Keiner davon ist witzig (2015-12)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren.

Dies ist die zwölfte Ausgabe von »Keiner davon ist witzig«, mit Tweets aus dem Dezember 2015.

Wenn das Wort Gott in einem Satz vorkommt, übersehen wir die schlimmsten logischen und moralischen Patzer darin. Es dauert so lange, bis man die Unverschämtheit dieses »eine Tür schließen, aber ein Fenster öffnen« überhaupt wahrnimmt. Da leistet dieser Tweet wertvolle Nachhilfe. Nachdem man es einmal gesehen hat, kann man es nicht mehr nicht gesehen haben.

Die Digitalisierung ist schuld: Unsere Aufmerksamkeitsspanne verkürzt sich, wir lesen lieber Tweets als Literatur und verblöden darüber. Vielleicht ist es aber auch so: Wenn Leute sich durch das Netz von den Büchern abhalten lassen, dann sind es entweder schlechte Leser, oder die wichtigen Dinge passieren gerade nicht in den Büchern, sondern im Netz.

Wenn jemand behaupten würde, er könne keine vernünftigen Gedanken mehr denken, weil er ständig Fußball gucken oder Alkohol trinken müsse, würden wir das bedauern und uns Leuten zuwenden, die sich besser konzentrieren können. Wer es nicht schafft, seine Aufmerksamkeit zu bündeln, dem fehlen entscheidende kulturelle Grundtechniken.

Wenn sich die Aufmerksamkeit der Menschen dagegen flächendeckend und nicht nur in Einzelfällen anderen, seltsamen, neuen Dingen zuwendet, dann sind diese anderen Dinge vielleicht einfach spannender und wichtiger. Dass bei so einem Umbruch einiges durcheinandergerät, ist nicht überraschend. Das Niveau, das vor dem Umbruch erreicht war, muss unter geänderten Voraussetzungen erst neu erarbeitet werden. Die Menschheit ist noch nie fundamental und unwiderruflich verdummt, höchstens vorübergehend.

Das einzige, was nicht funktionieren wird, ist, so zu tun, als wäre gar nichts passiert. Buchhandlungen sind ein typischer Ort, an dem sich dieses Gefühl einstellt, und das ist wohl kein Zufall. Autoren, die sich in der klassischen Verlagswelt etablieren konnten, haben naturgemäß ein geringes Interesse, sich mit der veränderten Welt auseinanderzusetzen.

Ich habe das Gefühl, noch nie so viel von der deutschen Katastrophe begriffen zu haben wie in diesen ersten Monaten des amerikanischen Wahlkampfs. Eine Geschichtsstunde, live.

Was mir am meisten Angst macht, ist das offensichtliche Aushebeln der Rationalität. Noch vor drei Jahren habe ich getwittert, dass der Medienzyklus jetzt so aussieht: Ein Politiker lügt – er besteht auf der Lüge – erst wenn alles nichts mehr hilft, zieht er die Lüge zurück – der Politiker weiß: die Menschen glauben weiterhin die ursprüngliche Aussage. Inzwischen sind die Schritte drei und vier obsolet geworden, es ist möglich, faktisch und nachweisbar die Unwahrheit zu sagen und dabei zu bleiben und damit durchzukommen.

In der Schule fand ich logisches und wissenschaftliches Denken die langweiligste Sache überhaupt, weil ja schließlich klar ist, dass man so denken muss. Inzwischen sieht das weniger selbstverständlich aus. Und das schlimme ist: Man kann für rationales Denken nicht mit rationalen Mitteln argumentieren.

Die erste Duineser Elegie, getwittert. Ich verstehe das auch als Einleitung zum Tweet von @milch_honig weiter unten.

Genau mein Gedanke, als ich die letzten beiden Male an Särgen stand. Wie ordentlich und anschaubar so ein Leben wird, in dem Moment, wenn es aufhört.

Ein interessanter Ausdruck: unproblematische sexuelle Erlebnisse. Ich glaube, ich habe noch nie ein unproblematisches sexuelles Erlebnis gehabt. Harmlose gibt es, und an denen ist genau ihre Harmlosigkeit das Problem. Solche, die nicht harmlos sind, gibt es auch, und deren Wucht und Zerstörungskraft ein Problem zu nennen, klingt selber verharmlosend. Sex is a Nazi, keiner hat das besser ausgedrückt als Les Murray.

Aber hier ist ja auch nur von einem Wunsch die Rede. Gegen den dürfte eigentlich niemand was haben, klar.

Ein horizontaler Fahrstuhl, sehr gut.

Schscht! Das dürfen wir noch nicht laut sagen. Es gibt noch zu viele, die das als Bestätigung nehmen würden, dass das mit der Digitalisierung doch ein Irrweg war. Und damit richten sie dann noch größeren Schaden an.

Wahrscheinlich hat uns die Leichtigkeit, mit der bislang völlig undenkbar erscheinende Dinge möglich wurden, geblendet. Suchanfragen über Milliarden Seiten, schneller als eine Sekunde. Pings in die Wüste von Australien, die in derselben Zeit um den Erdball laufen, kostenlos. Alle Musik der Welt in der Hosentasche.

Darüber könnten wir übersehen haben, dass die Etablierung einer digitalen Kultur nicht mit derselben Leichtigkeit, nicht einfach von selbst passieren wird, auch wenn die so entstehende Kultur alles, was vor ihr war, wie eine unaussprechliche Zeit des Mangels erscheinen lassen wird. Aber das wird Arbeit kosten und Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte dauern, und vieles wird dabei verlorengehen. Vielleicht läßt sich, wenn man sich darüber im Klaren ist, manches davon verhindern.

Es gab eine Zeit, als die Geburtsjahrgänge derer, die auf sich aufmerksam machten, kleiner waren als meiner: 1965, 1967, 1968. Das war in den frühen Neunzigern, und es fühlte sich wie ein Countdown an, ein Versprechen, aber auch eine bange Erwartung, dass und wie und ob es mit einem selbst losgehen würde. Dann das Zusammenzucken, als die ersten Zahlen kamen, die gleich oder sogar größer waren: 1969, 1972, 1970. Frühreife, klar. Sondergenies. Man selber hatte Zeit verloren, verschwendet, war noch mit Aufholen beschäftigt, würde sorgfältiger reifen als die andern, aber dann. Aber dann. Irgendwann, als die Zahlen 1975, 1978 kamen, dann das erste Mal eine mit einer acht vorne, war klar, dass die Rechnung nicht stimmte. Der Countdown war alleine über die Nullmarke gelaufen, man saß nicht drin in dem Raumschiff. Es war eine kurze Zeit im Leben, als Jahreszahlen so elektrisieren konnten. Eine schöne Zeit, und sie kommt nie wieder. Erst danach ist man zu jung für Literaturwettbewerbe.

Das Publikum muss überwunden werden

1

Bevor das Lesen, das Schreiben und die Öffentlichkeit digital wurden, waren die Verhältnisse schwierig, aber übersichtlich. Die Verlage hielten die Schlüssel zur Öffentlichkeit in den Händen. Schreiben durfte, wer einen Verleger von sich überzeugen konnte. Zum Führen der Bezeichnung Schriftsteller war man allerdings erst berechtigt, wenn man es schaffte, vom Schreiben zu leben – was ungefähr darauf hinauslief, im Jahr ein paar tausend Bücher zu verkaufen. Alternativ konnte es aber auch sein, dass ein Verleger so sehr von einem Autor überzeugt war, dass er ihn querfinanzierte. Er verhalf dem Autor also zu einem Lebensunterhalt, obwohl seine Bücher nicht die dafür nötige Breitenwirkung erreichten.

Das alles ist Vergangenheit. Die quasi-religiöse Funktion des Verlegers, der Einlass gewährt oder verweigert, existiert nicht mehr, seit das Veröffentlichen nur noch ein Knopfdruck ist, der jedem jederzeit zur Verfügung steht. Wobei das natürlich eine Verkürzung ist. Niemand, der sich heute ein Blog oder einen Twitteraccount anlegt, hat deswegen morgen irgendwelche Leser. Eine Öffentlichkeit hat, wer sich in der digitalen Welt bewegt wie ein Fisch im Wasser. Das Interesse an dem, was in dieser Welt passiert, muss größer sein als das Ziel, jemandem etwas verkaufen zu wollen. Was wegfällt, ist die Hürde des Eintritts. Gehen muss man den Weg allerdings schon noch.

2

Wir wissen, anders als jede Autorengeneration vor uns, wesentlich besser Bescheid darüber, wann, wo und von wem wir gelesen werden. Nicht aufgrund monatlicher Verkaufszahlen, auch nicht indirekt durch Rezensionen oder Einladungen zu Lesungen, sondern in Echtzeit. Wir sehen die Augen auf unseren Texten. Was macht das mit uns?

