Wie ich Catharina Bredehöft fand

Seine ehemaligen Mitschüler auf Facebook zu treffen, ist eine Sache. Aber die eigene Ur-Ur-Ur-Großmutter im Internet aufzuspüren, ist etwas ganz anderes.

Das älteste Dokument, das ich im Nachlaß meiner Oma gefunden habe, ist die Geburtsurkunde meiner Ur-Ur-Großmutter, Adelheid Wedekind. Sie wurde 1855 in Deinste, einem kleinen Flecken südlich von Stade, geboren.

Es gibt Fotos von ihr. Eins zeigt sie als junge Frau, vielleicht fünfundzwanzig. Das muß also um das Jahr 1880 gewesen sein. Ein schmales, schönes Gesicht, das aus einem hochgeschlossenen Tüllkragen emporragt. Offener Blick, die leicht hochgewölbte, linke Augenbraue: eine Spur keck vielleicht, mutig.

Adelheid

Auf einem anderen Bild, da ist sie schon über sechzig, steht meine Oma als Dreikäsehoch neben ihr: Schleife im Haar, ein Körbchen mit Feldblumen in der Hand. Meine Ur-Ur-Großmutter sitzt daneben und schaut direkt in die Kamera. Ihr Kopf ist größer geworden, die Stirn breiter im Verhältnis zum Kinn, die hohen Wangen treten noch deutlicher hervor. Es ist derselbe Blick wie auf dem früheren Bild, nur wie durch vierzig Jahre gefiltert. Sie ist 1943 gestorben, ein paar Wochen nach dem verheerenden Luftangriff auf das nahegelegene Hamburg.

Ihre Eltern waren, so steht es in Handschrift auf der Geburtsurkunde,

der Häusling Georg Christian Wedekind und dessen Ehefrau Catharina Christine Margaretha, geborene Bredehöft.

Urkunde

Ich habe im Netz nach allen möglichen Varianten dieser Namen gesucht. In genealogischen Datenbanken wie RootsWeb wurde ich auch tatsächlich fündig. Die Bredehöfts, so stellte sich heraus, sind ein weitverzweigter Familienclan, der seit einigen hundert Jahren in der Gegend südlich von Stade ansässig ist. Leider war Catharina im 19. Jahrhundert einer der häufigsten Mädchennamen, und so fand ich nicht weniger als vier oder fünf Catharina Bredehöfts, die in der fraglichen Zeit und Gegend als meine Ur-Ur-Ur-Großmutter in Frage kamen.

Ich brauchte noch irgendeine zusätzliche Information. Die fand ich, etliche Google-Suchen später, im Verzeichnis der Heiraten im Kirchenbuch der Stadt Harsefeld. Ein gewisser Heino Buckstöver hat dieses und noch viele andere Kirchenbücher in mühevoller Kleinarbeit transkribiert und ins Netz gestellt. Dort, zwischen hunderten anderen Einträgen, stand es:

19.10.1845 Georg Chr. Wedekind + Catharina Chrst. M. Hastedt * Bredeh.

Sie war also vorher schon einmal verheiratet gewesen, und aus dieser ersten Ehe trug sie den Namen Hastedt. Mit dieser Information konnte ich sie in einem völlig anderen Dokument wiederfinden, der Chronik der Bredehöfts. Das ist eine große Textdatei, in der die Abstammung von einigen hundert Personen verzeichnet ist, und die unter der Adresse www.bredehoefts.de im Netz gestanden hatte. Hatte, weil man sie zu dem Zeitpunkt, als ich nachschaute, aus datenschutzrechtlichen Bedenken wieder entfernt hatte.

Ich fand noch eine Kopie im Google-Cache.

Und dort war sie: Catharina Christina Bredehöft, geboren am 23.3.1813 in Ahrensmoor, Heirat am 2.12.1836 mit Claus Hastedt, der am 17.12.1844 starb. In der Datei war ihre, und damit meine Abstammung bis in das Jahr 1608 zurückverfolgt.

Dieses Erlebnis war der erste »Treffer«, mit dem ich die mir physisch, in Form greifbarer Dokumente vorliegende Familiengeschichte an den umfassenderen Kenntnisstand anderer Datenbanken anschließen konnte. Es war auch der bisher weitreichendste: über zweihundert Jahre und sieben Generationen zurück. Inzwischen gab es weitere »Treffer«, die hier oder da den Baum um einige Personen ergänzt haben.

Ich finde es, abgesehen von dieser persönlichen Entdeckerfreude, bemerkenswert, wie sich hier im Bereich der Genealogie eine Entwicklung wiederholt, die heute in allen Bereichen zu beobachten ist, in die das Internet Einzug hält.

Da ist zunächst die Demokratisierung des Zugangs. Dadurch, dass Privathaushalte seit den neunziger Jahren an einem weltweiten Datennetz angeschlossen sind, explodieren die Möglichkeiten des Informationsaustauschs. Zunächst sind es individuell gestaltete Webseiten, die über gewöhnliche Suchmaschinen auffindbar sind, durch die jeder Interessierte Zugang zu Datensätzen bekommt, die man früher einzeln, mit Taschenlampe und zwischen Spinnweben, aus den Archiven zutage fördern musste. Kurze Zeit später entstehen, meist wieder aus dem Enthusiasmus einzelner geboren, freie Dienste, die das neu erschlossene Terrain systematisieren. Dazu gehören Datenbanken wie das deutsche GedBas oder das internationale RootsWeb, die jedem Nutzer ermöglichen, seine Stammbaum-Daten öffentlich sichtbar einzustellen und per Suche mit den Daten anderer zu verknüpfen. Durch die Leichtigkeit des Zugangs steigt das Interesse auch an einem eher esoterischen Gebiet wie der Genealogie, so dass die dritte Stufe einsetzt: die Kommerzialisierung. Marktführer ist hier das amerikanische ancestry.com, wo man mit einer schicken App für Android und iPhone seine Familiengeschichte eingeben kann, die dann auch für andere auffindbar und durchsuchbar ist. Aber, und hier setzt die Kommerzialisierung ein: Das Recht, in den Daten anderer Nutzer suchen zu dürfen, kostet Geld, und zwar den recht hohen Monatsbeitrag von über dreißig US-Dollar für einen weltweiten Zugang.

Nun ist gegen das Geldverdienen im Internet nichts einzuwenden; ich wünschte mitunter nichts sehnlicher, als dass sich die Dienste, die ich nutze, nur endlich direkt von mir bezahlen ließen, statt unter der Hand meine Daten weiterzuverkaufen oder mich mit Werbung zu bombardieren, um ihr Fortbestehen zu ermöglichen. Trotzdem erscheint es merkwürdig, dass ancestry.com ausgerechnet damit Geld verdient, dass es den Zugang zu Informationen einschränkt, die von anderen Nutzern unentgeltlich eingestellt wurden.

Immerhin kann man bei ancestry.com die eigenen Daten nach wie vor importieren und exportieren, wobei das Standard-Format GEDCOM verwendet wird, das alle namhaften Genealogie-Programme und Datenbanken verstehen. Ich will hoffen, dass es so bleibt. Ich will auch gerne den einen oder anderen monatlichen Beitrag bei ancestry.com bezahlen, schon alleine, um das wirklich gut gemachte Web-Interface und die Android-App nutzen zu können.

Aber vor allem will ich hoffen, dass meine Vorfahren nicht eines Tages in einem Datensilo verschwinden.

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