Sehr geehrter Michael Krüger,

eigentlich kommt es mir nicht zu, auf Ihre Rede zu den Buchtagen 2012 eine Antwort, eine »Replik« zu schreiben, denn ich habe keinen Namen, weder auf dem Papier noch auf dem Bildschirm. Aber Ihre Rede hat mich erschüttert. Erschüttert, weil ich einen Heidenrespekt vor Ihnen habe als einem großen Verleger und Geistesmenschen, einem homme de lettres. Die Bücher aus Ihrem Verlag haben meine geistige Entwicklung beeinflusst wie kaum etwas sonst auf der Welt. Seit über fünfzehn Jahren lese ich Ihre Literaturzeitschrift, die »Akzente«, durch die ich auf Autoren aufmerksam geworden bin, die ich sonst nie kennengelernt hätte, und ohne die meine geistige Existenz um so vieles ärmer wäre.

Ich bin erschüttert, dass Sie in der Digitalisierung nichts anderes zu sehen vermögen als den Untergang der Kultur.

Wenn eine 25jährige Göre kräht, Kunst sei Scheiße, dann nehmen Sie das als Rechtfertigung, sich in Ihrer Ablehnung des Internet, und der Gegenwart überhaupt, zu verbarrikadieren. Wenn die Utopisten kühne Entwürfe der Datenexistenz an den Himmel zeichnen, dann jammern Sie über den Verlust von Individualität und Kontingenz, als wäre es nicht schon immer die Aufgabe der Kunst gewesen, das Leben in seiner Einzigartigkeit und Störrigkeit aufzuspüren und zu verteidigen, möge sich die Welt auch noch so radikal ändern.

Veränderungen, besonders wenn sie radikal sind, haben es an sich, dass die überkommenen Antworten und Rezepte nicht mehr so recht auf die Realität passen wollen. Also wird überlegt, entworfen, diskutiert. Ihr Beitrag zur Debatte besteht freilich nur darin, dass Sie die Anders-Denkenden, die Neu-Denkenden zu Witzfiguren verzerren, die sich Semmel und Wurst aus gutdotierten Autorenverträgen bezahlen lassen, um weiter kostenlose Musik hören zu können. Und dann erklären Sie, dass leider alles so bleiben müsse, wie es ist: Verleger und Buchhändler müssen schaufelweise Schund unters Volk streuen, um ein paar wenigen Auserwählten die Miete querfinanzieren zu können. Nur so ist Kunst möglich.

Aber da halten Sie inne. Sagen, dass Sie diese reaktionäre Polemik schon vor Monaten geschrieben haben, und dann zerknüllt und in den Papierkorb geworfen. Man atmet auf. Jetzt kommt’s, denkt man.

Stattdessen erwägen Sie, einfach zu schweigen. Fünfzehn Minuten; wenn’s sein muss, fünfundvierzig Minuten lang.

Wow. Der Effekt wäre sicher nicht schlecht gewesen. Leider warten wir auf etwas anderes. Auf Worte nämlich. Ideen. Konzepte. Die Leute, falls Sie es nicht bemerkt haben, hängen an Ihren Lippen und wollen hören, wie unsere Gesellschaft mit der größten technischen Umwälzung seit Erfindung des Buchdrucks umgehen kann. Ohne sich dabei zu verlieren, ohne von Null anfangen zu müssen. Wie wir damit umgehen, dass sich die Musik, der Film, das geschriebene Wort von ihren physischen Trägern lösen und für jedermann überall auf der Welt problemlos und augenblicklich verfügbar werden. Womit wir uns leider, aber unabdingbar, sämtliche Probleme der Lizenzierung, des Kopierschutzes und so weiter einhandeln, mit anderen Worten: wie man mit Dingen umgeht, die man nicht anfassen kann.

Sie, Herr Krüger, müßten uns, die wir vielleicht noch etwas mehr Zukunft haben als Sie, dabei helfen, diese Antworten zu finden. Wir haben sie nämlich nicht.

Aber Sie haben ja auch nicht geschwiegen. Sie haben zum dritten Mal angesetzt und uns erzählt, wie Sie Verleger geworden sind. Wie Sie mit Druckerschwärze an den Fingern in die Freie Universität gegangen sind. Als müßten Sie eine untergegangene Welt beschwören, zählen Sie die Namen derjenigen auf, die Sie verlegt haben und mit denen Sie zusammengearbeitet haben.

Es sind lauter Namen, von denen man bestenfalls Spurenelemente im Internet findet. Wer heute Ilse Aichinger oder Oswald Wiener, Peter Rühmkorf oder Paul Celan, Ingeborg Bachmann oder den großen Elias Canetti auf einem elektronischen Display lesen möchte, fühlt sich ungefähr so, wie sich Wolfgang Hilbig beim Abschreiben der Gedichte im Buchmessen-Kabuff gefühlt haben muss.