»Das Publikum muss überwunden werden, weiter nichts«, schreibt Jean Paul. Ich übersetze mir das so: Jeder Autor will einerseits Leser gewinnen und ihnen gefallen. Andererseits soll er, bitteschön, genau das sagen, was er zu sagen hat, ohne sich darum zu kümmern, ob sich dafür Leser finden oder nicht. Wer sich als Autor zu früh oder zu eindeutig auf eine der beiden Seiten schlägt, wird schlecht schreiben. Literatur ist immer der Versuch, für etwas Sprache zu finden, für das es bisher keine Sprache gibt. Es ist der Versuch, in der Öffentlichkeit Dinge zu machen, die man bisher da nicht machen konnte.

Die Tatsache, dass wir als Autoren zum ersten Mal sehen, wer uns liest, wieviele uns lesen, wann, und von wo, macht diesen Konflikt schärfer, als er je gewesen ist. Das ist ein Fortschritt.

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»Die berühmten Menschen freuen sich nicht darüber, wenn ihre Fotos in Zeitschriften erscheinen, sondern sie haben Angst, ihre Fotos könnten aufhören, in Zeitschriften zu erscheinen«, schreibt David Foster Wallace.

Die Lektüre der Zugriffszahlen meines Blogs gehört zu meinen liebsten Beschäftigungen. Es ist schön, wenn aus zehn Lesern mit der Zeit zwanzig werden, oder wenn der Link eines reichweitenstarken Accounts plötzlich hundert oder tausend hereinspült. Gleichzeitig ist der Kater vorprogrammiert, wenn die Zahlen am nächsten Tag wieder fallen. Man wird unruhig und fragt sich, ob man den Faden verloren hat, oder ob man störrisch bleiben und den Lesern gelassen beim Abwandern zusehen sollte.

Diese Gefühle sind dieselben, egal ob die Zahl von zehn auf zwanzig steigt, und dann wieder fällt, oder von hunderttausend auf zweihunderttausend. Entscheidend ist der Gradient. Daraus folgt auch: Wer sich darüber beschwert, zu wenige Leser zu haben, der wird sich, wenn ihn die ganze Welt liest, über zu geringe Geburtenraten beklagen.

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Weil die Einstiegshürden weggefallen sind, werden es immer mehr, die schreiben. Die kreative Aneignung und Erschließung der Welt steht an der Spitze der Bedürfnispyramide. Jeder Mensch hat das Bestreben, diese Höhe zu erreichen, und je mehr es tatsächlich schaffen, desto besser steht es um die Zivilisation. Es steht auch besser um die Literatur, denn wenn es ihre Aufgabe ist, die Welt größer zu machen, indem sie Dinge sichtbar und sagbar macht, die das vorher nicht waren, dann bedeutet mehr Literatur mehr Wirklichkeit, und je mehr Wirklichkeit, desto besser.

Es bedeutet allerdings auch, dass nicht mehr jeder von allen gelesen werden kann. Schon in der Zeit der Verlage war das natürlich so, aber wenn man die Augen ein bisschen zusammenkniff und sich gehörig durch das Feuilleton benebeln ließ, konnte man sich noch halbwegs darüber hinwegtäuschen. Dieser Zug ist endgültig abgefahren.

5

Ein bisschen Mathematik könnte helfen, um abzuschätzen, was wir von einer Aufmerksamkeitsökonomie erwarten können. Wieviele wird es geben, die schreiben, und wieviele werden sie lesen? Es versteht sich dabei von selbst, dass man diese Rechnung auch für Musik, bildende Kunst usw. aufmachen könnte, aber hier geht es, modellhaft, um die Literatur.

Wieviel kann ein Leser lesen? Ich schätze, es sind etwa zehn bis hundert Autoren, die ein einzelner Leser ernsthaft und aufmerksam verfolgen kann. Ein paar echte Leseratten mögen mehr schaffen, aber der Durchschnitt dürfte ungefähr in dieser Größenordnung liegen.

Wieviele dieser Leser kommen auf jeden Autor? Im Extremfall könnte man von der völligen Identität der beiden Mengen ausgehen: Jeder, der sich ernsthaft für Literatur interessiert, schreibt auch selber. Es ist überhaupt nicht möglich, das eine ohne das andere zu tun. Das andere Extrem wäre, dass eine große Menge von Nur-Lesenden einem kleinen Häuflein von Autoren gegenübersteht. Wir dürfen dabei nur nicht die klassische Verlagslandschaft mit ihren Einstiegshürden extrapolieren: Jeder, der schreiben will, kann das inzwischen tun.

Ist eine Zahl von zehn reinen Lesern auf jeden Autor realistisch? Oder hundert? Oder tausend? Das würde immerhin bedeuten, dass die Spitze der Bedürfnispyramide, der eigene kreative Ausdruck, nur zehn, einem, oder einem zehntel Prozent der Bevölkerung vorbehalten wäre. Es könnte natürlich auch sein, dass diese Nur-Lesenden anderswo kreativ sind.

Irgendwo zwischen diesen Extremen liegt jedenfalls die Wahrheit. Im einen Fall, der Identität zwischen Autoren und Lesern, kommen wir auf zehn bis hundert Leser pro Autor. Im anderen Fall, wenn das Publikum deutlich größer ist als die Menge der Schreibenden, sind es zwischen hundert und hunderttausend Leser für jeden Autor (jeder Leser liest zehn bis hundert Autoren, und es gibt zehnmal bis tausendmal mehr Leser als Autoren).

6

Diese Zahlen sind interessanterweise vollkommen unabhängig davon, wie groß die absolute Zahl der Autoren und Leser ist. Es könnte sich um ein kleines Häufchen verschrobener Literaturinteressierter handeln, ein halbes Prozent der Gesellschaft, oder um die flächendeckende, kulturelle Mindestaustattung jedes Haushalts. Für die Milchmädchenrechnung entscheidend sind nur die Mengenverhältnisse, nicht die absoluten Zahlen. Das ist eine direkte Folge des Verschwindens der Mangelökonomie der Verlagswelt.

7

Natürlich stimmt die Milchmädchenrechnung nicht. Sie geht davon aus, dass jeder Leser aus der Menge der Autoren zufällig seine zehn bis hundert herauspickt. Tatsächlich aber wird Aufmerksamkeit aggregiert. Selbst dann, wenn die Mangelökonomie der Verlagswelt überwunden ist und die Zahl der Autoren nicht mehr künstlich beschränkt wird, gelingt es manchen Autoren, mehr Leser anzuziehen als andere. Das kann daran liegen, dass sie besser schreiben als die andern. Oder einfacher. Oder anziehender, im Sinne eines höheren Unterhaltungswerts. Es können auch, völlig unabhängig von der Qualität dessen, was ein Autor schreibt, rein meteorologische Effekte in den Informationsströmen sein, die dafür sorgen, dass sich die Aufmerksamkeit an manchen Punkten konzentriert und andere auslässt.

Trotzdem hat diese aufmerksamkeits-kommunistische Milchmädchenrechnung etwas für sich, nämlich als Abschätzung und Korrektiv. Wer weniger als zehn Leser hat, kann noch nicht von Öffentlichkeit sprechen. In einer perfekten Welt wird niemand mehr als hundert Leser haben. Und wer mehr als ein paar tausend hat, begeht aufmerksamkeits-kapitalistische Ausbeutung. Das kann gerechtfertigt sein – es wäre fatal, die Möglichkeit, berühmt zu werden, zu unterdrücken –, aber um von Zivilisation zu sprechen, müssen wir anstreben, dass möglichst viele Stimmen von möglichst vielen gehört werden.

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Es ist offensichtlich, dass literarische Arbeit damit keine ökonomische Existenz mehr begründen kann. In Ausnahmefällen mag das funktionieren, aber rein mathematisch und zivilisatorisch müssen wir hoffen, dass es nicht zuviele von diesen Ausnahmen gibt. Denn insgesamt sind es einfach zuviele, die schreiben, und zuviele, die gehört werden sollten. Vom Schreiben leben zu wollen, ist, als würde man sich für das Atmen bezahlen lassen.

Es ist auch weiter kein Verlust, wenn das nicht mehr geht. Novalis sagt einmal irgendwo, jeder Mensch müsse in sich selbst eine ganze Gesellschaft sein: Polizist, Lehrer, Toiletten-Entstopfer, Politiker, Kindergärtner und Altenpfleger. Ein erfülltes Leben wäre eins, das möglichst viele dieser Rollen eingenommen hat.

