Soziale Medien, mystisch gesehen

Alexander Pschera, 800 Millionen: Apologie der sozialen Medien. Matthes & Seitz, Berlin, 2011.

Man ist ja froh, wenn abseits der ganzen Privacy-Unkerei jemand darangeht, sich mit dem Netz intellektuell — und gar: philosophisch — auseinanderzusetzen. Wenn Philosophie draufsteht, kann freilich eine Menge drin sein, bis hin zu dem ungünstigsten Fall, dass jemand die Regler für Pathos und Metaphysik auf zehn stellt und munter drauflos schreibt. Bei Alexander Pschera passiert das zum Glück nicht, obwohl es manchmal zum Verwechseln danach aussieht.

Es passiert nicht, weil der Text stringent ist und auf ein klares Ziel hinaus will. Es passiert doch, weil man eine Menge metaphysischer Grundannahmen dem Autor einfach abkaufen muss, damit der Laden in Gang kommt — zur Disposition gestellt werden sie nicht.

Die zentrale These des Buchs ist diese: Die sozialen Medien sind keine Mode, denn dann würden sie wieder vorbeigehen, sondern sie sind modern, weil sie den Menschen in seiner metaphysischen Bestimmung anrühren und weiterbringen. Diese metaphysische Bestimmung ist — auch Pschera führt sie in Anführungszeichen ein — die »Liebe«.

Nun weiß man, dass Philosophen, wenn sie von »Liebe« reden, nicht das meinen, was wir alle sofort denken, sondern irgendeinen nebulösen, weiter gefaßten Begriff. Erklärt aber wird das hier nicht, und es wird auch nicht begründet, warum diese »Liebe« nun die Bestimmung des Menschen sein soll — es christelt ein wenig im Gebälk. Man muss sich darauf einlassen, und sei es in einer suspension of disbelief.

Tut man das aber, dann begegnet man einer Reihe von Gedanken, die es sich durchaus lohnt, im Kopf zu behalten: Zum Beispiel die These, dass das Netz die Fortsetzung der Urbanität mit anderen Mitteln ist, die wahre Metropolis, nachdem die physischen Metropolen bereits ihr Wachstum — qualitativ zumindest — vollendet haben. Dieser Gedanke führt Pschera auch zum Wiederlesen von Poes großartiger Erzählung »Der Mann der Menge«, die vor diesem Hintergrund fast schon unheimlich hellsichtig wirkt. Auch die Frage, was für eine Art von Masse die 800 Millionen bei Facebook sind, wird zumindest angerissen.

Aber ach, Facebook… der Autor kommt unverkennbar von dort, und es wäre wohl eine eigene Untersuchung wert, warum die Intellektuellen eigentlich alle bei Facebook aufschlagen und das viel spannendere Twitter bestenfalls als Zaungast beäugen. So auch hier. Zwar fördert Pschera die wirklich schöne »Zwitschermaschine« von Paul Klee zutage — ohne Zweifel die Blaupause von Twitter —, aber in seiner Analyse dessen, was Twitter eigentlich ist, greift er doch mehrere Dimensionen zu kurz. Er sieht eine Utopie des »Tirillierens« sich abzeichnen, eine subversiv-chaotische Form der Kommunikation, die das theatralische Verständnis der Wahrheit in etablierten Machtstrukturen unterläuft. Er übersieht dabei zum Beispiel, dass Twitter ebenso ein hochpräzises Informationsmedium ist, und über den Verweis auf externe Inhalte eine Art informations-logistischen Kitt des Netzes schlechthin darstellt.

Was außerdem stutzen läßt, ist die mindestens zweimal vorgetragene Behauptung, das Netz sei reine Gegenwart, es kenne keine Erinnerung und das Auswischen von Einträgen auf der Facebook-Pinnwand sei ein unwiderruflicher Akt (und ebendeshalb sei das soziale Netz der Liebe angemessen, die nur die Gegenwart kennt). Dabei ist es ja gerade umgekehrt: Das Neue, das mit dem Netz über uns hereingebrochen ist, und zu dem wir uns zu verhalten lernen müssen, ist, dass das Netz niemals vergisst und alles aufbewahrt bleibt. Das Vertrauen in die Löschfunktion von Facebook insbesondere zeigt eine Naivität, die einem Intellektuellen vielleicht zuzutrauen, aber nicht zu erlauben ist.

Nichtsdestotrotz, der Beitrag zur Privacy-Diskussion hat es wiederum in sich:

Vollendet Liebende haben genauso wenig eine Privatsphäre wie Heilige. Alles, was Heilige und Liebende tun, darf und muss sich als exemplum anschauen lassen. Das ist das utopische Gesetz von Facebook. (93)

Und schließlich, auf einer der letzten Seiten, dieses Resümee:

Die grundsätzliche Ablehnung der Technologie des sozialen Netzes ist eine Reduktion des Lebens selbst. [...] Der aufgeklärte Mensch, der Facebook für die Inkarnation des Bösen hält, offenbart nur den Groll, den er selbst schon lange gegen das Leben hegt, das ihm nun endgültig als schillernde, vielarmige und vielgesichtige Gottheit vor der Nase herumtanzt. (104)

Ja, auch so kann man es wohl sagen.

5 thoughts on “Soziale Medien, mystisch gesehen

  1. Wenn die "Bestimmung" des Menschen die metaphysisch verstandene "Liebe" ist, dann wird man fragen müssen, ob das Web die Erlösung darstellt bzw. verspricht (Aufgehen in der Totalität von Beziehungen, doch ob die immer liebend sind…?!), die Unsterblichkeit (wenn es doch "nichts vergißt…) – und letztlich approximativ allgütig, allwissend und sogar allmächtig wird, mithin göttlich. Oder doch eher ein globales Ameisennest.

  2. Eine so aufgeplusterte Begrifflichkeit lädt natürlich zum Fantasieren ein. Danke aber für das "Bestimmung" in Anführungszeichen; ich hab’s daraufhin nochmal nachgeschaut und: Es steht tatsächlich nicht im Text. Da ist unter anderem nur von "Mission" die Rede. Was es nicht besser macht.

  3. Man kann begrifflich-metaphysisch schon aufdrehen, wenn man ein bestimmtes "Setting" anstrebt. Warum spricht er eigentlich von einer "Apologie"? Wenn die Masse sowieso schon überzeugt bzw. tätig ist? Weil er intellektuelles Nasenrümpfen konstruiert oder rekonstruiert – und nicht gelten lassen will? (Aber warum wird er dann weniger/nicht apologetisch, wenn es ums Twittern geht, insofern oder falls das intellektueller ist?)P.S.: Gutes Thema, gute Rezi, falls ich das noch erwähnen sollte … ;-)

  4. Den Titel Apologie habe ich gewählt, weil die Zustimmung zu den sozialen Medien ja eher eine unbewußte ist und die intellektuelle Auseinandersetzung eher ein kritische. Im Raum der Vernunft herrscht Kulturpessimismus. Apologetik ist daher nötig.Zum Liebes-Begriff: Ich bin mir der sphärischen Verwendung des Wortes durchaus bewußt, halte es aber für notwendig, die grundsätzliche Sehnsucht nach dem Anderen, die sich in den sozialen Medien wie in allem Sozialen ausspricht, zu benennen. Auch wenn dann Liebe als Sehnsucht nach Gemeinsamkeit "nur" Nicht-Allein-Sein-Wollen angesichts des Todes bedeutet.Danke für das genaue Lesen!Alexander Pschera

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