Ausnahmezustand: Sechzig Jahre 17. Juni

Der 17. Juni 1953 – Tag des Arbeiteraufstands in der DDR – jährt sich in diesen Tagen zum sechzigsten Mal. Aus diesem Anlaß hier ein Kapitel aus Reinhard Kettners Roman »Das grüne Licht der Passagen«, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors. Ich will nicht verschweigen, dass ich an der Buchwerdung dieses Romans selber mitarbeiten durfte und mich daher über seine Verbreitung fast so sehr freue, als wär’s mein eigener. Apropos Verbreitung: Wie ich aus gut unterrichteter Quelle weiß, haben wir heute und morgen, am 17. Juni 2013, Ausnahmezustand und der Roman ist für kurze Zeit kostenlos.

Der 17. Juni. Beginn der eurasischen Wirren. Tag der Illusionen. Tag der Panzer: letztes, unschlagbares Argument. Ich hatte mich den Janottabrüdern angeschlossen. Wir liefen sofort nach Schulschluss in Richtung Unter den Linden. Vor der Uni­ver­si­tätsbibliothek, hatte es geheißen, habe ein T-34 einen Demonstranten überrollt. Ich wollte unbedingt den Toten sehn oder wenigstens den Blutfleck. Wir fanden beides nicht und wurden mitgerissen von der hin- und herwogenden Menschenmenge, die jedesmal, wenn ein Panzer anrollte, panisch in Hausein­gänge und Nebenstraßen wallte und zurückflutete, sobald der Panzer passiert hatte. Dann flogen Steine, Pfiffe gellten, und manchmal sprang aus der Menge ein besonders Mutiger von hinten auf den Panzer auf und versuchte die Antenne abzubrechen oder hämmerte mit einem Stein grotesk auf den Turm ein. Irgendwann verlor ich die Janottabrüder. Ich suchte eine Weile, ließ mich treiben und landete schließlich am Potsdamer Platz. Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren. Ich sah das brennende Columbushaus. Ich warf mich zu Boden, wenn auf einem der unentwegt vor- und zurückpreschenden Panzer das MG lostac­kerte. Ich hörte jemanden sagen: Platzpatronen! und sah, dass er seinen eigenen Worten nicht recht traute und sich plattlegte. Die Panzer schossen in Richtung Sektorengrenze, wo sich Massen von Schaulustigen eingefunden hatten. Niemand fiel um. Als ich mich das dritte oder vierte Mal hingeworfen hatte, und drüben noch immer alle aufrecht standen, hatte ich das unbezwingliche Gefühl, die Soldaten hinter den Sehschlitzen würden sich halbtot lachen über uns. Ich erhob mich und erklärte den Aufstand für meine Person als beendet. Heimwärts kam ich an einem geöffneten Tante-Emma-Laden vorbei. Ich legte alles Geld auf den Tisch, das ich bei mir hatte: Was bekomm ich dafür? Markenfrei! – Ich hab noch drei Makkaronipäckchen! – Gut, sagte ich. Und zuhaus sagte ich: Für alle Fälle! Wer weiß, wann es wieder was gibt! Mutter lächelte milde: Das ist doch alles nur Lärm! Aber du könntest Großvater nach Hause lotsen! Ich kenne die Herrn Ältesten! Die verquasseln glatt die Sperrstunde!

Ich könnte nicht sagen, was mich bewog, zuerst zum Hoffenster des Albrechtskellers zu schleichen, wie wir das früher getan hatten: Klauke, die Janottabrüder und ich. Ich kann nur sagen, dass ich mich hinterher besser fühlte. Der Albrechtskeller befand sich ein paar hundert Schritte entfernt von unserer Wohnung. Auf halbem Weg, mit halluzinativer Deutlichkeit, hatte ich plötzlich den Westen in der Nase. Seifen, Zigaretten, Parfüms, Schokolade, Kleider, Mäntel, Stoffe. Alles roch feiner dort. Sogar die Scheißhäuser, wie Klaus Janotta zu behaupten pflegte, was kein Wunder wäre bei den wohl­riechenden Sachen, die die Leute fräßen! – So urplötzlich waren die Gerüche da, dass ich stehn blieb und wie ein Pferd flämte. Der Westen in der Reinhardtstraße. Kein 5:1 mehr. Kein Schmuggeln über die Sektorengrenze. Kein Aufriss wegen Bürstenhaarschnitt oder Jeans. Aber jedes Ausatmen, ach, jedes Ausatmen sag­te mir: Vorbei, vorbei!