Mit anderen Worten, jeder sollte so ziemlich alles machen, außer vom Schreiben zu leben.

Keiner davon ist witzig (2015-11)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren.

Dies ist die elfte Ausgabe von »Keiner davon ist witzig«, mit Tweets aus dem November 2015.

Die Publikumsbeschimpfung läuft vermutlich darum so gut auf Twitter, weil sie genau diejenigen, gegen die sie gerichtet ist, als Follower anzieht. Sie immunisieren sich durch das Trotzdem-Folgen gegen die Beschimpfung, was zu einer Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls führt. Als Strategie, um besonders intelligente Follower zu finden, ist die Beschimpfung wohl eher weniger geeignet.

So bedenklich, elitaristisch, unverschämt dieser Tweet auch daherkommt, finde ich ihn dann doch wieder interessant, weil er an den Vorschlag von Kevin Kelly erinnert, dass in der Aufmerksamkeitsökonomie eigentlich Autoren ihre Leser bezahlen sollten und nicht umgekehrt.

Bester Kommentar zum Anbruch der Herzchenzeit auf Twitter. Es bleibt ja ein Trost: Die fortschreitende Infantilisierung wird notwendig eine Gegenbewegung zur Folge haben. Wir können uns also schon jetzt auf die Entstehung von Diensten und Orten freuen, die wieder geeigneter für Erwachsene sind.

Eine Frau aus dem Sexgewerbe schrieb neulich über ihre Verwunderung, was für Almosen es oft sind, die Männer als sexuelle Dienstleistung bekommen, gemessen an dem Spektrum dessen, was Sexualität alles sein kann. Und dass viele Männer selbst für diese Almosen dankbar – zu Tränen dankbar – sind.

Ein bisschen weitergedacht, heißt das wohl, dass es nicht möglich ist, Mensch zu sein, ohne sich zum Richter über Leben und Tod aufzuschwingen. Die Entscheidung, Kinder zu haben oder nicht, ist so ein Richterspruch. Vegan oder nicht vegan. Die Entscheidung über den eigenen Tod, oder den eines Angehörigen.

Ich habe den Eindruck, dass uns das Ende eines Lebens nicht weniger merkwürdig, unbegreiflich, und ja: überraschend erscheint als sein Anfang. Daran muss nichts geheimnisvoll mystisches sein. Unser kognitiver Apparat ist einfach nicht darauf ausgelegt, genausowenig wie er Zeitzonen oder Quantenphysik verstehen kann. Auf das Ende eines Lebens reagieren wir mit irrationaler Trauer, nicht weniger irrational als die Freude, mit der wir auf seinen Anfang reagieren, einschließlich des Über-den-Haufen-Werfens aller Prioritäten, die man vorher hatte.

Ein Tweet wie ein Ventil, erkennbar am hohen Herz-Wert. Man möchte die Hände ringen vor Hilflosigkeit. Dabei sehe ich nicht unbedingt, dass es genau diese drei Regeln sind, die den deutschen Angstraum gewissermaßen als Koordinatensystem aufspannen. Es sind drei zufällige, wenn auch treffende Verallgemeinerungen.

Ich habe das Gefühl, dass ich als jemand, der nicht mehr in Deutschland wohnt, auch das Recht verliere, Deutschland sozusagen von innen heraus, an seinen empfindlichsten, hässlichsten Punkten zu kritisieren. Das wäre Foulspiel. Jedenfalls hat sich nach einem halben Jahrzehnt Amerika meine Perspektive verschoben. Es ist nicht mehr, dass mir Amerika mit seinem digitalen Pulsschlag als besonders schnell erscheint, sondern es wirkt inzwischen völlig normal auf mich, während Deutschland im Bedenkenträgertum zu erstarren scheint. Es wird auf unerklärliche Weise immer langsamer; ich spüre etwas, das ich am ehesten als Vitalitätsdefizit beschreiben würde.

Aber das wollte ich ja nicht. Foul! Ich will versuchen, es wiedergutzumachen, indem ich die drei Bereiche aufzähle, in denen mich Deutschland nach wie vor beeindruckt, vielleicht sogar immer stärker beeindruckt, je länger ich es von außen sehe.

Erstens, dass die deutsche Polizei in einem Jahr nicht mehr als neunzig Schüsse abgibt. Wobei die Hälfte davon Warnschüsse sind. Das erscheint mir, verglichen mit der amerikanischen Ballerei, als ein enormes Niveau von Zivilisation.

Zweitens: Die Idee, das ganze Land vollständig auf erneuerbare Energie umzustellen, wäre German engineering at its best und würde dem Rest der Welt buchstäblich die Kinnlade runterfallen lassen.

Drittens, dass in Deutschland niemand bankrott geht, weil er krank wird.

Vielleicht das bisher überzeugendste Kompliment des digitalen Zeitalters.

Das lassen wir dann mal so stehen.

Ich verstehe vermutlich zuwenig von Medientheorie für diesen Satz. Aber was mir auffällt, ist, dass sich das Wort Internet leichter streichen lässt als andere Wörter. Zuerst sagt man, man habe etwas »im Internet gelesen«, dann, man habe es »auf Facebook gelesen«, und schließlich hat man es einfach nur gelesen. Das Internet zeichnet sich, mit anderen Worten, durch eine starke Tendenz aus, völlig unsichtbar zu werden, also indistinguishable from magic, wie Arthur C. Clarke es nannte.

Ein wunderschöner Tweet. Erst war ich misstrauisch, ob er nicht einfach witzig wäre, so ein Kalauer, hintergründig vielleicht, aber trotzdem ein Kalauer. Aber dann habe ich, zur Probe, vorsätzlich über ihn zu lachen versucht, und das ging nicht, das Lachen blieb mir – nicht im Hals stecken, sondern wurde aufgesogen von dem Tweet und ich blieb allein mit dem LKW, nein, der Erinnerung an ihn.

 

Und dabei steh’ ich doch so auf Glamour.

Intelligenz, sozusagen die Taktfrequenz und den Verschaltungsgrad des Gehirns, kann man tatsächlich nicht beeinflussen, wenn wir von biochemischer Manipulation mal absehen. Ändern lässt sich allerdings, was man damit tut. Es gibt durchaus intellektuelle Leistungen, vor denen ich großen Respekt habe. Dazu gehört, erstens: Belesenheit, oder sagen wir besser: ein unstillbares Interesse an Dingen, egal aus welcher Richtung und in welcher Form. Das Bestreben, die eigene Welt immer größer zu machen. Das steht in scharfem Gegensatz zu Menschen, die zwar hochintelligent sind, aber deren Weltradius immer gleich bleibt. Und zweitens: die Fähigkeit, eigene Meinungen und Überzeugungen zu ändern. Das sind die schmerzhaftesten, schwierigsten und lohnendsten Denkprozesse, die ich kenne. Üblicherweise dauern sie Jahre.

Aber es ist richtig: Man kann nicht beschließen, diese Dinge zu wollen. Insofern sind auch sie keine Leistung. Aber nur insofern.

Keiner davon ist witzig (2015-10)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren.

Dies ist die zehnte Ausgabe von »Keiner davon ist witzig«, mit Tweets aus dem Oktober 2015.

Es ist erstaunlich, dass die technischen Möglichkeiten einer Plattform noch überhaupt nichts darüber aussagen, wie wir diese Möglichkeiten nutzen werden. Es ist überall möglich, Bilder zu teilen, aber nur auf Instagram bildet sich eine eigene Bildsprache und visuelle Subkultur heraus. Das Unbehagen bei vielen Twitter-Replies kann ich nachvollziehen. Gleichzeitig geht es mir bei Facebook überhaupt nicht so. Die Kommentare dort haben einerseits nicht wie bei Twitter das Problem, dass sie mit dem ursprünglichen Beitrag konkurrieren (wo sie in der Regel nur verlieren können), andererseits sind diese Kommentare oft der Keim zu wirklich guten Diskussionen, was ich auf Twitter noch fast nie erlebt habe. Der soziale Subtext unter den technischen Features ist komplex und selbst für die Plattformbauer kaum vorherzusehen oder zu steuern.

Hoppla. Wollen wir wirklich verschiedene Ebenen der Bedürfnispyramide gegeneinander ausspielen? Ich glaube nicht, dass es eine sinnvolle Frage ist, wieviele Schriftsteller die Welt braucht. Ich würde näherungsweise sagen: Soviele wie möglich. Wenn das Ziel der Literatur ist, die Welt größer zu machen, indem sie Dinge sagbar und sichtbar macht, die das vorher nicht waren, dann liegt es in der Natur der Sache, dass wir soviele Schriftsteller wie möglich brauchen, und jeder zusätzliche Mensch, der die Bedürfnispyramide soweit erklimmt, dass er kreativ zu werden vermag, ist ein Gewinn.

