”) und Bewegung (“werden”).
    “Werden” ist auch ein Vollverb: entstehen, entwickeln, werden. “Wir sind xyz” bezeichnet eine Erstarrung, eine abgeschlossene Entwicklung, Granit. Diese Fixierung könnte sich verflüssigen, solang wir uns umformen, entstehen, wachsen, verändern, fließen. Das wäre der höhere Begriff von Leben … das “Spiel des Lebens”.
    Wir sind aber zu wenig “lebendig”, haben zu wenig Werden und zu viel Granit im Herzen. Wir tun zu wenig erstmalig und zu viel als Wiederholung von igrendetwas, was wir immer schon getan, gedacht, laufen die Wege entlang, die wir immer schon längs gelaufen sind. Das Thema erinnert mich an “Bittersweet symphony” von The Verve ( http://bit.ly/1d0YweE) … “But I’m here in my mold / I am here in my mold / But I’m a million different people / from one day to the next / I can’t change my mold / No, no, no, no, no I can’t change my mold” … Übrigens auch interessant das “wir” – eigentlich ja überraschend, bei so einem Satz nicht “ich” zu sagen und gleich in die Wir-Verallgemeinerung zu gehen, die immer eher unerträgliche Sätze hervorbringt. Aber das Granitartige betrifft eben auch die Gruppen, denen wir angehören. Oder anders gesagt: “Eher verlässt ein Mensch das Sonnensystem, als dass er aufhört, Kind seiner Zeit zu sein.” Irgendwie zappeln wir gemeinsam in unseren Gussformen, die wir “sind”.

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