Put an orange hat on

Wer hätte gedacht, dass der Spaziergang über die Felder am Donnerstag — Thanksgiving — der einzige ausgedehnte und unschuldige bleiben würde? Das ausgewaschene Grün der Wiese, die klare Bläue des Himmels drüber, die graue Schraffur der blattlosen Bäume. Stehendes Wasser in einer Mulde. Bachlauf zwischen verdorrten Hochgräsern, glitzernde Lichtreflexe. Verstörend die Abwesenheit aller Insekten.

Ich kannte die Hochsitze natürlich, war auch auf einen mal raufgeklettert. Und in der letzten Woche, nachdem ich abends eine ganze Weile auf dem freien Feld herumgelaufen war, mir über die Landschaft den Kopf zerbrechend, hatte ich schließlich einen kleinen Geländescooter neben dem größten der Hochsitze entdeckt, und dass da wohl auch jemand drin war. Ich war etwas peinlich berührt weitergegangen, das Feld auf dem schnellstmöglichen Weg verlassend, und auf einem anderen Weg, der nicht mehr in Reichweite der Hochsitze lag, ins Dorf und zum Haus zurück. Nicht nur, dass der in dem Hochsitz vermutlich eine halbe Stunde lang die Hände gerungen hatte. Es war ja wohl auch davon auszugehen, dass ich mindestens eine Weile lang im Fadenkreuz eines schussbereiten Gewehrs gewesen war. Die Eingeweide krampften sich etwas zusammen bei dem Gedanken.

Kenntnisse eines Stadtmenschen. Ich nahm an, dass die Jäger wenn, dann nur in der Dämmerung auf der Lauer lägen. Was sich am Freitag mittag als falsch erwies. Ich war gerade so ungefähr bis zur Mitte des Feldes gekommen — wieder diese gewölbte Horizontlinie, dieses merkwürdige, wie soll ich sagen, Kraftfeld zwischen Himmel und Erde — als ich fast gleichzeitig aus dem Augenwinkel den Scooter neben dem großen Hochsitz sah, und wie aus dem anderen Hochsitz gleich vor mir jemand in einer signalroten Weste herunterkletterte und auf mich zukam, eine Gewehrtasche über der Schulter.

Wir hoben beide die Hand, als Zeichen, dass es zu reden gab.

Freundliche Vorstellung, Nennung des Namens, Handschlag. Täte mir leid, wenn ich störe; wohl gerade keine gute Idee, hier langzulaufen? I wouldn’t do it without an orange vest on, und wies auf seine. Sei die Jagdsaison, bis zum zweiten Sonntag im Dezember, nur am Wochenende wären sie hier. Letzte Woche, hätte man ihm erzählt, sei auch schon jemand hier lang gelaufen, er vermute…? Kurze Klärung der Eigentumsverhältnisse — ihm gehöre der hintere Teil des Feldes, auf dem wir standen, und zu mir, und dem vorderen Teil des Feldes: Do you own it?No, just renting.Put an orange hat on, sagte er noch, undefinierbar, nicht unfreundlich, als wir uns abwandten.

Das nächste Mal ging ich bei Nacht. Es war sternklar, und ich hatte den Feldstecher dabei. Auf dem Fußweg die Anhöhe hinauf reicht es schon, das Display vom Smartphone einzuschalten und damit zu leuchten. Die nächsten ein, zwei Meter des Weges sind dann so gerade erkennbar, mehr ein Gradient in der Helligkeit, der aber ausreicht, dass man nicht abkommt vom Weg. Auf dem freien Feld kann man ja gehen, wohin man will. Und ja, die Sterne sind, wo sie sein sollen: Orion im Osten schon aufgegangen, gekippter als aus Mitteleuropa gewohnt. Das Sommerdreieck mit Deneb, Vega und Altair niedrig im Westen. Merkwürdig, die paar wenigen, bekannten Orte mit dem Feldstecher abzuschwenken: Pleiaden natürlich, und weiter. Die Hyaden, ja. Andromeda senkrecht über mir, mit dem bloßen Auge ein vager Nebelfleck, mit dem Feldstecher ein etwas weniger vager Nebelfleck. Für die Jupitermonde reicht’s nicht, der Feldstecher in der Hand ist zu unruhig.