Es werden auch immer mehr. Und das vor allem darum, weil die Einstiegshürden weggefallen sind – es sind nicht mehr Verlage, die darüber entscheiden, wer reden darf und wer nicht. Auch das ist fraglos ein Gewinn. Was wir dagegen keinesfalls brauchen, sind mehr Leute, die »vom Schreiben leben« wollen. Ich habe diesen Ausdruck einige hundert Male zu oft gehört, besonders in der Form der Klage, man müsse doch eigentlich vom Schreiben leben können, aber könne es aufgrund der Ungerechtigkeit der Gesellschaft nicht. Nein, es sind einfach zuviele, die schreiben sollten, als dass sich daraus eine wirtschaftliche Existenz begründen ließe. Das ist etwa so, als wollte man sich dafür bezahlen lassen, dass man atmet.

Es gibt eine schöne Stelle bei Novalis (leider digital nicht auffindbar), wo er sagt, jeder Mensch müsste in sich selber eine ganze Gesellschaft sein – jeder ein Polizist, Lehrer, Toiletten-Entstopfer, Politiker, Kindergärtner und Altenpfleger. Ein Leben wäre erfüllt zu nennen, das möglichst viele dieser Rollen eingenommen hat. Wir brauchen also nicht mehr Krankenschwestern als Schriftsteller, sondern mehr Krankenschwestern, die schreiben.

Schöner Anschluss zum vorigen Tweet. Ich habe noch nicht viele Situationen erlebt, in denen es zu einer erfolgreichen Deckung zwischen meiner Arbeit im Blog und einer realen Begegnung kam. Man, also jedenfalls ich, schreibt ja gerade, um endlich die Dinge sagen zu können, für die im Gespräch sonst kein Raum ist. Das wird durch das Schreiben auch nicht besser, nur dass, im glücklichen Fall, die Dinge wenigstens gesagt sind.

Klug, nur wäre die Frage, was daraus folgt. Die Überzeugung, dass alle Uniformen eigentlich nichts sind, und man sie daher wo immer möglich ignorieren sollte? Oder das Erstaunen über eine tiefe, fast magische Kulturtechnik? Immerhin ist auch Star Trek nicht ohne Uniformen denkbar.

Allein über diese schöne Verfremdung von TCP/IP kann ich mich tagelang freuen. Die beiden Abkürzungen stehen für die Basisprotokolle des Internets (Transmission Control Protocol / Internet Protocol), die im Jahr 1969 erfunden wurden. Es gab eine Zeit in meinem Berufsleben, Anfang der neunziger Jahre, als man bei Netzwerkprojekten noch dazusagte, ob sie »auf der Basis von TCP/IP« oder einer anderen Protokollfamilie, zum Beispiel DECnet, gebaut werden sollten. Im Jahr 1990 wurde »oberhalb« von TCP/IP das World Wide Web und das Hypertext Transfer Protocol (HTTP) erfunden, und kurze Zeit später hatte es den Anschein, als würde mit dem Netz überhaupt nichts anderes mehr außer HTTP gemacht, obwohl Puristen nicht müde wurden, darauf hinzuweisen, dass es auch noch andere Protokolle gibt, zum Beispiel SMTP für das Verschicken von E-Mail.

Inzwischen scheinen wir wieder an einem Phasenübergang zu sein; wir kennen die Geschichten von Menschen, die Facebook benutzen, aber vom Internet noch nie etwas gehört haben. Wir halten solche Geschichten in der Regel für alarmierend und haben Angst vor der Beherrschung der einst offenen Technologie durch einen einzigen Konzern. Aber vielleicht ist es auch einfach so, dass durch Facebook eine Art Identitäts- und Sozialprotokoll über das Netz gelegt wird, das sich organisch durchsetzt, ob uns das gefällt oder nicht. Die paar sang- und klanglos gescheiterten Alternativprotokolle der letzten Jahre, von Diaspora über Google+ zu Ello haben jedenfalls gezeigt, dass sich neben Facebook vorerst keine weitere Sozialplattform etablieren kann, und selbst Twitter wird nur mit Glück etwas wie der kleinere Teil eines Doppelsternsystems bleiben.

Und näherungsweise, für alle praktischen Belange, stimmt es dann, dass Tisipii Eipii dasselbe wie Facebook ist. Das entscheidende ist, dass diese Entwicklung nicht nach unserer Meinung über sie fragt. Wir werden kein anderes Sozialprotokoll als Facebook mehr bekommen, und es ist gut und realistisch, sich damit abzufinden und darauf einzustellen. Und auch darüber wird die Welt nicht untergehen.

Fast alles, was die Religionen über Gott behaupten, ist so unlogisch und bei näherem Hinsehen unverständlich, dass es erstaunlich scheint, wie lange man braucht, um diese Unstimmigkeiten überhaupt nur zu sehen. In meinem Fall bestand der wesentliche Schritt in den Unglauben in der Entscheidung: Wenn das, was die Religionen über Gott behaupten, wahr sein sollte, bin ich dagegen. Dieser Tweet, der die Frage auf eine absurd-poetische Ebene hebt, ist einer der bemerkenswertesten Beiträge zum Thema, den ich je gelesen habe.

O ja. Wobei es mir selber schon reicht, wenn ich zu Hause was Rezeptives machen kann. Eine halbe Stunde mit einem Buch schlägt jede Lesung, zehn Minuten selbstbestimmtes Herumsuchen im Internet jeden Vortrag und erst recht jede Podiumsdiskussion. Das heißt: nicht ganz. In vielen, vielleicht in jeder Veranstaltung gibt es so etwas wie einen Erfahrungskern, der durch nichts zu ersetzen ist. Ich bin zum Beispiel sehr froh, dass ich Imre Kertész mal auf einer Lesung gesehen habe. Das fügte dem Bild, das ich von ihm habe, ein wesentliches Element hinzu, das auf keinem anderen Weg zu erhalten gewesen wäre. Es ist nur, dass dieser Erfahrungskern, der reinen Informationsmenge nach, vergleichsweise bescheiden ist. Mit anderen Worten: Eine halbe Stunde mit einem Buch von Imre Kertész bringt immer noch wesentlich mehr als eine Lesung von ihm, auch wenn die Lesung etwas liefert, das anders nicht zu bekommen ist. Weswegen ich dann meistens doch lieber zu Hause bleibe.

Ich möchte das umdrehen. Der Versuch, den Staat daran zu hindern, Daten zu sammeln, oder sich in anderswo gesammelte Daten Einsicht zu verschaffen, wirkt – nicht böse sein – putzig auf mich. Sie zu sammeln ist eines der wesentlichen Dinge, die man mit Daten tun kann; erst dadurch entfalten sie überhaupt ihren Nutzen. Das Netz ist eine einzige große Datensammlung. Die Idee, es auf einen bloß im Augenblick bestehenden Kommunikationskanal herunterzubrechen, wäre absurd. Gesammelt werden die Daten also überall, bei Google, bei Facebook, das passiert geradezu von selbst, wenn diese Dienste irgendetwas sinnvolles tun wollen. Da erscheint es ein bisschen bizarr, ausgerechnet den Staat davon abhalten zu wollen. Natürlich wirft das eine Menge schwierige und wohl auch gefährliche Fragen auf – was wir sinnvollerweise noch unter Privatsphäre verstehen können und wie sich das Machtverhältnis zwischen Staaten und Plattformen gestalten wird – aber diese Fragen bedeuten nicht, dass sich das Rad noch zurückdrehen ließe. Und, wie Michael Seemann schreibt, »dieser Prozess ist als Horrorgeschichte erzählbar oder als ein Akt kollektiver, gegenseitiger Bewusstwerdung.«

Belanglose Interaktionen durch bedeutungsvolle ersetzt, gerne auch über Grenzen und Zeitzonen hinweg: Gewinn auf der ganzen Linie.

Es ist ein beliebter Sport unter Lesern – oder jedenfalls fühlt es sich für den Autor so an –, den Autor auszufragen und ihm womöglich nachzuweisen, dass seine Geschichte autobiographisch wäre, nur autobiographisch, und also gar keine richtige Literatur. Umgekehrt werden die Leser, sobald der Autor Autobiographie zugibt, ihm sofort zu erklären versuchen, dass das unmöglich sei, weil, das gehe ja gar nicht, schließlich sei alles Schreiben Fiktion. Man kann, mit anderen Worten, auch gut auf die Diskussion verzichten, sie ist für den Autor belanglos.

