Dreißig Lichtjahre und das eine Gedicht

Die Diskussion um das Self-Publishing scheint zur Zeit immer nur darauf hinauszulaufen, ob Autoren damit nun leichter Millionäre werden können als mit einem klassischen Verlag oder nicht. Ich würde eigentlich lieber wissen, ob wir dadurch mehr und bessere Literatur bekommen, und wenn ja, wie.

Immerhin könnte man argumentieren, dass die klassischen Verlage eine entscheidende Gatekeeper-Funktion erfüllen: Durch ihre Qualitätskontrolle sorgen sie dafür, dass der Buchmarkt nicht mit minderwertiger Ware überschwemmt wird, in der kein Mensch mehr die wirklich guten, die öffentlichkeits-würdigen Sachen findet. Wie jeder weiß, der sich mit Literatur beschäftigt, ist der weitaus größte Teil dessen, was Leute schreiben und gern veröffentlicht sehen wollen, tatsächlich unterirdisch.

Und dank des Self-Publishing bricht das alles jetzt über uns herein, ungefiltert?

Immerhin entpuppt sich die Frage Wer soll das denn alles lesen? als irrelevant. In seinem Buch Too Big To Know beschreibt David Weinberger sehr anschaulich, dass die Dimensionen des Überangebotes von Information längst so wahrhaft astronomisch sind (Bücherstapel, die bis zum Pluto wachsen und wieder zurück), dass von einer auch nur überblicks-artigen Kenntnisnahme alles dessen beim besten Willen nicht mehr die Rede sein kann. Macht es da einen Unterschied, ob das Wasser, in dem man ertrinkt, nun drei Meter tief ist oder dreißig Lichtjahre?

Man könnte viel eher umgekehrt argumentieren: Dass die Verlage die Aufgabe hätten, eine Art kanonisierten Diskurs auf einem bestimmten Qualitätsniveau zu etablieren, ist der eigentliche Irrtum. Wie auch immer die Kriterien sind: Was die Verlage aus dem Meer der Information auswählen und abschöpfen, kann auch bei bester Absicht und höchsten Qualitätsansprüchen nur ein willkürlicher, zufälliger und vor allem winziger Ausschnitt sein.

Und da ist noch ein anderer Gedanke in Weinbergers Buch, der schlagartig die Perspektive verändert: dass nämlich Filter in der digitalen Welt anders funktionieren als in der analogen. Wenn ein klassischer Verlag ein Manuskript ablehnt, dann ist dieses Manuskript — solange sich kein anderer Verlag findet — der Öffentlichkeit tatsächlich und vollständig entzogen. Wenn ein Text dagegen von einem digitalen Filter blockiert wird (zu wenig Sterne, zu schlechtes Suchmaschinen-Ranking), dann ist dieser Text gleichwohl immer noch in der Öffentlichkeit. Er ist vielleicht nur einen Klick oder eine etwas anders formulierte Suchanfrage weiter entfernt. Er kann unter anderen Filterkriterien sofort seinerseits hervortreten. Analoge Filter haben demnach eine sperrende, ausschließende Funktion, während digitale Filter nach vorne filtern; sie heben Inhalte hervor.

Es ist offensichtlich, was das für die Bewertung von Literatur, für die Wichtigkeit der Kritik bedeutet. Es führt auch ganz unmittelbar zur Frage nach der Verantwortung des Lesers. Im Netz wird der Leser ganz selbstverständlich zum Hinweiser, dessen Bedeutung in genau demselben Maße steigt, wie die Bedeutung der Verlage abnimmt.

Und der Autor? Dessen Aufgabe ist es, wie immer, das beste zu liefern, wozu er imstande ist. Für den einen mag das bedeuten, seinen stream of consciousness möglichst ungefiltert und real-time ins Netz zu stellen. Der andere mag dreißig Jahre auf das eine Gedicht warten. Die Frage, wo die Qualität liegt, was der jeweilige Autor investieren und wie er vorgehen muss, um zu dem zu gelangen, was nur er zu sagen imstande ist, kann ihm niemand abnehmen. Was dagegen jetzt wegfällt, ist die Notwendigkeit, einen Lektor, einen Verlag von der eigenen Arbeit zu überzeugen — und sie letztlich dazu zu bringen, darauf eine finanzielle Wette einzugehen.

Das macht es zum Teil erfreulich leichter, aber auch nur zum Teil. Schreiben ist immer ein Ringen mit der Öffentlichkeit, und Literatur bedeutet, etwas zu sagen, für das es bisher keine Sprache, und damit keinen Platz in der Öffentlichkeit gab. Der Autor wird sich durch Beharrlichkeit diese Sprache erarbeiten müssen, und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass dieser Kampf jetzt nicht mehr in erster Linie mit Verlagen und Lektoren ausgefochten wird.

Er findet jetzt direkt in der Öffentlichkeit statt — und das klingt eigentlich vielversprechend.

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