Tunnel durch Raum und Zeit

Aus aktuellem Anlaß hier meine Rezension zu Rüdiger Vaas’ Buch “Tunnel durch Raum und Zeit”, erschienen bei Frankh-Kosmos im Jahr 2005, in überarbeiteter dritter Auflage im März 2010. Schon beim ersten Erscheinen war dieses Buch absolut bleeding edge, und selbst wenn es nicht aktualisiert worden wäre, hätten wir heute immer noch ein topaktuelles Werk vor uns.

Was passiert im Innern Schwarzer Löcher? Kann man vielleicht doch schneller fliegen als das Licht? Könnte es Zeitreisen in die Zukunft oder in die Vergangenheit geben? – Das sind die Fragen, denen Rüdiger Vaas in seinem Buch nachgeht.

Zwei Verdachtsmomente lassen sich dabei sofort entkräften. Erstens: Dies ist keine der üblichen Publikationen zum Einstein-Jahr, in denen altbekanntes zum soundsovielten Male populärwissenschaftlich aufgewärmt wird. Die Daten der zitierten Konferenzbeiträge, die Tatsache, dass manche der Aufsätze zum Zeitpunkt der Drucklegung noch gar nicht veröffentlicht waren, weisen das Buch vielmehr als eine Bestandsaufnahme der aktuellen, vordersten Forschungsfront aus. Zweitens dürfte man schlecht beraten sein, die Fragen nach Überlichtgeschwindigkeit und Zeitreisen als exotische Spinnerei abzutun. Einstein selber war noch in den dreißiger Jahren überzeugt, dass seine Theorien niemals auch nur die geringste praktische Bedeutung für das Leben der Menschen haben würden. Und jeder, der heute mit einem GPS-Empfänger im Auto herumfährt, widerlegt ihn darin.

Schwarze Löcher stellen die Physik vor unangenehme Fragen. Wenn Materie, die in ein Schwarzes Loch stürzt, unwiderbringlich verloren wäre, hätten fundamentale Erhaltungssätze keine Gültigkeit mehr. Was zunächst wie eine nur buchhalterische Frage aussieht, könnte letztlich das gesamte Gebäude der Physik zum Einsturz bringen. Es war darum auch Gegenstand der publikumswirksamen Wette, die Stephen Hawking im Jahr 2004 verloren gab. Das erste Kapitel erläutert auf exzellente Weise die Hintergründe dieses Disputs.

Ein verwandtes Thema ist die Barriere der Lichtgeschwindigkeit, deren Unüberwindlichkeit inzwischen ebenfalls in Frage gestellt wird. Vaas zeigt, dass interstellare Reisen (oder ein überlichtschneller Mikrochip) im Rahmen der modernen Physik zumindest als denkmöglich erscheinen, basierend auf der Idee, dass man zwar den Raum nicht überlichtschnell durcheilen kann, sehr wohl aber die Geometrie des Raums verändern könnte – auch wenn es bislang aufgrund astronomischen Energiebedarfs nicht praktikabel ist.

Da aber Abkürzungen durch den Raum denkbar sind, ist es nur konsequent, zu überlegen, ob die Zeit ähnliche Abkürzungen erlaubt. Dies ist das Thema des dritten Teils, der die größte Herausforderung an unseren Alltagsverstand darstellt, stößt man doch sofort auf Probleme wie das Großmutter-Paradoxon (Was passiert, wenn ein Zeitreisender in der Vergangenheit seine eigene Großmutter ermordet?). Eine Möglichkeit, mit solchen Problemen umzugehen, ist, sie zunächst mit Mitteln der Literatur zu sondieren – so wie etwa Jules Verne die zu seiner Zeit utopisch erscheinende Möglichkeit des Raumflugs literarisch auslotete. Und so zeigt Rüdiger Vaas, dass die anspruchsvolle Science-Fiction-Literatur das Problem der Zeitreisen bereits mit beeindruckender Vollständigkeit durchgespielt hat. Vaas erweist sich auch hier als exzellenter Kenner der Materie und stellt die entsprechenden Quellen mit großer Sorgsamkeit zusammen. Das Kapitel ist insofern das kühnste und spannendste dieses Buchs, das insgesamt einen hochaktuellen und wohltuend untypischen Beitrag nicht nur zum Einstein-Jahr darstellt.

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