Für mich als Leser allerdings nicht. Ich kann fiktionale Konstruktionen anerkennen und schätzen. Tatsächlich aber erscheint mir Fiktion als eine Art Höflichkeitsform des Schreibens und ich möchte den Autor eigentlich packen und schütteln und fragen: »Warum hast du mir nicht die richtige Geschichte erzählt?«

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Keiner davon ist witzig (2015-09)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren.

Dies ist die neunte Ausgabe von »Keiner davon ist witzig«, mit Tweets aus dem September 2015.

Jeder, der halbwegs alle Tassen im Schrank hat, wird dahin gehen wollen, wo es am besten ist. Was jeweils in der eigenen Lebensgleichung als das beste erscheint, wird von verschiedenen Faktoren bestimmt: die Verbundenheit mit der eigenen Heimat und Herkunft ist einer davon, Gefahr für Leib und Leben, Karrieremöglichkeiten oder Neugier sind andere. Eine Gesellschaft, oder sagen wir besser: eine Zivilisation dürfte sich frei nennen, wenn diese Faktoren sich unter möglichst wenig äußeren Zwängen entfalten können. Was wir brauchen, ist nicht eine Welt, in der jeder bleiben kann, wo er hingehört, sondern wo jeder gehen kann, wohin er will.

»Ich habe bei allen früheren Angriffen den eindeutigen Wunsch gehabt: Möge es recht schlimm werden! So eindeutig, dass ich beinahe sagen möchte, ich habe diesen Wunsch laut gegen den Himmel ausgerufen. Nicht Mut, sondern Neugier, ob mein Wunsch in Erfüllung gehe, ist es gewesen, was mich niemals in den Keller gehen ließ, sondern auf dem Balkon der Wohnung gebannt hielt.« – Hans-Erich Nossack in »Der Untergang«, seinem Bericht über die Bombardierung Hamburgs im Sommer 1943

Ich bin nur zur Hälfte freiwillig nach Amerika gegangen. Die andere Hälfte hatte mit einer Frau zu tun – der Mutter von zweien meiner Kinder, genau genommen. Ich wurde durch höhere Gewalt dazu gezwungen.

Ein paar Monate nach meiner Ankunft habe ich im Hafen von New York gestanden und mich gefragt, ob jemals einer der Millionen Einwanderer die Freiheitsstatue mit so zwiespältigen Gefühlen angeschaut hat wie ich. Während der ersten drei, vier Jahre habe ich mich fast täglich umgeschaut und gefragt: Was zum Teufel mache ich hier?

Am meisten Sorgen hat mir gemacht, dass ich als jemand, der deutsch denkt und deutsch schreibt, mich ungeschickterweise aus der Welt katapultiert haben könnte. Dieses Gefühl verschwand erst nach ungefähr vier Jahren. Inzwischen sehe ich, dass meine Sprache zwar für mich selber eine äußerst intime Angelegenheit ist, aber in der großen Ordnung der Dinge eine eher belanglose Rolle spielt.

Ich kann das Auswandern mittlerweile jedem empfehlen. Es pustet ordentlich das Gehirn durch.

Vordergründig sieht das nur wie ein Tweet über Doppelmoral aus. Wir sind sofort dabei, wenn es darum geht, ein paar hundert Euro Steuern zu sparen, selbst wenn es illegal ist. Schließlich ist es immer der Staat, der ungerecht ist, und der einzelne darf und soll sich nehmen, was er kriegen kann, dafür hat jeder Verständnis. Und dann ist die Entrüstung groß, wenn die Strategie eines Konzerns, in der jeder Beteiligte nur exakt so gehandelt hat, wie wir alle es jeden Tag tun, plötzlich als Skandal an die Oberfläche gespült wird.

So weit, so voraussehbar, so harmlos. Aber in dem Tweet ist von ehrlicher Entrüstung die Rede. Ehrlich, im Gegensatz zu scheinheiliger oder oberflächlicher Entrüstung. Die Entrüstung ist also ehrlicher, als ihre objektive Scheinheiligkeit erwarten lassen sollte. Vielleicht ist diese Entrüstung eines der besten und reinsten Gefühle, das wir überhaupt zu bieten haben, selbst wenn sie jeder faktischen Berechtigung entbehrt. Und der Konzern schwindelt nur – er ist kein finster agierender Schurke; es gibt ja letztlich niemand, der in der Zentrale sitzt und sich böse lachend die Hände reibt. Der Konzern ist, auf der Ebene persönlicher Verantwortung, überhaupt nicht vorhanden, es gibt ihn nicht. Und jetzt?

Dieser Tweet hat aus zwei Gründen hier nichts verloren. Erstens ist es ein Tweet mit Bild, und das hier ist ein literarisches Projekt. Zweitens ist der Tweet, obwohl er die eigene Unwitzigkeit behauptet, dann ja doch wieder witzig – es ist überhaupt nicht mehr möglich, Stephan Porombka und ein Buch zu sehen und es nicht witzig zu finden, selbst wenn der Stephan Porombka auf diesem Bild noch nichts davon weiß. Ich stelle den Tweet dennoch hier hin, und das aus zwei Gründen: Erstens, weil ja sonst überhaupt nie ein Tweet von Stephan Porombka hier stehen dürfte, und das wäre schade. Wenn schon einer, dann dieser hier, der die eigene Witzigkeit gekonnt in Szene setzt und hinterfragt, ohne sie aufzulösen. Und zweitens, weil es durch diesen Tweet auf eine ganz unwitzige und ziemlich erschütternde Weise bei mir Tag wurde. Ich habe plötzlich vor mir gesehen, was sich seit dem Jahr 2003 – oder auch noch 2006 – medientechnisch in meinem Leben und in der Welt überhaupt verändert hat. Und dass Stephan Porombka mit seinen merkwürdigen Bildern nichts anderes tut, als diese Entwicklung sichtbar zu machen. Und dass diese Bilder deshalb so merkwürdig sind, weil gerade eine Menge mehr passiert, als es auf den ersten Blick den Anschein haben mag.

»Man kann ein Dichter sein, ohne jemals eine einzige Zeile zu Papier gebracht zu haben.« (H.C.Artmann) Es waren Sätze wie dieser, die mir durch die zehn oder zwanzig Jahre geholfen haben, in denen ich zwar geschrieben habe, aber nichts auf die Reihe kriegte. Ich hatte das Gefühl, mein Output läge bei etwa einem sinnvollen Satz pro Jahr, Tendenz fallend.

Man richtet sich nach und nach damit ein, wohl nie etwas produzieren zu können, das in das Raster dessen passt, was einen Verlag interessieren könnte. Andererseits ist Schreiben ein kommunikativer Akt; es funktioniert nicht, einfach nur für sich selbst und vor sich hin zu schreiben. Womit dieser Tweet direkt an den vorigen anknüpft: In der alten Medienwelt, die noch bis vor zehn Jahren die einzige existierende und denkbare war, wär’s das gewesen. Aber die heutige ist die erste Autorengeneration, die schreiben und sich eine Öffentlichkeit aufbauen kann, ohne dazu in das Raster eines Verlags passen zu müssen. Die ganze Tragweite davon werden wir wahrscheinlich erst in ein paar Jahrzehnten erkennen.

Keiner davon ist witzig (2015-08)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren.

Dies ist die achte Ausgabe von »Keiner davon ist witzig«, mit Tweets aus dem August 2015.

Es gibt verschiedene Arten, Twitter ernst zu nehmen. Als ich es 2009 kennenlernte, war ich begeistert, weil ich mir vorstellte, dass nie wieder ein Autofahrer ans Ende eines Staus geraten würde, ohne den Autobahnkilometer zu twittern. So würde jeder seinen Teil zur globalen Erfassung der Verkehrslage beitragen. Flugzeuge würden landen und sofort könnte man es auf Twitter anhand der Flugnummer, von etlichen Passagieren getwittert, nachvollziehen. Dass Twitter auch ein literarisches, politisches, philosophisches Medium wäre: selbstverständlich. Twitter wäre einfach alles, der globale Marktplatz schlechthin.

Ich war enttäuscht, als es nicht so kam, obwohl die Gründe natürlich nachvollziehbar sind: Verkehrslage und Fluginformationen ließen sich besser in spezialisierten Systemen erfassen als auf dem Marktplatz durcheinanderrufen. Die praktischen Anwendungsfälle von Twitter verloren an Bedeutung, es wurde mehr und mehr zu einem literarischen Medium für mich. Und je mehr es das wurde, desto ärgerlicher fand ich, dass viele es offenbar einfach als Witzbude verstanden. Das ist schwächer geworden durch die Arbeit an dieser Liste hier; das Suchen nach großartigen Tweets nimmt soviel Zeit in Anspruch, dass für Witze und das Ärgern darüber gar nichts mehr übrig bleibt.