Sie schließen Ihren Vortrag, indem Sie uns mit Durs Grünbein daran erinnern, was Poesie ist, die, wenn es ihr gelingt, »hin und wieder das schlagende Bild findet, das auf der inneren Retina bleibt und einen lebenslang schützt und begleitet.«

Pardon, sehr verehrter Michael Krüger, aber das haben wir gewußt. Wir leben davon. Und wir sind, wie alle Menschen vor uns, auf der Suche danach, wissend um seine Kostbarkeit und seine Zerbrechlichkeit. Aber wir suchen danach in einer Welt, die uns, anders als Ihnen, als ein unendlicher Möglichkeitsraum erscheint, und vor der wir uns, anders als Sie, nicht verstecken wollen.

Und genau da läge, möchte ich meinen, Ihre Verantwortung. Ich habe im Internet nur selten etwas gefunden, das es im Niveau mit Ihrer Zeitschrift »Akzente« aufnehmen könnte.

Aber das liegt nicht am Internet.

Es liegt an Ihnen.

Hochachtungsvoll,
André Spiegel

3 thoughts on “Sehr geehrter Michael Krüger,

  1. Für die Sorgen und die Haltung von Michael Krügerhabe ich nicht nur Respekt, teilweise kann ich sie sogar teilen, insbesondere was das Seufzen über das Überhandnehmen von marketinggetriebener Buchpublikation angeht. Dies allein dem Internet zuzuschreiben, ist freilich historische Blindheit. Das Neuronenfutter, was sich bei Hugendubel stapelt und bei Amazon seine außerliterarischen Verkaufstriumpfe feiert, hat eine lange Genesis, die man bis zur Erfindung des Taschenbuchs oder noch weiter zurückverfolgen kann, die aber ihre eigentliche Zuspitzung und Vollamerikanisierung erst seit etwa 15 Jahren erfährt. Und der Witz ist der: Ohne das Netz wäre es noch wüster und leerer. Tatsächlich gibt es heute im Netz und nirgendwo sonst eine so vielgestaltige unterbödige Debatte mit Schriftstellern und über Literatur, die zuvor – in den 80er, 90er Jahren – nur privatissime zu haben war und ab und zu als aufgebauschte Bugwelle in den "leitenden" Feuilletons sich blähte. Da hat vieles, was sonst von heute auf morgen wieder weg ist, auf einmal eine längere Verweildauer. Ich erinnere nur an den Essay von Hanser-Autor Strauss vor einigen Wochen mit ähnlicher Tendenz, wir heutigen lebten in der Leere. Ich hätte den Essay gar nicht lesen können, wenn nicht im Internet. Und auch nur dort konnte ich darüber reden. "Wer sich an technischen Neuerungen berauscht, ist ein Schwachkopf," hieß es da beispielsweise invektiv und ach so leicht umkehrbar. Aber das beiseite gesprochen, ist das Dilemma der Kritik an der Niederschwelligkeit des Netzes einfach dies: Es ist nicht wahr. Die Kritik ist getränkt im Wachs der Borniertheit und sie bleibt es selbst da noch, wo man die Schmerzen darüber teilt, dass wir immer mehr Einbiegen in ein anti-tradionelles Bewusstsein, während gleichzeitig die Literatur sich im Epigonentum suhlt. Die Widerstände dagegen leben aber auch im Netz und nirgendwo mehr. Nicht in der geistig völlig auf den Hund gekommenen ZEIT zum Beispiel. Da findet man mehr Einsicht in den privaten Gedanken auf Blogs, die niemand auf Zeilenzahl und Anschlag und für Geld schreibt. Es ist schade, teilweise leider auch selbstenthüllend (Lewitscharoff in der FAZ), dass einige Köpfe aus dem Mittelraum des literarischen Lebens vor lauter Entwicklungsfurcht ganz blind und ausdrucksschwach geworden sind. So geht das nicht. Mit zugehaltenen Ohren und Augen kommen auch keine guten Bücher zustande.

