Energie: Eine Frage der Perspektive

(There is also an english version available.)

Als ich in den siebziger und achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts aufgewachsen bin, war »Energie« das, womit Papas Auto fährt und wodurch es im Winter zuhause warm ist. Allerdings unkte man damals, dass diese Energie irgendwann, möglicherweise schon bald, aufgebraucht sein könnte, und dann wären wir ziemlich arm dran und müßten uns mit Windmühlen und Solarzellen behelfen, die nie auch nur annähernd so effizient sein könnten wie die »richtige« Energie.

Es hat mehr als dreißig Jahre gedauert, bis ich gelernt habe, dass es gerade andersherum ist. Ich verdanke das vor allem den Büchern von R. Buckminster Fuller, die mein Nachdenken über Energie und über unsere Zivilisation mehr verändert haben als irgendetwas zuvor. Heute sind Fullers Einsichten in weiten Bereichen längst im Mainstream angekommen und gelten als offensichtlich. Dennoch treffe ich in Gesprächen immer wieder auf Menschen, die von Fullers Überlegungen genauso verblüfft sind wie ich es war, als ich zum ersten Mal damit konfrontiert wurde. Ich will darum versuchen, eine kleine Zusammenfassung seines Argumentationsgangs zu schreiben, unterfüttert mit ein paar Links, um Fullers Argumente zu belegen.

Es gibt keine Energiekrise, nur eine Krise der Unwissenheit. – R. Buckminster Fuller

Fast die gesamte Energie, die uns auf der Erde zur Verfügung steht, kommt aus einer einzigen Quelle: der Sonne. Während unsere Wissenschaftler bislang vergeblich versuchen, das Feuer der Kernfusion zu entfachen, haben wir bereits einen funktionierenden Fusionsreaktor direkt vor unserer Haustür. Er befindet sich in einem komfortablen Sicherheitsabstand von 150 Millionen Kilometern von uns, und wir sind durch einen raffinierten, ausgeklügelten Schutzschirm vor den gefährlichen Anteilen seiner Strahlung geschützt: den Van-Allen-Gürtel. Dieser Fusionsreaktor produziert Abermilliarden mal mehr Energie, als unsere Zivilisation jemals nutzen könnte. Selbst der winzige Anteil dieser Energie, der unsere kleine blaue Murmel namens Erde trifft, ist einige tausend mal größer als der gegenwärtige Weltenergieverbrauch.

So gut wie alle Formen der Energie, die wir kennen, sind mehr oder weniger indirekte Formen dieser Sonnenenergie. Wind ist Luft, die von der Sonne unterschiedlich stark erwärmt wurde. Wenn wir Propeller in diesen Luftstrom stellen, dann benutzen wir die Atmosphäre wie eine Art gigantische Turbine, die von der Sonne angetrieben wird. Wasserkraft (hydroelektrische Energie) entsteht durch Wasser, das von der Sonne verdampft wurde, um dann als Regen oder Schnee auf geringfügig höherem Niveau wieder abgelagert zu werden.

Fossile Brennstoffe (Kohle, Gas, Öl) sind die konzentrierten Überbleibsel der Photosynthese. Feuer ist, wenn sich die Sonne von einem Baumstamm abspult, wie Fuller es ausdrückte. Es ist eine gespeicherte Form von Sonnenenergie. Tatsächlich ist es eine hochkonzentrierte Form von Sonnenenergie, deren Aufbau Millionen von Jahren dauerte. Das ist der Grund, warum sie so bemerkenswert effizient ist, und warum es so einfach ist, die Energie aus dieser Form der Speicherung freizusetzen. Die Vorräte an fossilen Brennstoffen sind jedoch endlich, und ihre Menge ist winzig verglichen mit dem, was die Sonne uns jeden Tag vor die Tür liefert. Es ist eine meiner Lieblingszahlen: Die Menge aller noch in der Erdkruste befindlichen fossilen Brennstoffe entspricht etwa zwanzig Tagen Sonnenschein.