Es ist auch ein Problem, das Sebastian alias @noemata offenbar nicht teilt, denn manche der Accounts, denen er mit Begeisterung folgt, sehen aus meiner Perspektive wie reine Kalauerschleudern aus. Was Sebastian »ernst nehmen« nennt, ist also nicht die Art, wie ich Twitter ernst nehme. Ich fürchte, sein spezifisches Talent, seine Leistung, man könnte es auch einen Fluch nennen, besteht unter anderem darin, Dinge auf Twitter schlimm zu finden und sich nicht darüber beruhigen zu können. Ich schätze das sehr.

Ein Blick auf die eigene Favstar-Bestenliste genügt. Früher kannten diesen Effekt nur Verleger und Menschen, die Bestsellerlisten nicht nur befolgten, sondern auch studierten. Es ist etwas anderes, ihn am eigenen Leib zu erfahren.

Bonuspunkt für das schöne »nichtswagend«. Ich habe denselben Eindruck, trotzdem frage ich mich, was diese Beobachtung über uns, die wir uns in der digitalen Öffentlichkeit bewegen wie Fische im Wasser, aussagt. Ich glaube, es gehört ein sehr spezifischer Öffentlichkeitsinstinkt dazu (um nicht zu sagen: ein Rampensau-Gen), um hier nicht nur mitspielen zu wollen, sondern es auch zu können. Und vermutlich liegt auch darin der Grund, warum viele Menschen mit dieser digitalen Öffentlichkeit nicht so viel anfangen können, zu unserer großen Verwunderung.

Ich kann mich noch gut an das namenlose Entsetzen erinnern, als ich den Mut für meine ersten Tweets zusammennahm, das Erstaunen auch, etwas nie dagewesenes zu tun. Es war nicht unähnlich dem Moment, als ich zum ersten Mal mit etwa zehn Leuten in einem Seminarraum saß, mir eine Frage gestellt wurde, und meine Stimme, als ich zu antworten versuchte, vor Scham versagte.

Ich fürchte, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es Menschen gibt, die nicht twittern können oder wollen. Oder die sich nicht vorstellen können, dass sie es wollen könnten. Ich möchte etwas übrig behalten von diesem Entsetzen, dieser Scheu, dieser Unschuld. Denn selbst auf dem Niveau eines Fischs im Wasser kommt es mir darauf an, mich möglichst oft bis zu genau diesem Punkt vorzuarbeiten, wo man es kaum wagt, auf Tweet zu drücken. Erst dabei entstehen die Sachen, die es wirklich wert sind. Das Gute ist, dass heute weitaus mehr Menschen an diesen Punkt gelangen als früher.

Nachhilfe in Psychologie, die ich gerne annehme. Ich mag eine Beleidigung als harmlos empfinden, die Schultern zucken, »mich nicht so anstellen«. Jemand anders, der ein dünneres Polster aus Lob, Anerkennung und sozialer Sicherheit mitbekommen hat, sieht das vielleicht überhaupt nicht so.

Gerade ist ein Buch von @blutundkaffee erschienen, und wenn diese Erwähnung dem Googeln ihres Namens Vorschub leistet, soll es so sein. Die paradoxe Erfahrung, wenn das Innerste plötzlich in die Öffentlichkeit gekehrt wird – in diesem Tweet ist das so überzeugend dargestellt, wie ich es lange nicht mehr gelesen habe.

Steile These. Das Lachen, auch das Lachen über Tweets, ist immerhin eine der befreiendsten Erfahrungen, die ich kenne. Es ist allerdings auch eine Erfahrung von Souveränität, von Macht. Die coolen Kinder lachen, die uncoolen müssen sich einigeln und fehlende Stärke nachholen, sei es, indem sie selber cool werden und lachen lernen, oder auf komplizierteren Wegen. Kleinkinder lachen, um ihren Eltern zu zeigen, dass ihre Gene in Ordnung sind und die weitere Aufzucht sich lohnt. Lachen ist ein hartes Geschäft. Eine Vergewisserung, zu den Siegern zu gehören. Es wäre höchstens die Frage, ob diese Dinge auf einer so grundlegenden Ebene ablaufen, dass die Begriffe gut und böse hier keinen Sinn mehr machen, wie bei einem Atomkern, der Elektronen einfängt.

Haifisch, unbedingt. Gut, dass es Lyriker gibt.

Dostojewski oder Citizen Kane: Der Gedanke, dass das äußerste, was man im Leben erreichen kann, ein paar Erinnerungen aus der Kindheit sind. Hier fast noch überzeugender formuliert – fast, weil die bloße Erinnerung an das eigene Denken in meiner Erfahrung noch nicht dieses mystische Feld aufspannt. Es muss schon ein Schlitten sein, ein Schulweg, ein Sonnenaufgang.

(Der Tweet stammt von @sweden, wo jede Woche jemand anders twittert. In diesem Fall war es @vforangelica.)

Ein Beleg dafür, dass die Aufnahme in diese Liste nicht bedeutet, dass ich mit einem Tweet einverstanden wäre. Ich halte diesen für fast vollständig falsch. Publizieren ist ein eigener Akt des Hervorhebens und Sichtbarmachens, des Lenkens von Aufmerksamkeit, und das ist völlig unabhängig davon, ob die publizierte Sache schon vorher zugänglich gewesen wäre, wenn man nur von ihr gewusst hätte. In einer Welt, in der alles und damit wesentlich mehr zugänglich ist als je, ist das Publizieren umso wichtiger.

Trotzdem interessiert mich der Tweet, weil er mich an eine Situation vor ein paar Tagen erinnert, als ich am Gate eines Flughafens saß und einen Blogeintrag schreiben wollte. Es ging nicht. Und zwar, weil jemand neben mir saß, der zwar schlief, aber jederzeit auf meinen Bildschirm hätte schauen können. Das ist immerhin seltsam, denn der Text, an dem ich gerade schreiben wollte, sollte schon vierundzwanzig Stunden später für jeden, der über eine Internetverbindung verfügt, abrufbar sein.

Es ist, als würde die Möglichkeit, öffentlich zu sprechen, voraussetzen, dass man zuerst privat sprechen kann. Das ist, obwohl ich der Idee der Post-Privacy eine Menge abgewinnen kann, eines der stärksten Argumente für die Privatsphäre, das ich kenne, und auf das ich noch keine befriedigende Antwort habe.

Ich bin mir nicht sicher, was schwieriger ist: der erste zu sein, dem etwas gefällt, oder der letzte. Tatsächlich fällt es mir leicht, etwas gut zu finden, das noch niemand außer mir kennt. Das passiert mir eigentlich ständig. Wesentlich schwieriger ist es, ein unabhängiges Urteil zu finden, wenn vorher schon tausende andere eines gefunden und geäußert haben. Der Tweet drückt so etwas wie den Urmoment der Bewunderung aus, und insofern eine Zielvorstellung: jedes Ding so zu bewundern, als wäre man der erste, selbst wenn es schon viele andere gibt.

Ich glaube, dass die Konzepte Nationalstaat, Heimat, Muttersprache stärker an unser Gehirnvolumen angepasst sind, als man meinen könnte. Dass viele in Deutschland mit einer Idee wie Patriotismus nichts anfangen können, ist möglicherweise weniger fortschrittlich und aufgeklärt, als es scheint, sondern nur die Kehrseite des dumpfen und katastrophalen Nationalismus auf der anderen Seite. Ja, es wäre schön, wenn wir uns alle ausschließlich als Bürger des Universums begreifen könnten, aber schon mehr als eine Sprache in den eigenen Kopf zu kriegen, rüttelt an unseren biologischen Grenzen.

Ein paar lose Gedanken von jemand, der selber weggegangen ist, um sein Glück woanders zu suchen.

Menschen verlassen ihre Heimat aus weit geringeren Gründen, als dass sie zuhause um ihr Leben fürchten müssen. Ein paar Grad mehr Lufttemperatur, eine aufgeschlossenere Mentalität, ein paar Euro – pardon: Dollar – mehr Einkommen reichen. Das Recht, an dem Ort leben und arbeiten zu können, wo es am besten ist, nimmt intuitiv jeder für sich in Anspruch. Es ist weniger Menschenrecht als ein Urinstinkt, vielleicht einer der stärksten Instinkte des Menschen überhaupt. Wer es versucht, trifft auf Widerstände, und es ist ein ebenso natürlicher Instinkt, zu versuchen, diese Widerstände zu überwinden. Aber nur Menschen aus privilegierten Ländern – sagen wir den Top-10-Industrienationen – können sich zuverlässig über solche Widerstände hinwegsetzen.