  2. Eine weise Anmerkung von Ihnen, Herr Ulmer. Man sollte nie vergessen, welche wichtige Funktion für den Fortschritt die Bremser haben. Ich glaube allerdings nicht, dass wir es hier mit einem typischen Generationen-Konflikt zu tun haben. Abgesehen davon, dass Krüger schon zu den Vorvätern gehört – er schämt sich offenkundig fast schon, vor 40-jährigen VerlagsmanagerInnen über die fast naive Begeisterung für Literatur in den 60er und 70er Jahre zu sprechen – abgesehen davon ist auf dem Feld der nachwachsenen Literatur derzeit etwas los, was es so noch nie zuvor gegeben hat, nämlich beinahe so etwas wie ein Hass auf alles, was etwas länger her ist. Zum erstenmal überhaupt sprießen allüberall literarische Talente aus dem Boden, die praktisch nur seitwärts blicken, um ihre Vorbilder und Maßstäbe zu finden, und sehr ungerne oder gar nicht rückwärts. Das hat zwar wenig mit dem Internet zu tun, verdient aber bemerkt zu werden. Selbst im avantgardistsichen Schwung der "kulturrevolutionären" Jahrzehnte gab es keine Autorin und keinen Autor, der nicht wie auch immer sich mit der literarischen Traditon verfädelte und verfädeln wollte. Dieses liebevolle An- und Ablehnen hatte eher etwas von einer klassichen Eltern-Kind-Beziehung – man wetteiferte mit den langweiligen Alten, um sie zu übertreffen. Heute gibt es sozusagen literarische Findelkinder ohne Mutter, ohne Vater. Es interessiert sie kein Flaubert, kein Faulkner, kein Arno Schmidt, sondern nur, was "ich" schreiben oder zusammenschreiben will. Doch auch dies gilt nicht flächendeckend. Es gab und gibt immer eine kleine Armee Einzelner, die ganz anders grübeln, träumen und suchen als der große Haufen. Allerdings glaube ich nicht, dass man sich um die Autoren Sorgen machen muss, sondern nur um die Leser, den "Markt", die Nachfrage. Wir leben – das klingt bei Krüger ziemlich komisch, die Wendung über die "niederen Innstinkte", aber völlig verkehrt ist es nicht – wir leben psychoanalytisch betrachtet in entsublimierten Zeiten. Der Sublimationszwang geht gegen Null, damit besteht sozusagen immer weniger Notwendigkeit, die Lust zu sublimieren. Kultur ja bitte, aber ohne Unbehagen. Das geht bis in die Sprache hinein, die sich umso besser verkaufen lässt, je mehr sie dem Leser "Lust bereitet", z.B. durch Komik, durch seichtes Parlando, durch die Abschaffung der Einlagerungen der lateinischen Grammatik in die deutsche Sprache oder was auch immer dem Lustgewinn entgegensteht. Der Witz ist nur der, wie ich schon oben sagte: Diese Entwicklung wird vom Internet weniger gefördert als gespiegelt. Und die Gegenkräfte werden überall schwächer – in den Feuilletons, auf den Buchmessen, in den Verlagsregimen, außer im Internet. Da findet sich in vielen Ecken noch genau das literarische Leben, das Krüger heute vermisst. Wenn Vorvater Krüger das sehen könnte, wäre ihm wohler ums Herz. Und für die Geschichten, die er schon den heutigen Verlagsmanagern nicht mehr zumuten mag, für die fände er im Netz noch Zuhörer.

  3. Vielen Dank, lieber Matthias Ulmer, für diesen Kommentar. Dass die digitalen Aktivitäten bei Hanser viel größer sind als ich gedacht habe, lasse ich mir gerne gesagt sein. Meine eigene "Recherche" hat eher darin bestanden, vom Ergebnis her zu schauen und da gibt es meiner Erfahrung nach eben nicht nur Lücken sondern eine regelrechte Wüste, und ich konnte auch keinerlei Anstalten erkennen, diese Wüste mit Leben zu füllen. Beispiel Canetti; einer der wichtigsten Autoren des Verlags, der absolut fehlt. Rechtliche Gründe?Ich kann auch verstehen, dass man für die Digitalisierung der ganzen Bestände eine lange Zeit brauchen wird. Aber dann ist da zum Beispiel Susan Sontag, deren Tagebücher in diesem Jahr erscheinen. Im US-Markt ganz selbstverständlich sowohl auf Papier als auch elektronisch, bei Hanser hingegen: nur gedruckt. Auch hier rechtliche Gründe?Es mag ja sicher sein, dass Michael Krüger eine andere Perspektive hat. Seine Rede auf der Tagung klang aber nicht so. Und sie wurde nicht nur von mir, sondern auch von vielen anderen so verstanden, dass hier einer der wichtigsten Verleger in Deutschland den Stab über die Digitalisierung bricht: Internet macht blöde, Piraten sind irre, früher war alles besser, und deswegen bleibt da, wo wir etwas zu sagen haben, alles so, wie es ist.Gerade den Punkt, dass das Interesse an Literatur heute nachgelassen hätte, hat Fritz Iversen ja hier in den Kommentaren zu widerlegen versucht. Es gibt dieses Interesse, und es ist vielleicht sogar intensiver als früher, aber es findet in einer Form statt, die jemand wie Michael Krüger nicht mehr wahrnehmen kann. Und das ist — für mich — das eigentlich traurige.

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