Digitale Intimität

Seit etwa zwei Jahren lese ich fast ausschließlich digital. Ich habe dabei das eigenartige Gefühl, dass das Lesen intimer geworden ist, und insofern auch intensiver als in den Jahrzehnten vorher, in denen ich Papierbücher gelesen habe.

Es ist jetzt kein Gegenstand mehr da, der den Text verkörpern würde. Nur noch der Text selbst, der sich, aus dem Nichts kommend, flüchtig auf dem Display materialisiert. Es bleibt nur das von ihm, was in meinen Kopf gelangt.

The ultimate brainfuck.

Solange man einen Text mit einem physischen Gegenstand identifiziert, kann man ihn sich vom Leib halten. Zum Beispiel, indem man ihn ins Regal stellt. Das ist ähnlich wie das Aufschreiben von Terminen — in dem Moment, in dem man sie einem Notizbuch anvertraut, wird die eigene Erinnerung an sie einen deutlichen Grad schwächer.

Natürlich »gibt« es den digitalen Text auch außerhalb meines Kopfs. Es gibt ihn sogar in einer deutlich verfügbareren, mithin allgegenwärtigeren Weise als ein Papierbuch, nämlich im Netz, also jederzeit, an jedem Ort und mit jedem Gerät abrufbar. Dennoch — da lassen sich ein paar hunderttausend Jahre Menschheitsgeschichte wohl nicht so schnell abschütteln — ist ein physischer Artefakt auf eine völlig andere Art anwesend als das digitale Gewaber, das wir so gerade mit den Zehenspitzen zu betreten beginnen.

Die Intimität wird auch nicht dadurch aufgehoben, dass der systematische, erschließende Zugriff auf den Text ein paar deutliche Verbesserungen erfahren hat. In einem Papierbuch etwas anzustreichen, erschien mir immer barbarisch. Okay, in einem Taschenbuch vielleicht weniger, aber Taschenbücher sind ja für sich selbst schon barbarisch. Als digitaler Leser hingegen kann ich Passagen markieren und diese Markierungen rühren den Text selber nicht an, sie sind nur ein Layer, eine Schicht, die ich darüberlegen und bei Bedarf auch ausblenden kann. Und ich kann mir diese markierten Passagen in einer eigenen Auflistung anzeigen lassen, was sich als eine gute Technik erwiesen hat, etwas Gelesenes noch einmal Revue passieren zu lassen und sich so erneut gegenwärtig zu machen.

Um in der digitalen Intimität bestehen zu können, scheint mir außerdem ein digitales Bücherregal unabdingbar. Während es kaum dazu taugt, die Bücher durch bloßes Anschauen oder gar daran Riechen zu verehren, hilft es doch in einer deutlich funktionaleren, unbestechlicheren Weise dabei, einen Überblick über die eigenen Lesegewohnheiten und das erschlossene Terrain zu behalten.

Vielleicht sollten wir uns fragen, ob wir die Liebe zum Lesen nicht mit der Liebe zu den Büchern verwechselt haben, wie Dan Coxon kürzlich vermutete. Zuzutrauen wäre es uns. Wir haben so eine unausrottbare Schwäche, gute Dinge durch andere Dinge zu ersetzen, die etwas beeindruckender aussehen und dafür etwas weniger gut sind.

Ich bin, abschließend, froh, das Wort E-Book in diesem Text kein einziges Mal verwendet zu haben. Ich kann’s nämlich, ehrlich gesagt, nicht mehr hören. Können wir bitte einfach weiterlesen?

Leave a Reply