Migration reguliert sich auch ohne staatliche Eingriffe, und man weiß nicht, welche der Varianten man ruppiger finden soll. Warum leben nicht alle Deutschen in Berlin oder am Starnberger See, wenn es da so schön ist? Oder in Frankfurt, wenn man da soviel Geld verdienen kann? Es ist schön in Florida, aber nicht alle Amerikaner leben da, weil im wesentlichen schon alles besetzt ist. Das regelt sich völlig ohne Parzellenzuteilungsverordnung, sondern allein über die Grundstückspreise. Nicht alle wohnen in New York oder San Francisco, auch wenn das viele verlockend finden. Aber die meisten können es sich nicht leisten, oder sind nicht so verrückt, sich für viel mehr Geld mit einem viel geringeren Lebensstandard abzufinden.

Als die Bundesregierung Green Cards für Inder einführen wollte, stellte sich peinlicherweise heraus, dass die Inder gar nicht nach Deutschland wollten. Sie haben die Wahl, und sie finden es viel attraktiver, nach Amerika zu gehen. Woran könnte das liegen?

Ich arbeite in vielen amerikanischen Banken oder Versicherungen, wo die Belegschaft zu neunzig Prozent aus Indern besteht. Das verblüffende ist, dass niemand ein Problem damit hat. Ich erkläre, wenn ich zu einer Gruppe von Menschen spreche, am Anfang oft, dass ich ursprünglich aus Deutschland komme und man daher einen gewissen Akzent nicht ganz ausschließen könne. Das führt meist zu Heiterkeit oder Gähnen, weil jeder im Raum irgendwo herkommt und irgendeinen Akzent hat.

Bei einem Besuch neulich in Deutschland wunderte ich mich, dass sich mein schwarzer Taxifahrer nicht weniger unfreundlich und mürrisch verhielt, als ich es von einem deutschen Taxifahrer erwartet hätte. Und da war’s passiert: schwarzer Taxifahrer, deutscher Taxifahrer. In Amerika würde man sagen: schwarzer Taxifahrer, weißer Taxifahrer, und hätte auch damit noch genügend Probleme. Aber der Ausdruck »weißer Taxifahrer« ist in Deutschland undenkbar. Das Gegenteil von schwarz ist deutsch.

Keiner davon ist witzig (2015-07)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihnen überhaupt gut tut, hier in dieser Liste ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Es ist ein Experiment.

Dies ist die siebte Ausgabe von »Keiner davon ist witzig«, mit Tweets aus dem Juli 2015.

Ein Kalibrierungstweet, dankbar verzeichnet. Note to self.

Spannend, das vor dem Satz von Michael Seemann zu lesen, dass die Totalüberwachung ab jetzt ein Grundzustand ist, mit dem wir uns abzufinden haben. Und trotzdem interessiert mich der Tweet vor allem, weil er mich daran erinnert, was einer der ersten Gründe war, aus denen mein eigener religiöser Fundamentalismus zusammenbrach: weil ich keinen sinnvollen Satz mehr fand, den ich zu Gott sagen konnte.

Ich fand das auf Anhieb plausibel, aber dann war es nicht so einfach, mir zu erklären, warum. Mir fielen eigentlich nur Hinsichten ein, unter denen das Schicken einer Maschine ganz und gar nicht wie das Schicken von Gedanken ist. Es ist wesentlich teurer zum Beispiel. Es dauert wesentlich länger. Es liefert objektive Resultate, die selbst durch die größte Gedankenanstrengung oder Fantasie nicht vorweggenommen oder ersetzt werden können.

Ist dieser Tweet also ein klassischer Spielverderbertweet? Diese Art von Tweet, die sich häufig findet, wenn das ganze Internet wieder einmal für ein paar Augenblicke einhellig von einem Ereignis ergriffen zu sein scheint, einhellig bis auf ein paar Miesepeter, die dann wie an der Schnur gezogen von den hinteren Rängen solche bissigen Bemerkungen machen? Merkwürdigerweise sind es gerade besonders intelligente Leute, die in dieses Muster verfallen, was auch darauf hindeuten könnte, dass es sich um ein normales, wenn nicht notwendiges geistiges Korrektiv handelt. Einhelligkeit ist immer ungenau, bringt die geistige Bewegung zum Erliegen. Spielverderber spüren das, instinktiv möglicherweise, und schießen quer. Schon okay, vielen Dank.

Trotzdem dämmerte es mir nach einer Weile, was mich an dem Tweet wahrscheinlich überzeugt hat. Auch der Maschinenvorbeiflug führt letzten Endes nur wieder zu Gedanken. Zu faktisch basierten Gedanken vielleicht, aber doch eben: nur Gedanken. Dann allerdings könnte man fragen, ob es irgendetwas gibt, das nicht nur zu Gedanken führt. Behauptet der Tweet, dass es etwas fundamental anderes wäre, wenn man zum Beispiel Menschen zum Pluto schicken würde? Läge der Unterschied nicht nur in der Bandbreite, in der Zahl und der Intensität der Gedanken? Worin genau besteht der Unterschied, in der Natur, am Meer, in den Wäldern zu leben, statt im Zimmer zu sitzen und darüber nachzudenken?

Starke These, ich bin mir nicht so sicher. Dass das Machtgefüge ins Wanken kommt, ist schon richtig, und dass das Potential tiefgreifender Veränderungen besteht, auch. Mit ihren je eigenen Dystopien. Wenn ich mir, andererseits, das Zurückschlagen der Staaten anschaue, nachdem sie zehn, zwanzig Jahre von der digitalen Entwicklung komplett überrollt zu werden schienen, ohne zu begreifen, was ihnen passierte, dann bin ich unsicher, ob sie nicht doch noch ein paar Dystopien auf Lager haben.

Ich werde nach diesem Tweet Selfies nie mehr so anschauen können wir vorher.

Alles, wenn man es aufmerksam genug anschaut, sagt alles über alles. Trotzdem sagt der Tweet ja mehr muss man nicht wissen, es ist also so, als würde der Erfolg von Apple ein typisches, besonders aussagekräftiges Schlaglicht auf die Menschheit werfen. Das wäre dann wohl die Mischung aus Erfindergeist und Genialität, aus Qualität und Ästhetik, sowie der unfehlbaren Neigung, für ein bisschen Bequemlichkeit ohne Zögern jede nur denkbare Freiheit aufzugeben.

Ich finde äußerst interessant, dass dieser Tweet mehrere verschiedene Lesarten hat. Man kann ihn als Kritik an Twitter lesen – an der Entscheidung, die von uns hochgeladenen Hintergrundbilder verschwinden zu lassen, unangekündigt und von einem Tag auf den andern –, oder als wütende Erinnerung daran, wer hier eigentlich der Contentproduzent ist und nach wem sich Twitter gefälligst zu richten habe. Oder auch als selbstironische Konstatierung der eigenen Abhängigkeit von Twitter und den Machtstrukturen im Netz. Aber man kann den Tweet auch ganz einfach ohne doppelten Boden und face value lesen: als Erstaunen und echte Dankbarkeit darüber, dass die Möglichkeit des Twitterns besteht. Und das wird paradoxerweise genau in dem Moment sichtbar, in dem ein vergleichsweise nebensächlicher Teil des Dienstes wegbricht, und so seine Nicht-Selbstverständlichkeit sichtbar macht.

Schlimmes Wort, schlimme Sache. Die Lebensverweigerung wäre unbedingt zu unterscheiden vom Wunsch, nicht mehr leben zu wollen. Man ist quietschlebendig, aber weigert sich, es zu sein. Wir alle sind vermutlich an etlichen Stellen Lebensverweigerer. Vielleicht ist das sogar konstitutiv für den Menschen: das einzige Lebewesen zu sein, das das Leben verweigern kann. Ich habe außerdem den Eindruck, dass Lebensverweigerung und Technikverweigerung gerade weitgehend deckungsgleich sind.

Ohne Frage einer der besten Tweets zur Netzpolitik-Affäre. Was mich hier interessiert, ist, ob er in die Liste »Keiner davon ist witzig« passt. Man könnte das vielleicht – was man viel öfter tun sollte – biometrisch anhand der Mundwinkelauslenkung bestimmen. Ich habe, wenn ich mich richtig erinnere, bei diesem Tweet »Klasse!« gedacht und etwas wie Genugtuung gespürt, aber nicht gelacht. Das ist bemerkenswert, wenn ich mich an eine Diskussion mit Kathrin Passig erinnere, in der sie sagte: »Ein nicht-witziger Tweet ist ein witziger Tweet, dessen Autor noch nicht lange genug nachgedacht hat.« Heißt das, der Witz ist das ultimative Ziel aller Kommunikation, ihre höchste denkbare Form – wenn schon nicht überall, dann doch zumindest auf Twitter? Ich könnte nicht entschiedener anderer Meinung sein, und dieser Tweet von @NeinQuarterly legt diesen Unterschied, glaube ich, auf minimalstmögliche Weise offen. Er könnte nicht klüger sein – ist nicht durch weiteres Nachdenken zu verbessern –, aber er balanciert doch haarscharf auf der Grenze zwischen witzig und nicht-witzig und bleibt, für mich, unmittelbar davor stehen.

