Das alte Feuerwerk

Dass wir’s auf den Pier I schaffen würden, sogar noch um kurz vor acht, hätte ich nicht für möglich gehalten. Und es war nicht mal besonders voll – eine Gasse in der Mitte des Piers wurde wie selbstverständlich frei gelassen, während links und rechts davon die Leute ihr Picknick auf den Steinfliesen aufgeschlagen hatten, mitunter Klappstühle aufgestellt, Fotostative am Geländer des Piers montiert. Ja, die Klappstühle: einer der Gegenstände, deren Mitbringen auf den Leuchttafeln am Eingang des Riverside Parks untersagt war. Genau wie Alkohol, oder große Rucksäcke. In Wirklichkeit schien sich niemand darum zu kümmern. Als wären die Verbote nur dazu da, die Menge der betreffenden Gegenstände ein bißchen statistisch einzuschränken.

Als wir ankamen, flog gerade eine Hubschrauberstaffel mit »NYPD« auf den platten Bäuchen eine Parade den Hudson herauf und herunter. Später, da war die Sonne gerade im Begriff unterzugehen, nochmal ein einzelner Hubschrauber, sehr tief, so dass ich, als er sich entfernte, die leichten Korrekturbewegungen sehen konnte, mit denen der Pilot die Maschine stabil hielt.

Die Polizeiboote mit ihren lautlos blau blinkenden Lichtern auf dem Hudson – irgendeinen Grund muss es wohl geben, dachte ich, warum die maritime Polizei mit nur einer Farbe auskommt, während die landgebundene diese rot-blau rotierenden Pulsare hat. (Ja, ich glaube, ich hab’s: weil Rot auf dem Wasser für die Backbord-Positionsleuchten reserviert ist. Ob ich das nachschauen sollte?)

Wir mussten lange warten: über eineinhalb Stunden. Ulla, die sich mit Disa auf die Steinfliesen setzte und sie beschäftigte, einfach so, unermüdlich. Die Papierzeitung lesend, die sie mitgebracht hatte (Ulla, die Expertin und Archivarin der kostenlosen Subway-Morgenzeitungen). Fotos mit ihr auf dem Telefon angucken (Disas ganzes bisheriges Leben umfassend). Verstecken hinter der am Wagen hängenden Handtasche. Ich stehe etwas unbeteiligt daneben, schaue stumm, aber doch irgendwie wichtig auf den Fluß hinaus und zu den Trump-Türmen herüber. Wann immer ich mich Disa zuwende, ist es nur ein kurzes Lächeln, ein Über-den-Kopf-Streichen, ein Bewegen meines Kopfs auf den ihren zu, bis sich unsere Nasenspitzen berühren. Oder ich nehme sie hoch, halte sie mit ausgestreckten Armen waagerecht über mir, so dass sie die ganze Umgebung sehen kann und juchzt »Jag flyger! Jag flyger!« – aber es sind doch immer nur Momente, zehn Sekunden vielleicht, bis ich nicht mehr weiß, was tun, Disa absetze (was sie mir nie übel nimmt) und wieder wichtig auf den Fluß und zu den Türmen hinüber schaue.

Kommt Langeweile auf? Kaum. Da so viele Menschen hier sind, ist offensichtlich, dass ganz bestimmt irgendetwas passieren wird, und wenn ich neben Disa in die Hocke gehe und versichere, dass gleich wirklich das große, große Feuerwerk anfangen wird, verändert sich ihr Blick und geht staunend ins Leere. Neben uns in der Menge werden schon Kinder auf die Schultern genommen, aber nach einer Viertelstunde weiteren Wartens verschwinden sie wieder zwischen den Ausgewachsenen. Ich warte. Ich werde sie bei den ersten Raketen hochnehmen, nicht früher.

Sie hält sich an meinem Gesicht fest. Ihre Finger sind so nah an meinen Augen, dass ich mir Sorgen mache, ob wohl mein Lidschlag-Reflex schnell genug wäre, wenn sie plötzlich etwas höher langte.

Was sind das für Ahs und Ohs? Sind sie echt, oder lernt sie von uns, wie man auf Begeisterung schaltet, wenn der dafür vorgesehene Moment kommt?

Das alte Feuerwerk. Ist es vorstellbar, dass man uns, die wir Lasershows und 3D-IMAX kennen, etwas bieten könnte, das uns fünfundzwanzig Minuten lang nicht aus dem Ah und Oh kommen läßt? Gab es je eine Zeit, in der es den Menschen so ging? Ist es die Zeit meiner Tochter?

Einige Strukturen und Sequenzen überraschen mich, einige sind wirklich wunderschön. Das riesige, weiße Gespinst, wie eine eisstarrende Trauerweide. Die viele Sekunden lang senkrecht aufsteigenden Feuerschweife, die aussehen wie Cape Canaveral. Crescendos und Diminuendos. Vermutlich müßte ich Biographien von Feuerwerkern lesen: Ob es Künstler gibt, denen kein anderes Mittel des Ausdrucks gegeben ist, als Feuerwerke zu inszenieren? Sie hätten wenig Zeit, ihrem Publikum etwas mitzuteilen. (Welchem Publikum?)

Wir vermuten einige Male, jetzt müsse es aber gleich vorbei sein. An der Spitze des Piers setzen bei einem der letzten Höhepunkte die Rufe ein: U-S-A! U-S-A! U-S-A! Meine fünfzehn Kilogramm schwere Tochter eine halbe Stunde lang auf den Schultern zu tragen, ist verblüffend anstrengend. Als ich sie absetze, spüre ich die Stauchung meiner so etwa in der Mitte des Lebens angekommenen Wirbelsäule.

Die Menge drückt sich vom Pier zurück, unter den Pfeilern der Stadtautobahn durch und den Fußweg schräg den Hügel hinauf zum Riverside Drive. Es geht langsam: bei einer Panik würde das eher schlecht funktionieren. Ein zwei Meter großer Soldat im Tarnanzug mit Pilotenbrille hält während des ganzen Rückwegs ein USA-Fähnchen hoch und strahlt dabei verzückt. Lächeln hat er für alle genug.

Leave a Reply