Man kann fossile Brennstoffe daher als eine Art »Kick Starter« für eine Zivilisation betrachten: sehr einfach zu aktivieren und zu benutzen, aber nur in sehr geringer Menge vorhanden. Es scheint gerade genug von ihnen zu geben, damit eine Zivilisation die Technik entwickeln kann, um die wirkliche Quelle der Energie anzuzapfen: die Sonne selbst.

Photovoltaische Zellen heutiger Technologie, verteilt über eine Fläche von etwa der Größe Deutschlands oder Pennsylvanias, würden den Weltenergiebedarf decken, wenn sie sich in der Nähe des Äquators befänden. Man gehe ein bißchen vom Äquator weg, mache sie ein bißchen größer und verteile sie ein wenig über die Erde, und unsere Energieversorgnung ist gesichert. Es ist richtig, dass einige Probleme noch gelöst werden müssen: Zum Beispiel brauchen wir bessere Kurzzeit-Speicher für elektrische Energie, damit Sonnenenergie besser auf der Nachtseite der Erde genutzt werden kann. Manche unserer Technologien müssen umgestellt werden, damit sie durch Elektrizität anstatt durch Verbrennungsmotoren angetrieben werden können. Das alles ist vorstellbar, machbar mit nur sehr geringer Erweiterung unserer gegenwärtigen technischen Möglichkeiten.

Das, was wir Kernenergie nennen, ist hingegen eine recht merkwürdige Art, Energie aus Materie freizusetzen. Der Brennstoff von Kernspaltungsreaktoren (Uran) ist ebenfalls eine indirekte Form von Sonnenenergie. Uran ist ein schweres Element, das in den Fusionsreaktoren mehrerer Generationen von Sternen über mehrere Milliarden Jahre hinweg erzeugt wurde. Auch aus dieser Form der Speicherung können wir die Energie freisetzen, aber das erzeugt Stoffe, die für uns hochgefährlich sind, und mit denen wir bislang in keiner Weise umgehen können — außer sie möglichst tief in der Erde zu vergraben und zu vergessen. Ich finde, das klingt nicht sehr überzeugend.

Es ist richtig, dass die Technik uns eines Tages ermöglichen könnte, das Problem der nuklearen Abfälle zu lösen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass die technologische Lücke, die wir schließen müßten, um die direkte Sonnenenergie tragfähig zu machen, sehr viel kleiner ist als die Lücke, die einer langfristigen Nutzung der Kernenergie im Wege steht. Angesichts der Tatsache, dass wir geradezu ertrinken in einer Form der Energie, die einfach so auf uns herunterscheint, halte ich es für offensichtlich, welches die vernünftigste Technologie ist, in die wir investieren sollten.

Als mir diese Dinge klar wurden, fand ich es zunehmend merkwürdig, wenn nicht sogar irreführend, dass wir Energieformen wie Wind, Wasser, und auch die Sonnenstrahlung selbst als »erneuerbare Energien« bezeichnen. Es klingt wie eine Verlegenheitslösung, als wären sie ein Notbehelf und ein armseliger Ersatz für die »richtige« Energie, die uns leider abhanden gekommen ist. Dabei ist es ja gerade umgekehrt: Fossile Brennstoffe sollten als das bezeichnet werden, was sie sind: eine vorläufige Energie, ein Kick Starter, um das nächste Level zu erreichen. Wirkliche Energie gibt es auf der Sonne, unserem großen Fusionsreaktor am Himmel, und das noch ein paar Milliarden Jahre lang.

Wie bereits erwähnt, verdanke ich diesen Gedankengang im wesentlichen den Büchern von R. Buckminster Fuller. Als Einstieg empfehle ich sein Hauptwerk »Critical Path«, und da besonders das Einleitungskapitel. Hier sind seine Ideen am besten entwickelt, die Summe eines lebenslangen Nachdenkens. Leider gibt es das Buch nur auf Englisch. Ebenfalls sehr zu empfehlen ist »Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde«, das sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch verfügbar ist (sogar im Volltext online). Allerdings erreicht es nicht ganz die Exzellenz von »Critical Path«.

Eine sehr ausführliche Besprechung von »Critical Path«, einschließlich langer Passagen aus dem Buch selbst, findet sich hier (ebenfalls englisch).

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