Ich schreibe dieser Enttäuschung das unverblasste Vergnügen an meiner Ohren­zeugenschaft zu. Ich rieche den Mix aus Bierdunst und unparfümierten Nachkriegstabak. Ich höre die gereizte Stimme des Janottagroßvaters: Schwei­ne! Alles Schweine! Amerikaner! Engländer! Franzosen! Alles Schweine! – Aber das hieße aan Krieg, Haanrich! Aan großes Elend! – Ach was, Krieg! Und wenn! Muss ja nicht auf deutschen Boden…! – Heinrich! lässt sich Großvater vernehmen. Heinrich! Das sind doch keine Verrückten! Denen sitzt ihr eigenes Hemd…! – Wisst ihr, was aan Russe mir mal gesagt hat? – Das sind ja nun die Oberschweine! – Sperr aanen Deutschen in aane Konserve, hat er gesagt, und er kommt mit aanem Panzer wieder raus! Sie haben aan Schiss vor uns! Alle wie sie da haaßen! Sie haben aan Schiss! – Ach, Jakob! Herjemine! Der Stalin müsste sich ja umdrehn im Grab! – Also, wenn schon, heisert Großvater, dann im Mausoleum! – Na, wenn’s dir Freude macht, Willem! Jedenfalls, wenn der Stalin Schiss hatte vor was, dann vor den Amerikanern. Und wenn die, Willem…! – Die werd’n aber nich! Die husten uns was! – Waal sie aan Schiss haben! – Quatsch! Weil sie nich blöd sind! Weil sie ihr eignes Süppchen… Weil ihr Gerede… wer sind wir denn? Taube Nuss am Faulbaum der Geschichte! Haufen Schutt und Asche! Wer sollte dafür seinen Kopf…? – Himmelherrgottverflucht! bellt der Janottagroßvater. Himmelherrgottverflucht! Dann eben Generalstreik! Oder­ Hungerstreik! Wenn ein ganzes Volk sich weigert…! – Ge­ne­ral­streik? Mit Deutschen? Dass ich nicht lache, Heinrich! Die hab’m schon ihren Kaiser verkauft! – Herrschaften! lässt sich die ruhige Stimme von Kaulitz vernehmen. Herrschaften, wir haben Ausnahmezustand! Also, etwas Mäßi­gung, bitte! – Worüber machst du dir Sorgen, Kauli? Sind wir mehr als drei Personen? Ist das ein öffentlicher Platz hier? – Sind wir aane Kundgebung vielleicht? – Herr­schaften, ihr habt nur euren Kopf zu verlieren, ich meine Lizenz! Also Themenwechsel oder Fenster zu! Im Hof wohnt einer von der Polente! – Na, bleibt nur Weiber oder Wetter, Kauli? Kannst dir’s aussuchen! – Meinjeh, die Herrn Kirchenältesten…! Dann das Geräusch schließender Fensterflügel.

Irgendwas neues, Junge? fragte mich Großvater auf dem Nachhauseweg. Nicht, dass ich wüsste! Die russischen Panzer rolln und rolln, und Amerika wird nicht so blöd sein, wegen Deutschland ‘n lausigen Krieg anzufangen! – Komisch, sagte Großvater, genau das hab ich auch grad gesagt! Und weißte, was der Janottaheinrich gemeint hat? – Keine Ahnung! – Dann eben Generalstreik! – Generalstreik? Mann, wo lebt der denn? Doch nicht mit Deutschen! Großvater strahlte: Genau das hab ich auch gesagt!

