Keiner davon ist witzig (2015-01)

Die meisten dieser Top-Twitterer sind mir einfach zu witzig. Ich bin nicht auf Twitter, um mich über einen Kalauer nach dem andern zu ömmeln.

Das habe ich im Sommer 2012 getwittert. Und erst neulich überlegte wieder jemand in meinem Bekanntenkreis, welche Bedingungen wohl erfüllt sein müssen, damit wir einen Tweet als witzig empfinden. Das ist bestimmt eine interessante Frage, aber es platzte aus mir heraus: Wer hat eigentlich beschlossen, dass Tweets witzig sein müssen?

Überall gibt es Twitter-Bestenlisten, und da stehen dann lauter lustige Tweets drin. Es gibt Twitterbücher, und wenn man die dann aufschlägt, sind es Witz-Sammelbändchen. Da gibt man den Menschen zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein Medium, durch das sich jeder auf dem Planeten Gehör verschaffen und zu jedem anderen sprechen kann, und was machen sie damit? Sie machen sich eine Witzbude draus.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich lache gerne und viel auf Twitter. Ich glaube, ich bin manchmal sogar selber witzig. (Ausnahmsweise. Und wenn, kann ich nichts dafür.) Aber es schien mir das Experiment wert, einmal eine Bestenliste zu machen, in der lauter gute, großartige, wunderbare Tweets stehen. Aber keine witzigen.

Denn der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo alle von morgens bis abends kichern, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihnen überhaupt gut tut, hier in dieser Liste ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Es ist ein Experiment. Hier sind die ersten, vom Januar 2015.

One thought on “Keiner davon ist witzig (2015-01)

  1. Ja, das Trommelfeuer der Witzigkeit hat mich auch manchmal verwundert. Die Leute, die nichts anderes mitteilen als witzige Formulierungen, sind möglicherweise sehr unsichere Personen. Daher besonders anerkennungsbedürftig. Es könnte auch eine Art von hysterischer Reaktion sein, wenn man plötzlich merkt, dass einem Leute zuhören, die man gar nicht kennt. Souveräne Persönlichkeiten denken keine Sekunde darüber nach. Aber unsichere Personen und vor allem einsame Menschen fangen dann an, sternchen-orientiert zu kommunizieren. Und Einsame gibt es viele unter den größten Witzbolden … von denen aber einige wirklich hochbegabte Sprachspieler und Ironiker sind. Das finde ich schon beachtlich, wie Twitter etc. die berüchtigen Kräfte der Bevölkerung reaktiviert, über alles zu spotten und jeden zu veralbern, teilweise sogar mit entsprechenden Promi-Fake-Accounts. Ansonsten ist Twitter ja wie ein Radiogerät – man kann da die unterschiedlichsten Sender einstellen – Witze, Wirtschaft, Politik, Kunst, Literatur, Bürgersprechstunde, etc.

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