Und dann, von irgendwoher aus der Dunkelheit, das Schnauben von Damwild (ein Ausdruck, der kenntnisreicher klingt, als ich bin). Muss ziemlich nah sein. Nochmal. Ein flatterndes Geräusch, man glaubt förmlich, den kondensierenden Atem zu sehen. Aber sieht natürlich nichts. Muss sehr nahe sein. Was also tut ein Hirsch in der Dunkelheit, der mich vermutlich sehen kann, mit einem frei auf dem Feld stehenden Menschen? Vom Überranntwerden bis zur mystischen, streichelnden Kommunion zwischen Mensch und Tier scheint einiges möglich. Entschließe mich, das Flashlight am Smartphone einzuschalten, die gleißend helle LED, die den Akku mit einem Prozent pro Minute leersaugt. Das Licht erhellt einen Sektor von vielleicht zehn, zwanzig Metern Tiefe und wird dann von der Dunkelheit einfach verschluckt. Nur Gras, es sieht aus wie ein Glasfasergewebe in dem Licht. Kein Geräusch.

Auf dem Rückweg die Anhöhe hinunter, wieder nur mit Displaylicht, halte ich einmal kurz inne. Als hätte ich, hinter mir den Weg runterkommend, Hufgetrappel gehört. Nein. Einbildung. Wenn gegenüber, auf der anderen Seite des Tals, ein Auto mit Fernlicht über die Kuppe kommt, werfe ich kurz einen deutlichen Schatten. Als würde mich jemand aus nächster Nähe mit einer Taschenlampe anstrahlen. Auch das ist nicht so.

Am nächsten Tag — das war gestern — ging ich noch bei Tageslicht, eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang. Schließlich hatte auf der Webseite gestanden, dass Jagen im Staate New York nur zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang erlaubt sei, und ein bißchen was wollte ich schließlich auch noch haben von der Landschaft. — Und du würdest ernsthaft dein Leben darauf verwetten, dass »Sonnenuntergang« wirklich den astronomischen Sonnenuntergang bedeutet, und sich die Jäger an die Bestimmungen halten?— Es ist ja nicht Krieg. Die zielen ja nicht absichtlich auf Menschen. Sie müßten erstens wider Erwarten noch da sein, mich zweitens in der fast-schon-Dunkelheit sehen, mich drittens fälschlicherweise für ein Reh halten, viertens, obwohl sie nicht genau sehen, was es ist, abdrücken. Und fünftens treffen. Pah.

Ich nehme sicherheitshalber den Feldstecher mit. Auf der Anhöhe angekommen, wo noch ein einzelner niedriger, inzwischen kahler Baum zwischen mir und dem freien Feld steht, halte ich. Spähe durch das Astwerk des Baums hindurch auf die andere Seite des Feldes, wo der eine der beiden Hochsitze ist. Nehme den Feldstecher. Ist das der Hochsitz? In der Dämmerung ist es kaum auszumachen. Ich gehe noch ein paar Schritte weiter, neben den Baum, knie mich hin, so dass die Wölbung des Feldes mir immer noch gegen die andere Seite Deckung gibt. Schaue mit dem Feldstecher dicht über die Kuppe hin, und tatsächlich, da ist der Hochsitz. Mehr ein Bretterverschlag in dem Baum. Und es scheint niemand drin zu sein. Natürlich. Die Luft ist rein.

Bin ich denn wahnsinnig?

Ich beschließe, dass der Weg die Anhöhe hinauf, dieser Korridor, der im Sommer wie eine Schneise durch den Urwald war, vor Insekten nur so summend, und wo jetzt die Gräser verdorrt und geknickt in den Matsch neben dem Weg gedrückt liegen, für heute genug Landschaft ist und gehe ins Dorf zurück, sehr sorgsam darauf achtend, mich nicht zu früh wieder aufzurichten. Nicht, bevor ich ganz in der Deckung bin.

Als ich das Haus fast wieder erreicht habe, raschelt es neben dem Weg im verdorrten Gras. Ich bleibe stehen. Wieder. Drehe mich um. Kaninchen, Fuchs vielleicht. Klatsche versuchsweise in die Hände. Nichts. Kein fluchtartiges Gewuschel im Gras. Einfach nichts. Gehe weiter aufs Haus zu. Und da raschelt es wieder.

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