Vier Tage später, am Sonntag, waren die Janottabrüder und ich mit Fahrrädern unterwegs. Manchmal zu dritt nebeneinander. Wir hatten uns nichts gedacht dabei, auf keinen Fall provozieren wollen. Wir hatten den Toniwagen einfach zu spät gesehn. Statt einer gebührenpflichtigen Verwarnung, erging die Aufforderung an uns, dem Wa­­gen zu folgen. Er hielt vor einem Polizeirevier in der Glinkastraße. Wortlos führte man uns in einen kahlen Hinterraum, dessen Fenster bis oben vergittert waren. Eine Wolke ätzenden Pissegeruchs schlug uns entgegen. Sie entströmte den Hosen von ein paar Männern, die reglos an der Wand standen. Stellt euch dazu! Gesicht zur Wand! Los, los! – Der Mann, neben den ich mich stellte, nickte fast unmerklich mit dem Kopf. Ich suchte Blickkontakt zu den Janottabrüdern, aber sofort kam das Kommando: Augen zur Wand! – Gehorsam starrte ich auf die rissige Ölfarbschicht vor mir. Stille. Nur das schwere Atmen der Männer war zu hörn und das Geräusch, wenn einer der beiden Aufpasser den Gummiknüppel in die Hand klatschen ließ. Es verriet, wo der Stockmann sich gerade aufhielt: am Anfang der Reihe, in der Mitte oder direkt hinter uns. Er schien zu schleichen oder zu schweben. Manchmal hatte ich das Gefühl, einen kalten Hauch zu spüren, bevor es leise, fast nachdenklich hinter mir platschte. Seine Stimme traf mich unvorbereitet: Umdrehn, ihr drei! – Nacheinander tippte er uns leichthin mit dem Knüppel an, als wären wir Käfer, die sich tot gestellt haben: Drei Um­stürz­ler, wie? Ich hör nichts, Freunde! – Sind doch noch fast Kinder! sagte der Mann, der mir zu­ge­nickt hatte. – Was denn! Was denn! Hier spricht nur einer! Die proletarische Staatsmacht! Also, Schnauze! Er wandte sich uns wieder zu: Ich hör noch immer nichts! – Nein! sagte Henri Janotta. – Was, nein? – Wir sind keine! – Was, keine? – Keine Umstürzler! – Ach! Und zu dritt mit’m Fahrrad nebenein­and­er? Obwohl Ausnahmezustand? Ich nenn das Angriff auf die Ordnung! Umsturz! Provokation! Hat bombig Spaß gemacht, Scheiben einzuschmeißen, wie? – Was für Scheiben? fragte Klaus Janotta unschuldig. – Nu, kommt, kommt! Stellt euch nicht dämlicher, als ihr seid! – Wir hatten Schule! sagte Henri. – Ach! Und danach? Immer schön mitmarschiert mit dem Mob! Arbeiterfeindliche Parolen gegrölt! Stimmt doch, oder? – Klaus Janotta stieß mich heimlich an. Ich verstand sofort, was er woll­te. Ein paar Wochen zuvor, anlässlich von Stalins Tod, hatte ich gewettet mit ihm, dass es mir gelingen würde, dicke Tränen rollen zu lassen. Und wirklich, als wir beim Fahnenappell im Geviert auf dem Schulhof standen, kullerten und kullerten sie. Wie hast du das gemacht, Mann? Zwiebeln! Hab mir saftige geraspelte Zwiebeln vorgestellt! – Was denn? Was denn? Jetzt wird auch noch losgeheult! Fehlt nur noch…! – Wir konnten gar nich mitmarschiern, schniefte ich, wir durften nich raus! Mutter hat uns…! – Seid wohl noch traurig drüber, was? – Nein, sagte ich. – Nein, sagten die Janottabrüder. – Menschens­kinder, um eure Zukunft geht’s doch! Solltet eurer Mutter dankbar sein! Vernünftige Frau das! Und jetzt ab nach Hause! Aber die Räder werd’n geschoben, klar? Ich hör nichts, Freunde! – Ja, murmelten wir. – Na, also!

Ja, das sei schlau gewesen! sagte Meister Lamprecht und nickte mir im Spiegel zu. Das sei sehr schlau gewesen von mir! Man könne den Mächtigen nur begegnen, wenn man mächtiger sei oder listig! Aber was den Hintergrund des siebzehnten betreffe – er beugte sich über mein Ohr und raunte, dieweil sein schnackernder Haar­schnei­deapparat die Rolle einer Wasserspülung übernahm – was den be­treffe, da sage er nur ein Wort: Geheimbünde. Die Bruderschaften. Die Großlogen der Freimaurer. Die Odd Fellows… Sie zögen an den Fäden, nach welchen getanzt werde. Sie seien die wirklichen Herren der Welt. Manchmal im verborgenen, manchmal ganz legal. Aber da seien sie stets. Den Eingeweihten durch gehei­me Zeichen und Losungen erkennbar. Ob mir schon aufgefallen sei, dass wildfremde Menschen sich manchmal anblickten, ein kurzer Blitz des Erkennens aufzucke und sogleich wieder größte Fremdheit herrsche? Ich schüttelte den Kopf. Dann werde es Zeit! Hundertlei Arten von Blicken gebe es: den verliebten, den freundschaftlichen, den interessierten, den ab­gestumpften, den ent­zückten, den erstaunten, den unsteten, den brennenden, den zugewandten, den abschätzenden, den vernichtenden – und diesen einen! Diesen Blick der Blicke! Diesen Blitz bruderschaftlichen Erkennens! Was auch geschehe auf dieser Welt, raunte er, ich könne sicher sein, es habe seinen Beginn und sein Ende im Zentrum dieser blickstiftenden Mächte! Kennen Sie denn einen, der so…? Aber woher denn! Auserwählte seien das! Nach Prinzipien, die völlig im Dunkeln blieben. Zudem verpflichtet zum absoluten Schweigen! Nein, nein! Kennte er einen, er wäre wohl längst kein Frisör mehr! Aber woher wissen Sie dann…? Nun, etwas sickere immer durch! Den Rest freilich könne man nur vermuten und erahnen! Manchmal, raunte er, manchmal frage er sich zum Beispiel, ob nicht Hitler ein Odd Fellow gewesen sei? Auserwählt, um Deutschland klein- und England und Amerika großzumachen? Na, und der siebzehnte Juni­!­ Viel­leicht sei der nichts anderes als das Resultat rivalisieren­der Bruderschaften, wo eine der andern habe Licht ans Fahrrad machen wollen? Oder eine längst gestiftete Weltloge, bestrebt aufzusteigen wie ein Phönix aus der Asche, habe versucht das herrschende Patt… jedenfalls, raunte er, ich könne sicher sein, es sei um mehr gegangen an diesem Tag, als um Spitzbart und ein paar Nor­men.

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