Keiner davon ist witzig (2015-06)

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihnen überhaupt gut tut, hier in dieser Liste ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Es ist ein Experiment.

Dies ist die sechste Ausgabe von »Keiner davon ist witzig«, mit Tweets aus dem Juni 2015.

Eine Szene aus dem Film Napola, die mich nicht mehr losgelassen hat: Als einer der Nazi-Eliteschüler, nachdem seine Klasse zum Jagen und Erschießen flüchtiger Kriegsgefangener in einen Wald abkommandiert worden war, sagte: Ich dachte, wir wären die Guten.

Ich glaube nicht, dass Menschen dauerhaft, also länger als fünf Minuten, mit der Erkenntnis leben können, nicht zu den Guten zu gehören.

Dabei stehen wir zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens für fast alle Menschen auf der falschen Seite. Man muss dazu nicht erst an den islamischen Staat denken. Ich arbeite für ein hoffnungsvolles Startup, und die Mitarbeiter der Firmen, mit denen wir konkurrieren, stehen für mich auf der falschen Seite. Und ich aus ihrer Sicht.

Ob es so etwas wie eine objektiv richtige, gute Seite gibt, und sei es in einzelnen, klar umrissenen Fragen, traue ich mich kaum, zu beantworten.

Individualismus geht überhaupt nur unauffällig und harmlos. Oder?

Siehe den obigen Tweet.

Ich wüsste nicht, was ich täte, wenn ich einen Autor (oder eine Autorin) bei einer versteckten Anspielung erwischen würde. Ich würde vermutlich mein Geld zurückverlangen. Anspielungen im Text zu verstecken kommt mir vor wie Mummenschanz. Das mag ja reizvoll sein, aber beim Lesen doch nicht.

Die nagende Frage, und der Grund, warum ich an diesem Tweet herumdenke, ist natürlich, wie sehr ich mich auf den Leser einstelle und von ihm (oder ihr) verstanden zu werden versuche. Ich habe mir angewöhnt, nicht danach zu fragen. Das hat den Vorteil, dass ich mich, wenn mir ein Leser vorwirft, mein Text sei harmlos oder es stünde nichts neues drin, darauf zurückziehen kann, dass ich den Text auch gar nicht für ihn geschrieben habe, sondern für mich selbst, und dass dieser Text mir zu einer Erkenntnis verholfen hat, an die ich auf keine andere Weise gelangen konnte als eben durch genau diesen Text. Ich halte das für das einzig brauchbare Qualitätskriterium.

Schlecht ist natürlich der umgekehrte Fall, wenn ich den Leser verliere, weil er meine Gedankensprünge nicht nachvollziehen kann. Ich neige dazu, diesen Nachteil in Kauf zu nehmen – aus Selbstschutz, nicht aus Gemeinheit gegenüber dem Leser. Ich glaube, man merkt es einem Text an, ob er für den Autor selbst absolut unabdingbar wichtig war, und das ist jedem Versuch einer an den Leser gerichteten Didaktik vorzuziehen. Schon alleine, um den Leser (oder die Leserin) nicht aus Versehen zu langweilen.

Schönes Postskriptum zum vorherigen Tweet. Die Selbsttäuschung als treuster Begleiter des Autors (und der Autorin).

Es wäre interessant zu sehen, wie weit in der Zukunft der Zeitpunkt liegt, ab dem diese Bedeutung die offizielle wird, weil sie einen fundamentaleren Epochenwandel ausdrückt als die heute gängige.

Vielleicht liegt ein großer Teil der Unterschiede, wie Menschen mit ihrem Leben, mit Kunst, mit Sexualität umgehen, einfach in der Intensität, oder sogar in der schieren Anwesenheit oder Abwesenheit von Gefühlen begründet. Die Idee, sich zu seinen Gefühlen zu verhalten, sie zu hinterfragen, zu überwinden, könnte ein hübsches Erkennungszeichen für Leute sein, deren Gefühle um Größenordnungen schwächer sind als die anderer.

Die gelungenste Skizze unserer Stellung im Kosmos, die ich seit langem gelesen habe.

Der Kleine ist nicht stumm

Über diesen Artikel aus dem Jahr 1985 habe ich einiges im Techniktagebuch geschrieben (Teil 1, Teil 2, Teil 3). Ich möchte ihn hier nur nochmal im Volltext archivieren, einschließlich der vollständigen Scans. Otherwise, nothing to see here. Move along.

Auch dem ZX81 von Sinclair kann man Töne entlocken, wenn man es richtig anstellt, und die Möglichkeiten sind nicht uninteressant. Wie man dazu vorgehen muß, zeigt dieser Bericht.

Das Programm erzeugt am MIC-Ausgang des ZX81 (Kassettenport) Rechteckschwingungen, die über einen Verstärker, etwa einen auf Aufnahme geschalteten Kassettenrecorder, hörbar sind.

Dadurch wird der ZX81 fast zu einem richtigen Musikinstrument. Allerdings muß der Nachteil in Kauf genommen werden, daß bei der Tonerzeugung das Fernsehbild verschwindet. Auf dem Bildschirm sind dann ähnliche Streifen zu sehen, wie sie beim Aufzeichnen von Programmen entstehen.

Die eigentliche Tonerzeugung übernimmt ein Maschinenprogramm, welches durch das Programm in Listing 1 in die REM-Zeile (85 Zeichen lang!) am Anfang des Programms geladen wird. Achten Sie darauf, daß das Programm mit der Meldung “KEIN FEHLER GEFUNDEN.” stoppt! Die Zeilennummer des REM-Befehls wird dann übrigens 0 sein, was sie vor zufälligem Editieren schützt. Danach können die Zeilen 10-150 gelöscht werden.

Nun wird das Unterprogramm in Listing 2 dazu eingegeben, welches das Maschinenprogramm gewissermaßen steuert. Diese beiden Programmteile sind alles, was Sie zur Tonerzeugung brauchen.

Jeder Ton wird durch die Angaben Tondauer und Tonhöhe bestimmt. Die Tondauer wird von dem Maschinenprogramm dadurch eingehalten, daß die Anzahl der erzeugten Rechteckschwingungen mitgezählt wird. Dadurch ergibt sich aber, daß hohe Töne kürzer klingen als tiefe. Aus diesem Grund wird von dem BASIC-Unterprogramm (Listing 2) die richtige Schwingungsanzahl für die gewählte Tonhöhe ermittelt.

Um einen Ton zu erzeugen, müssen die Parameter Tondauer und Tonhöhe in Variablen abgelegt werden, und zwar nach folgendem Schema:

LET L = Tondauer (1-255)
LET P = Tonhöhe (0-255)
GOSUB 2

Mit dem GOSUB-Befehl wird die Tondauer auf die gewählte Tonhöhe umgerechnet, danach die Tonhöhe in die Adresse 16514 und die Tondauer in die Adressen 16515-16 gepoket, wo sie das Maschinenprogramm dann abfragt und den entsprechenden Ton erzeugt. Die Tonhöhe Null ergibt eine entsprechende Pause.

Die Beispielprogramme DEMO 1 bis 3 müssen natürlich mit dem Sounderzeugungsprogramm (Listing 1+2) zusammen verwendet werden. Wichtig: Vor dem Ablaufen Recorder an der MIC-Buchse auf Aufnahme schalten.

Wollen Sie eine bestimmte Frequenz erzeugen, so können Sie mit dem Programm in Listing 4 den erforderlichen Tonhöhenwert P ermitteln. Die gewünschte Frequenz kann fast nie genau getroffen werden, darum gibt das Programm den möglichen Näherungswert und die prozentuale Abweichung an. Die tatsächliche Tonhöhe hängt auch von der Taktfrequenz Ihres ZX ab. Falls Sie sie bei Ihrem Modell genau kennen, können Sie sie in Zeile 100 korrigieren (Hertz).

Für Musiker: Die Tabelle zeigt die auf diese Weise ermittelten Werte für die temperierte Tonleiter.

André Spiegel, zuerst veröffentlicht in CHIP Nr. 2 / 1985, S. 167/168.